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Martin Walser zum Neunzigsten : Buch und Verklärung

Ein Mann der Schrift. Martin Walser wird nicht aufhören zu schreiben. Auch mit neunzig nicht. Bild: dpa

Ein bibliophiles Geschenk für Martin Walser: Pünktlich zum neunzigsten Geburtstag des Schriftstellers kommt eine neue Gesamtausgabe seines literarischen Werks heraus.

          Elftausend Seiten, ein Leben. Sein Leben. Vor Martin Walser steht aufgereiht eine Phalanx aus fünfundzwanzig Bänden: die neue Gesamtausgabe, nicht von seinem aktuellen Verlag, Rowohlt, publiziert, sondern privat von einem Freund, dem Antiquar Heribert Tenschert, der dem Schriftsteller zwanzig Jahre nach dessen erster Werkausgabe, damals noch bei Suhrkamp, zum heutigen neunzigsten Geburtstag eine Zusammenstellung auf aktuellem Stand beschert. Walser hat seit 1997 sein Lebenswerk um ein rundes Drittel vergrößert, auch um höchst umstrittene Teile wie die Friedenspreisrede von 1998 oder den Roman „Tod eines Kritikers“ von 2002. Aber kein Bedauern: „Das hier“, sagt er und schlägt mit der rechten Hand einen weiten Bogen über die fünfundzwanzig Bücher, „habe ich gemacht, weil es sein musste.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag. Walser sitzt auf der Bühne im Stuttgarter Literaturhaus, der SWR überträgt im Hörfunk zwei Stunden live. Vor wenigen Tagen hat der Sender in seinem dritten Fernsehprogramm ein anderthalbstündiges Porträt über Walser ausgestrahlt, „Mein Diesseits“, am heutigen Freitagabend wird es kurz vor Mitternacht im Ersten wiederholt. Immerhin zwei neue Bücher sind auch bei Rowohlt erschienen: der Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“ zu Jahresbeginn (F.A.Z. vom 5. Januar) und jetzt ganz frisch die voluminöse Essayauswahl „Ewig aktuell“. Walser-Festspiele überall, doch als in Stuttgart zum ersten Mal der bevorstehende Ehrentag erwähnt wird, schüttelt Walser unwillig den Kopf, als wollte er damit auch das Alter abschütteln. Mürrisch wirkt er zu Beginn, melancholisch. „Zwei Freunde gibt es noch“, sagt er, die anderen hätten alle mit ihm gebrochen. Einer der beiden verbliebenen sei Tenschert. Was eine Freundschaft mit Walser ausmache, weiß der zu erklären: „Unterwerfung. Aber das ist ja nur die halbe Wahrheit. Man muss noch Versklavung dazunehmen.“ Die Gesamtausgabe ist in nur einem Jahr gestemmt worden, selbst die beiden brandneuen Titel haben darin noch Aufnahme gefunden.

          Wahrheit ist für Walser eine suspekte Kategorie

          „Als Autor ist man ja naturbescheiden und nimmt das Gedruckte in jeder Form“, kokettiert Walser. Für die auf 999 Exemplare beschränkte Ausgabe hat Tenschert sich nicht lumpen lassen: schönes leichtes Papier, gediegene Typographie, großzügiger Satz und eine Einbandgestaltung, für die er eigens die Marmorpapiereinbände zweier von ihm bewunderter Hyperiondrucke aus den Jahren 1912 und 1914 digitalisieren ließ. Fast eine halbe Million Euro kostete dieses Projekt; wenn alle Ausgaben verkauft werden sollten, gibt es ein Plus, aber das ginge dann komplett an Walser. Und so er weiterschreiben wollte, hat Tenschert ihm schon einen sechsundzwanzigsten Band zugesagt.

          Der dürfte kommen, denn Walser lebt, um zu schreiben. Vor acht Jahren hat er bei der Entgegennahme eines chinesischen Literaturpreises in Peking das Wesentliche seiner Arbeit damit bestimmt, „dass Literatur eine Auskunft ist über uns selbst. Daran darf uns gelegen sein.“ Nicht dagegen an allem, was über ihn geschrieben wird, und auch nicht an dem, was er 1992 in einem Offenen Brief an Salman Rushdie „Gesten und Meinungen“ der Schriftsteller genannt hat: deren Engagement. Wahrheit ist für Walser eine suspekte Kategorie. „Wahrheitsbesitzer kann man nicht bekämpfen“, schrieb er an Rushdie mit Blick auf das iranische Mullah-Regime: „Man kann allenfalls versuchen, ihnen vorzuleben, wie es ist, ohne Wahrheit zu leben. Man kann nicht recht haben. Man kann nichts besser wissen.“ Denn wie Walser in seiner Friedenspreisrede ausführte: „Zuständig ist der Schriftsteller nur für sich selbst.“

          Heißblütiger Verteidiger

          Das klingt seltsam aus dem Munde eines Autors, der immer auch als ein politischer angesehen wurde. Doch in Stuttgart streitet Walser das mit Blick auf sein neues Essaybuch rundum ab: „Das hat überhaupt nichts mit der Politik zu tun, nur mit der Sprache.“ Er habe sich in seinem Leben nie geändert, sei aber mal hierhin, mal dorthin geschoben worden, von politisch links nach rechts. Während für ihn nur eines zählt: seine schriftstellerische Autonomie, die sich keiner kollektiven Erwartung beugen will. Darauf begründete sich das Missverständnis der Friedenspreisrede, die Walsers Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit bis heute überschattet – ein Missverständnis allerdings von beiden Seiten, denn auch ein Walser kann sich nicht für so apart erklären, dass er jenseits einer Gesellschaft stünde, die er in seinen Romanen derart kaltblütig seziert hat. Umso heißblütiger verteidigt er sich gegen seine selbsterklärten Feinde von der offenen Gesellschaft.

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          Tenscherts Freundesdienst hat ihn nun milde gestimmt. In Stuttgart spricht er vom „verzeihlichen Irrtum“, Schreiben und Literatur erklärten die Welt: „Literatur erklärt nicht die Welt, sie verklärt sie.“ Und Walser wird dazu beitragen, solange er lebt. Lies: solange er schreibt.

          Quelle: F.A.Z.

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