08.10.2009 · Alle Welt will den Wettbewerb kulturell zähmen. Was aber, wenn ein mörderischer Wettstreit der Anfang jeder Kultur gewesen ist? Muss tödliche Konkurrenz dann das Prinzip der Kultur bleiben? Diesem Rätsel stellt sich René Girard.
Von Eberhard Th. HaasAls Sigmund Freud im Juni 1913 seinen großen kulturtheoretischen Essay „Totem und Tabu“ beendete, fügte er in einer Fußnote hinzu, dass er anderen die Zusammenfassung zu einem Ganzen der Erklärung überlassen müsse. Dennoch erwarte er, dass sein neuer Beitrag in einer solchen Synthese eine zentrale Rolle spielen werde. René Girards kulturanthropologische Schriften kommen der Einlösung dieser Ankündigung nahe, doch auch ihnen begegnet die wissenschaftliche Welt mit derselben ablehnenden Zurückhaltung, die Freuds Nachweis der Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker widerfuhr. Das mag erklären, dass Girards Buch „Des choses cachées depuis la fondation du monde“ mehr als dreißig Jahre auf die vollständige Übersetzung warten musste, die jetzt vorliegt.
Der Herder Verlag hatte bereits 1983 eine verkürzte Übersetzung des 1978 erschienenen Werkes herausgebracht. Dem deutschen Leser entging damals, dass das Buch Gespräche Girards mit den Ärzten Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort enthält, wobei der Gesprächscharakter den Text von der Vorsicht entlasten sollte, die sonst in wissenschaftlichen Monographien geboten ist. Die Redebeiträge der beiden Psychiater sind auffallend kongruent mit denen Girards, was die Streichung nahelegen mochte, aber mit der Rhetorik die Absicht des Buches verwischte. Noch schwerer wiegt, dass das letzte Drittel des Originals komplett gestrichen wurde, weil man die dortige Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse für zu provokativ hielt. Dabei kennzeichnet die Rivalität zwischen mimetischer Theorie und Psychoanalyse das gesamte Denken Girards.
Akte der Gründungsgewalt
Das Werk ist in drei Bücher gegliedert. Das erste Buch enthält eine Theorie der Religion und stellt ähnlich wie „Totem und Tabu“ eine „Fundamentalanthropologie“ dar, die die Metaphysik auf rein menschliche Verhältnisse zurückführt. Dank Freud und Girard wirkt die Rede von einer nachmetaphysischen Zeit plausibel, weil es ihnen gelingt, die Sprache der Religion in die der Humanwissenschaften zu übersetzen, ohne wesentliche Inhalte preiszugeben. Ausgangspunkt ist das Offenlegen des Opfermechanismus: Kulturen und Gemeinschaften konstituieren sich in Akten der „Gründungsgewalt“. Eine elementare Krise im Leben früher Kulturen führt zur Suche nach dem vermeintlich Schuldigen, der als sprichwörtlicher Sündenbock verstoßen oder getötet wird. Er nimmt das Übel mit sich und lässt das Gemeinwesen gereinigt zurück.
Nach dieser Wohltat kann sich Hass in Dankbarkeit verwandeln, wobei diese Begriffe zu schwach sind, um die Paradoxie der wunderbaren Umwandlung fasslich zu machen, die dem Getöteten im Gedächtnis widerfährt. Girards spekulative Urgeschichte braucht die Aura des Heiligen. Der kollektiv Gemordete steigt vom Dämon zur Gottheit auf - auf ihn beziehen sich künftig Moral, Riten und Mythen. Freud hatte solche phantasierten Mordgeschichten in seinen Patientenanalysen entdeckt und ihren Namen in der Ödipus-Tragödie gefunden. In „Totem und Tabu“ spricht er nicht länger von Phantasmen, sondern führt die Geschichten auf reale Begebenheiten der Frühzeit zurück. Diese schlechte Nachricht aus den Anfängen menschlicher Kultur mobilisiert bis heute affektive Widerstände, von denen ebenso das Werk René Girards betroffen ist.
Altes Testament und Evangelien
Das zweite Buch erörtert die opferkritische Sicht jüdisch-christlicher Texte und hat insbesondere das theologische Denken angeregt. Die alttestamentlichen Mythen von Kain und Abel, der Sintflut oder die Josefsgeschichte sind der Form nach zwar mythisch, aber unter der Hand der jüdischen Redakteure zersetzen sich, so Girards Behauptung, die archaischen opferkultischen Formen. Abel wird als unschuldiges Opfer getötet, Josef schuldlos verstoßen. Der Ödipus-Mythos dagegen geht von der Schuld des Verstoßenen aus, nimmt also die Sicht des Kollektivs ein. In der „tiefgreifenden Krise der hebräischen Gesellschaft“, unter dem Druck der assyrischen und babylonischen Großreiche, wird der Gott der Juden immer mehr zu einem Gott auf der Seite der Opfer.
Noch weiter in der Entschlüsselung des Religiösen gehen die vier Evangelien. Hier erweist sich für Girard die selbsterschließende Kraft biblischer Texte in ihrem ganzen Umfang. Die Berichte vom Leben und Sterben Jesu Christi sprechen von Dingen, „die vom Anfang der Welt an verborgen waren“, wie es bei Matthäus mit einem Psalmzitat heißt. Es ist zu bedauern, dass die deutsche Übersetzung auf diesen Titel verzichtet. Dabei spielte bei den Herausgebern die Rücksicht auf den Zeitgeist eine Rolle, die Erwägung, dass die Postmoderne sich „mit kaum etwas schwerer tut als mit weitreichenden Geltungsansprüchen“. Solche Selbstbeschränkungen kennt das Werk Girards nicht. Was ist das Verborgene, das Geheimnis der vorchristlichen Geschichte? Die Passion Christi enthüllt das Prinzip der Gründungsgewalt.
Girards mimetische Theorie
Das dritte Buch trägt die Überschrift „Interdividuelle Psychologie“, postuliert Teilbarkeit statt Individualität als Prinzip der Seelenkunde. Dass das Ich nicht Herr ist im eigenen Haus, stellt eine entscheidende Erkenntnis der Psychoanalyse dar. Girards mimetische Theorie geht noch weiter, ist zeitgemäßer. Sie trägt der wachsenden Dominanz des Sozialen Rechnung, ist massenpsychologisch orientiert und nicht mehr auf das bürgerliche Individuum der Freudschen Ära bezogen. Girards mimetische Theorie ist eine Radikalisierung dessen, was in der Psychoanalyse trianguläres Begehren heißt. An diesem in der zeitgenössischen Psychoanalyse im Dahinschwinden begriffenen Kernkomplex der Neurose hält Girard fest, er bestreitet jedoch den Primat des Vaters.
Girard spricht von Aneignungsmimesis. Was versteht er darunter? Nachgeahmt wird ein Modell, das als Vorbild gilt und um seiner Eigenschaften willen beneidet oder bewundert wird. Indem das Subjekt das Modell imitiert, wird es ihm ähnlicher, und die Möglichkeit nimmt zu, dass Subjekt und Modell in Konflikt miteinander geraten. Leicht lässt sich die Vater-Sohn-Rivalität der klassischen Psychoanalyse wiedererkennen. Das Objekt des Begehrens, das Triebziel der Psychoanalyse, ist variabel, andere Dreieckskonstellationen sind denkbar. Geschwisterrivalität spielt auch in Gründungsmythen eine maßgebliche Rolle, etwa als Kampf der feindlichen Brüder.
Masochismus und Sadismus
In dem Maße, wie in den modernen Massengesellschaften der Wunsch oder das Begehren nicht mehr durch Tradition, Gesetz oder Verbot in Gewalt vermeidende Bahnen gelenkt wird, breitet sich, so Girards kulturkritischer Befund, nicht das Reich der Freiheit aus, sondern das der depressiven Erschöpfung. An die Stelle von Wertorientierungen, die aus Krisen hervorgegangen sind und über lange Zeiträume tradiert wurden, tritt überall die Konkurrenz. In krisenhafter Zeitbeschleunigung und dank sich überstürzender Moden werden Vorbilder immer rascher zu Rivalen, „und tatsächlich fehlt es zunehmend an Maß in einer entstrukturierten, mithin immer stärker von unkontrollierbaren mimetischen Schwankungen bedrohten Gesellschaft“.
In der Art, wie Girard Perversionen in seine Argumentation einbezieht, wird erkennbar, welche Horizonte ein ritual- und opfertheoretisch orientierter Blick für das Verständnis von Psychopathologien eröffnet. Freud hatte diesen Weg mit Erfolg beschritten, als er auf den Zusammenhang zwischen Zwangshandlungen und Religionsübungen verwies. Das Problem des Masochismus und Sadismus, das der Psychoanalyse Schwierigkeiten bereitet hat, wird transparent, wenn man hier die Gewalt des alten Heiligen durchscheinen sieht. Sich von einem „erotischen Partner quälen zu lassen, der die Rolle des Modells spielt, oder ihn selbst zu quälen, bedeutet stets den Versuch, mimetisch die Gottheit zu werden“.
Bedauerlicherweise kennt Girards „interdividuelle“ Psychologie keinen psychischen Apparat, das Intrapsychische bleibt eine black box. Dieser Mangel wiegt schwer, weil die mimetische Theorie auf einen gewichtigen Anwendungsbereich verzichtet. Es ist, als würde man in der Lehre von der biologischen Evolution auf die Erkenntnisse der Embryologie und aller Mikrostrukturen verzichten. Freud kam zu seinen Schlussfolgerungen durch die Erkenntnisse, die ihm die Patientenanalysen und die Traumdeutung boten.
Auf Freuds Schultern
Girard steht auf Freuds Schultern und behandelt seinen Vorgänger mit heimlicher Bewunderung und offener Herabsetzung, einer Haltung, die einer Rezeption abträglich ist. Immer wieder versucht sich die mimetische Theorie von ihrem Vorbild zu lösen und taucht doch stets aufs Neue nach Art einer Doppelgängerbeziehung in deren Gravitationsfeld ein. Das ist der Subtext des vorliegenden Buches, das wie das gesamte Œuvre Girards seine Abstammung nicht verleugnen kann.
Die entscheidenden ritualtheoretischen Entdeckungen Girards basieren auf dem, was Freud Urtragödie oder Urverbrechen nannte. Ohne diesen Anfang wäre Girards Theorie nicht denkbar. Sein Verdienst ist es, Freuds Denken über die Anfänge der Kultur aktualisiert und systematisiert zu haben. Beide Denker gehen, in Girards Worten, davon aus, dass es für die Humanwissenschaften etwas „Entscheidendes zu entdecken“ gibt, dass sich nicht alles in unendliche Sprachspiele oder Deutungsoptionen auflöst. Beide sind von der „Möglichkeit von Wahrheit im Bereich des Menschen“ überzeugt. Dass es Geheimnisse der Gattungsgeschichte gibt, die auf die Offenbarung durch Selbstaufklärung des Menschen warten, ist nicht esoterischer Überschuss der Theorien von Freud und Girard, sondern ihr anstößiger Kern.