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Anna Raverat: Lebenszeichen : Die Liebe ist kein Dieb, der auf der Lauer liegt

Bild: Rowohlt

Rachels Affäre mit Carl ist lange vorbei, da kommt Anna Raverats Erzählerin auf eine heikle Idee: Wenn der Kerl weg ist, kann ich ja immer noch über ihn schreiben.

          Rachel hatte eine Affäre mit Carl. Eines Abends, nach dem Besuch einer Bar in London, erlaubte sie ihm, sie zu küssen, sie nahm das Parfüm an, das er ihr schenkte, gestattete ihm während gemeinsamer Dienstreisen, in ihrem Bett zu übernachten, und entschied, dass es besser sei, ihrem Freund, dem guten Johnny, von all dem nichts zu erzählen. So geht es los, ganz gewöhnlich. Jede Liebesaffäre beginnt auf diese oder ähnliche Weise, egal, ob sie in London, Peking oder Singapur spielt, und ganz gleich, ob ihre Protagonisten Rachel und Carl oder ganz anders heißen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nichts an der Liaison, von der die englische Schriftstellerin Anna Raverat in ihrem Debütroman „Lebenszeichen“ erzählt, wirkt auf den ersten Blick außergewöhnlich. Rachel verbrachte ein paar (wenige) gute Tage mit Carl, wurde seiner bald überdrüssig, verließ ihn, verließ auch Johnny und stand am Ende dieses schon oft gesungenen, alten Liedes ohne die beiden Männer da. Doch weil niemand geht, ohne eine Spur zu hinterlassen, war auch Rachel noch lange mit den Verwüstungen beschäftigt, welche die Episode mit Carl und Johnny in ihrem Leben hinterlassen hatte: Sie arbeitete, trank und rauchte zu viel, schlaf und aß zu wenig und brach irgendwann zusammen. Das alles ist lange her, als der Roman beginnt. Zehn Jahre sind vergangen, und diese Jahre sind eine blinde Zeit.

          Schreibend den Druck ventilieren

          Wir, die Leser, erfahren nichts über sie. Wir wissen nicht, wie Rachel in der Wohnung landete, in der sie sich endlich an den Schreibtisch setzt, um die Geschichte ihrer Affäre aufzuschreiben. Wir erfahren auch nicht, ob sie den Job in der Wohltätigkeitsorganisation noch hat, den sie damals ausübte. Wir wissen nur, dass sie schon mehrmals mit dem Schreiben begonnen und es dann immer aufgegeben hat, und wenn wir bald vermuten, dass die Affäre allein für dieses lange Schweigen nicht der Grund sein kann - wieso sollte eine so gewöhnliche Geschichte jemanden derart lange blockieren? -, dann werden wir bald eines Besseren belehrt.

          Denn nicht lange nachdem die Sache zwischen Rachel und Carl zu Ende ging, ist Carl gestorben. Sehr lapidar teilt Rachel uns das mit, in einem Nebensatz. Wie so vieles Wichtige, was während und in der Folge ihrer Affäre geschah, lässt Anna Raverat ihre Ich-Erzählerin auch diese Information in jenen immer nüchternen, zuweilen tastend-poetischen Ton kleiden, der das ganze Buch durchzieht und immer wieder einen schönen Kontrapunkt zu den Abgründen bildet, die sich in seinem Verlauf auftun.

          Und doch: Einen Roman darüber zu schreiben, wie eine Frau, die nach einer Liebesaffäre den Boden unter den Füßen verliert, eines Tages zur Feder greift, damit die Geschichte ihren Druck verliert - „ihr Gewicht“, so heißt es einmal, „soll beim Schreiben abgeladen werden“ -, das ist eine heikle Angelegenheit. Denn die Grenze zwischen dem, was Fiktionalität und was therapeutischer Nutzen des Schreibens ist, kann leicht verschwimmen, und es gibt bei Anna Raverat auch nur wenige Hinweise darauf, wo und ob sie sie überhaupt ziehen wollte.

          Die Liebe ist kein lauernder Dieb

          Strenggenommen liegt der einzige Hinweis in ihrem konsequenten Verzicht auf jede Chronologie, in der fragmentarischen Anmutung ihres Buches, das aus kurzen, mitunter nur einem Absatz langen Szenen, aus Erinnerungsfetzen, Traumsequenzen, Beschreibungen und Reflexionen darüber besteht, woher die Lust an der Affäre eigentlich kam. Der Text ähnelt einer Collage, und auch wenn die Erzählerin diese Form zu Beginn damit rechtfertigt, dass die Erinnerung einfach „kein guter Aufbewahrungsort“ sei, weil in ihr nach undurchschaubaren Mustern manche Details aufbewahrt werden, während andere verschwinden, wirkt es zuweilen, als habe die Autorin mit der Entscheidung für diese Struktur aus der Not eine Tugend gemacht.

          Ähnliches gilt für einen anderen Aspekt dieses Buches. Denn in dem Versuch, ihrer Affäre auf die Spur zu kommen und eine Erklärung für die Entgleisung zu finden, begibt sich die Erzählerin immer wieder auf Gemeinplätze, etwa wenn sie von folgendem „Geistesblitz“ berichtet: „Angst ist nicht das Gegenteil von Liebe; Angst ist das, was hochkommt, wenn keine Liebe da ist.“ Oder wenn sie den Augenblick des Sichverliebens mit den Worten beschreibt: „Die ganze Vorstellung, man könnte der Liebe verfallen, ist falsch. Die Liebe lauert einem nicht auf wie ein Dieb, sie ist ganz einfach da. Von einer Sekunde zur anderen weiß man, ob man einen Menschen lieben kann.“ Beides klingt ebenso pathetisch wie banal, und da es hilft auch wenig, dass Rachel selbst zugibt, um diese Probleme zu wissen: „Die Fehler, die ich beim Schreiben mache, die Klischees und die Sentimentalitäten, die mir unterlaufen, gleichen denjenigen in meinem Leben. Mir ist das bewusst, aber es ist schwierig, die Fehler auszumerzen, vor allem, wenn sie sich über Jahre eingeschlichen haben und eine Art mentalen Panzer bilden.“

          Den Eindruck, der sich beim Lesen einstellt, dass es Anna Raverat nämlich einfach nicht gelungen ist, ihre Geschichte so auf den Punkt zu bringen, wie es dem Anspruch ihrer Erzählerin entsprochen hätte, können solche Geständnisse indes nicht abmildern. Die Schwächen, die das Buch in seiner Zuflucht bei diversen Platituden immer wieder offenbart, lassen sich nicht dadurch ungeschehen machen, dass man sie thematisiert und sie dadurch zum Teil des kreativen Schreibprozesses werden lässt.

          Anna Raverat hat entschieden, alles auszuformulieren, jede Hürde, die sich vor der schreibenden Rachel auftut, wird explizit beschrieben. Das macht ihren Text allerdings keineswegs, wie es der Klappentext suggeriert, zu einer Reflexion über die Leidenschaft. Vielmehr ist „Lebenszeichen“ ein Buch, das von dem Versuch erzählt, der Liebe literarisch auf die Schliche zu kommen - und es zeigt in diesem Bemühen vor allem, wie schwierig das ist.

          Aus dem Englischen von Britta Helbling. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2014. 255 S., geb., 19,95 Euro

          Quelle: F.A.Z.

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