Was ist Schicksal? Pali Meller, der ein grässliches erdulden musste, sagt es in einem Brief an seine Kinder vom Ostermontag 1942 so: „Alles ist vorgezeichnet, und alles Gute wie auch das Böse hat seinen Platz in diesem Gesamtbild, das wir Leben nennen und in dem wir nur kleine Bausteine sind.“
Das sollte trösten, denn Meller war sieben Wochen zuvor in Berlin verhaftet worden. Jahrelang hatte der 1902 im damals noch ungarischen Burgenland geborene jüdische Architekt seine Herkunft vor den nationalsozialistischen Behörden verschleiert. Nachdem er 1929 die niederländische Tänzerin Petronella Colpa geheiratet hatte, war er mit ihr nach Berlin gezogen. Dort erlebten sie die Machtübernahme der Nationalsozialisten, doch das katholisch-jüdische Paar hatte zwei Kinder und galt somit laut späterer NS-Terminologie als „privilegierte Mischehe“.
Aber Mellers Frau verunglückte 1935 tödlich, und als sich der Witwer ein paar Jahre später neue Frauenbekanntschaften suchte, tat er das im Vertrauen darauf, dass er seine jüdische Abstammung durch Dokumentenmanipulation gut kaschiert hätte. Er wurde denunziert, und so kam zum Vorwurf der Urkundenfälschung noch die „Rassenschande“ gemäß den Nürnberger Gesetzen. Am 3. August 1942 wurde Pali Meller zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt; er starb bereits knapp acht Monate später in der Haft an Tuberkulose. Jüdische Häftlinge wurden wegen solcher Erkrankungen meist nicht behandelt.
Wie aus einer besseren Welt
Leider muss man sagen, dass es ein Schicksal war wie viele andere; allein in Mellers Zuchthaus starben während der NS-Zeit 437 Häftlinge an Tuberkulose. Was es indes besonders macht - auch besonders bewegend -, ist die Existenz einer schmalen Korrespondenz, die Meller während der Untersuchungs- und Zuchthaushaft an seinen elfjährigen Sohn Paul und die vier Jahre jüngere Tochter Barbara sandte. Im Familienbesitz hat sie die Zeiten überdauert und ist jetzt von Dorothea Zwirner zu einem schmalen Band mit hervorragend recherchiertem Nachwort zusammengefasst worden. Das Buch trägt nach einer Bezeichnung, die Pali Meller seinen Briefen gab, den Titel „Papierküsse“.
Und das passt. Die insgesamt nur sechsundzwanzig Schriftstücke aus dreizehn Monaten (die Zahl der Briefe war streng geregelt; aus dem Zuchthaus durfte Meller nur alle sechs Wochen schreiben) sind jeweils große Liebeserklärungen an seine Kinder. Wobei noch eine dritte Adressatin zu berücksichtigen ist, mit der Meller nicht amourös verbunden war, die ihm jedoch zur größten denkbaren Hilfe wurde: die Kinderfrau Franziska Schmitt, die nach Mellers Verhaftung die Betreuung von Paul und Barbara übernahm, vom Vater noch vor dessen Verurteilung eine Generalvollmacht erhielt und tatsächlich den Jungen und das Mädchen über den Krieg brachte, in denen ihnen ständig die Deportation als „Halbjuden“ drohte. Ihr schrieb Meller kurz vor der Gerichtsverhandlung aus Berlin-Plötzensee: „Versuchen Sie, das ewig wartende Provisorium der Kinder in einen Dauerzustand, der nicht mit mir rechnet, zu verwandeln. Es ist die größte Kunst.“ Franziska Schmitt erwies sich als große Künstlerin.
Dass Meller hier von Kunst sprach, ist nicht nur Rhetorik. Kunst bedeutete dem begabten Architekten viel, seine Briefe sind voller offener und verdeckter Hinführungen der Kinder zu künstlerischer Betätigung: Leseempfehlungen, Ermahnungen zu Stilgefühl, Erkundigungen nach den Hobbys. Und in den schlimmsten Momenten der Unsicherheit über seine Zukunft nimmt Meller Zuflucht beim eigenen Beruf und entwirft ein Traumhaus für sich und seine Familie - wissend, dass er sie kaum jemals wiedersehen wird, denn da kannte er die Praxis des Strafvollzugs schon. Die Grundierung im Tod ihres Autors verleiht diesen anrührenden Briefen einen besonderen Glanz.
Sie schreiben gegen die Gewissheit an, einer unentrinnbaren Bestialität und Perversion des Menschlichen ausgeliefert zu sein. Sie tun dies gerade durch Menschlichkeit. Wenn Pali Meller auch das Schicksal beschwört und sich selbst als „kleinen Baustein“ abqualifiziert, so wusste er doch, dass ihm und den Seinen Unrecht getan wurde. Dieses Wissen wollte er Paul und Barbara so lange wie möglich ersparen, und deshalb schrieb er ihnen wie aus einer besseren Welt. Damit sie ungeachtet der deutschen Wirklichkeit daran glauben mochten, dass eine bessere Welt existieren kann. Das war Pali Mellers Sieg über die Nationalsozialisten - der einzige.