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Roman aus Sri Lanka : Im allerengsten Erzählraum

Am Ende des Krieges waren die Tamil Tigers auf einer winzigen Fläche auf der Jaffna-Halbinsel im Norden Sri Lankas eingepfercht. Arudpragasam erzählt eine Geschichte aus der inneren und äuß0eren Beklemmung. Bild: AFP

Anuk Arudpragasam ist 28 Jahre alt und sein Romandebüt „Die Geschichte einer kurzen Ehe“ schon ein großer Wurf. Es führt uns den Bürgerkrieg in seiner Heimat Sri Lanka auf unerwartete Weise vor.

          Krieg pur. Verletzte. Stille zwischen den Menschen, keiner spricht mehr. Manche schreien. Ein Mann, der ein Kind zur Amputation des zerfetzten Arms trägt und sich überlegt, ob es besser gewesen wäre, die Granate hätte den anderen Arm entzweigerissen, denn dem kleinen Jungen fehlt bereits ein Bein auf derselben Seite: „Dass er nur noch den linken Arm und das linke Bein hatte, war für das Gleichgewicht sicher schwierig, aber alles in allem wären ein rechter Arm und ein linkes Bein oder ein linker Arm und ein rechtes Bein vielleicht noch schlimmer gewesen, denn diese Kombinationen waren schlechter ausbalanciert, wenn man darüber nachdachte.“

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Ort: ein Lager von evakuierten tamilischen Zivilisten im Nordosten Sri Lankas gegen Ende des Bürgerkriegs im Jahr 2009, eine Krankenstation, die gleich schließen wird, ein Brunnen. Die Lage: auf der einen Seite das Meer, auf der anderen der Dschungel, dazwischen eine Lichtung. Die Situation: Bombardements der Regierungstruppen, meistens gegen Morgen. Streifzüge der Rekruteure der „Bewegung“, wie die Tamil Tigers in diesem Buch heißen, meistens nachts. Der Autor Anuk Arudpragasam gibt seiner Geschichte keinen weiteren Kontext. Spricht nicht über Politik. Beschreibt keinen Konflikt, nicht die Gegner. Sein Erzählraum ist minimal. Die Zeit, die er sich gibt, ebenfalls: ein Tag. Sein Roman zeichnet auf poetische Weise nach, was im Bewusstsein eines ganz jungen Mannes geschieht, der weiß, dass er bald sterben wird. Dinesh heißt er, und in seinem Kopf bewegen wir uns. In seinen Gedanken, seinen Assoziationen.

          Es gibt keinen Ort der Zuflucht

          Das ist poetisch geschrieben in vielen seiner Bilder, ja. Aber dies ist auch und passagenweise vor allem ein gewalttätiger Text. Ein Text, der fast in jedem Satz die Gewalt trägt, der sich seine Szenen verdanken. Eine verletzte Krähe im Unterholz wird mit demselben Blick aufs versehrte Detail beschrieben wie das verletzte Kind in der ersten Szene. Und selbst in der Zärtlichkeit, mit der Dinesh sich neben die Krähe legt, um sie zu beruhigen, während sie vermutlich peinvoll stirbt, liegt etwas Gewalttätiges, etwas, das der Autor seinen Lesern auferlegt in gewisser Weise: dem Tod ins Auge zu sehen, in diesem Fall dem nahen Tod des Tiers.

          Die Ehe kommt ins Spiel, weil ein alter Mann Dinesh seine Tochter Ganga zur Frau gibt. Der Priester stirbt, bevor er die Hochzeit vollziehen kann, aber unter den Umständen genügt das Wort des Vaters. Danach verschwindet der Alte, auch er in den Tod vermutlich, denn es gibt keinen Ort der Zuflucht. Ganga weiß das, Dinesh ahnt es, und die beiden verbringen ihren ersten Tag als Ehepaar mit zaghaften Versuchen, Nähe herzustellen, ohne einander zu verletzen, wie dies ein solches Paar auch jenseits der Kampfzonen täte. Mehr geschieht nicht.

          Anuk Arudpragasam: „Die Geschichte einer kurzen Ehe“. 
Roman.  Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2017. 223 S., geb., 22,– €.
          Anuk Arudpragasam: „Die Geschichte einer kurzen Ehe“. Roman. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2017. 223 S., geb., 22,– €. : Bild: Hanser Verlag

          Der Reichtum dieses erstaunlichen Debüts liegt in der präzisen Wahrnehmung und Beschreibung von Einzelheiten wie dem Moosbewuchs eines Steins, der Teil der Lagerstatt wird zum Beispiel, zu der Dinesh seine Frau führt, fast wie ein Zuhause: „Es war, als hätte sein Körper in den vielen Stunden dort eine warme, nicht spürbare Substanz an den Boden und den Stein abgegeben, die diesen Platz mit einem Wissen um ihn angereichert hatte, so dass er gewissermaßen ein Teil von ihm geworden war, ein besonderer Ort.“ Dort wird Ganga schlafen, nachdem sie und Dinesh zum ersten Mal miteinander gegessen haben. Und Dinesh schaut ihr beim Schlafen zu, umrundet sie leise, beugt sich über sie, beobachtet, wie „ihre Brust sich hob und senkte, wenn Luft in ihren Körper hinein- und wieder herausströmte wie Wellen, die leise vor- und wieder zurückrollen“, während er vergaß, „dass er einem lebenden Menschen zuhörte und nicht nur irgendeinem, sondern seiner Frau“.

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