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Jonathan Franzens neuer Roman : Das Internet ist die DDR von heute

Legt seinen fünften Roman vor: Jonathan Franzen Bild: Helmut Fricke

Die Helden des großen amerikanischen Erzählers Jonathan Franzen hatten bisher alle ein Dach über dem Kopf. Jetzt zappeln sie im Netz der Manipulation. Franzens neuer Roman, „Unschuld“, sucht die Reinheit.

          Das Wesen der Manipulation ist paradox. Weil es ihr gelingt, sich durch das Fehlen sichtbarer Gewalt als jene Freiheit auszugeben, die sie in Wahrheit entzieht. Es kann daher kein Zufall sein, dass sich Jonathan Franzen nach seinem letzten Roman „Freiheit“ nun mit dieser subtilsten aller Einflussnahmen beschäftigt. Und was für ein Stoff gibt die verdeckte, unmittelbar auf die menschliche Seele wirkende Technik für einen Roman ab! Denn was für den Einzelnen gilt, gilt ja auch für die Masse. Bei Franzen sind in der Hand der großen Verführer alle Menschen knetbar – ob als Bürger, Geliebte, Internetnutzer oder Angestellte. Auf der Mikroebene des Privaten ist das schleichende Gift dabei so wirksam wie auf der Makroebene von Organisationen, Regierungen oder Wirtschaftsunternehmen. In „Unschuld“ wird manipuliert, was das Zeug hält, immer aber zum Zwecke eines fremden Vorteils. „Ihr war dabei“, heißt es über die junge Heldin Pip einmal, „als hätte man ihr den Schädel aufgeklappt und das Gehirn mit einem Holzlöffel umgerührt. Sie war noch immer weit davon entfernt, sich ihm zu unterwerfen, und doch war er einen Moment lang so tief in ihrem Kopf gewesen, dass sie spürte, wie es geschehen konnte.“

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Unschuld“ erscheint kommende Woche im Rowohlt Verlag. Es ist ein komplexer Roman voller Anspielungen und Referenzen, dessen aufwendige Konstruktion fast unsichtbar bleibt. Und sein Verfasser ist ein Seelenergründer, der alles, was in dieser fünfzig Jahre umfassenden Geschichte geschieht, aus den Figuren selbst entwickelt. So unterschiedlich ambivalent die Protagonisten in diesem Achthundert-Seiten-Panorama sind, die zu jeweils anderen Zeiten auf verschiedenen Kontinenten von Franzen wie von einem Kameramann umkreist werden, so ähnlich scheint ein Muster in ihren Psychopathologien: Bewusst oder unbewusst sind sie alle Meister darin, andere für ihre Zwecke einzusetzen. Deshalb sind es faszinierende Persönlichkeiten, die ihre Gefährlichkeit im Verborgenen halten. Der Stasi-Offizier, der seinen Opfern unsichtbare Fallen stellte, erweist sich dabei als ein Geistesbruder des Jahrzehnte später global verehrten Enthüllungshackers Andreas Wolf, der in der bolivianischen Hochebene einen Bienenstaat der Überwachung errichtet hat. Und die amerikanische Milliardenerbin Anabel, die in ihrem moralischen Absolutismus so weit geht, dass sie ihre ahnungslose Tochter unterhalb der Armutsgrenze aufzieht, ist, obwohl sie sich selbst als Opfer sieht, nicht weniger grausam als die einst in Ost-Berlin gefeierte Anglistin Katya, die ihren Sohn in einer fatalen ödipalen Umkehrung gefangen hält, die nicht zufällig an die Hamlet-Mutter Gertrude erinnert.

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