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Milan Kunderas neuer Roman : Diese Leichtigkeit ist tonnenschwer

  • -Aktualisiert am

Schriftsteller Milan Kundera (Archivbild von 2005) Bild: Picture-Alliance

Nach 15 Jahren erscheint mit „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ ein neuer Roman von Milan Kundera. Ist das eine schöne Nachricht?

          Gute Liebesgeschichten beginnen zum Beispiel damit, dass eine junge Frau einem jungen Mann „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera schenkt. Der junge Mann hat das Buch natürlich schon, erstens haben ihm zwei andere Frauen das Buch schon längst geschenkt, zweitens war er davor zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Entschluss in einen Buchladen gegangen, Weltliteratur zu kaufen. „Heute: Weltliteratur“, hatte er sich gedacht, und da gab es damals, Mitte der achtziger Jahre, nicht viel zu überlegen, wenn man über Politik, Philosophie, Liebe, Sex, Literaturgeschichte, Eifersucht und Widerstand alles zusammen in einem Roman lesen wollte.

          Na ja, und ob der junge Mann damals also wirklich unbedingt aus eigenem Entschluss diese Weltliteratur kaufen wollte oder doch eher, weil ihm klar war, dass Frauen dieses Buch alle liebten, das lassen wir mal im Unklaren. Jedenfalls hoffte er, dass sie genauso Jungs lieben würden, mit denen sie schwärmerisch über das Buch reden konnten, über die Gemeinheit von Tomas, die Unterwürfigkeit von Teresa, die Frechheit von Sabina und den Prager Frühling.

          Und dann kam ja noch der Film dazu, den man immer wieder und wieder ansehen konnte, in dem Juliette Binoche sozusagen auf die Welt kam und Daniel Day-Lewis. Er zeigte uns Sabinas Hut und Prag in Schwarzweiß, die Panzer, Teresas Mut, die Russen, ein geschlagenes Land und eine Art Frieden am Ende. Eine Kapitulation der Liebe. Und der Politik.

          Ein Buch als Erkennungszeichen eines Geheimbundes

          In der Erinnerung ist all das ebenso kitschig wie traumhaft schön. Gute Liebesgeschichten fangen ja auch nur dann mit einem geschenkten Exemplar dieses Buches an, wenn sie gut weitergehen und wenn es diesem jungen Mann ganz egal ist, wie viele Frauen ihm das Buch zuvor schon geschenkt haben, weil am Ende die richtige und großartige es ihm geschenkt hat, mit der er jetzt vielleicht zusammenlebt und glücklich ist, und irgendwo zwischen all den anderen Büchern steht heute noch das eine, gelbe Taschenbuch mit dem Liebespaar mit den vielen Augen darauf, und drin im Buch steht die Widmung, die sonst keiner kennt.

          Noch wichtiger als die Liebesgeschichte in Kunderas Buch war aber vielleicht die Literatur, von der der Roman erzählte: alte Literatur, die von Teresa, lesend, in ihr Leben hinübergelesen wurde. „Anna Karenina“ also, Tolstoi also, und man wusste sofort, wo man weiterlesen musste, wo man sich zurücklesen konnte in ganz andere Zeiten. Und wie wichtig Bücher sein konnten als Widerstandskraft gegen die Welt und als Erkennungszeichen eines Geheimbundes: Leute, die etwas wussten, was sonst keiner weiß.

          „Das Buch“, so schrieb Kundera, „war für Teresa das Erkennungszeichen einer geheimen Bruderschaft. Gegen die Welt der Rohheit, die sie umgab, besaß sie nämlich nur eine einzige Waffe: die Bücher, die sie in der Stadtbücherei auslieh; vor allem Romane, die sie stapelweise las, von Fielding bis Thomas Mann. Sie boten ihr die Möglichkeit einer imaginären Flucht aus ihrem unbefriedigenden Leben, aber gleichzeitig waren sie auch als Gegenstände bedeutungsvoll: sie spazierte mit Büchern unter dem Arm durch die Straßen. Sie waren für sie das, was der elegante Spazierstock für den Dandy des vergangenen Jahrhunderts war. Durch sie unterschied sie sich von den anderen.“

          Anstand, Mitleid und Sentimentalität

          Das ist mehr als dreißig Jahre her, 1984 ist „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ erschienen. Kundera lebte damals schon einige Jahre in Paris, schrieb aber noch auf Tschechisch. Der Roman machte ihn weltberühmt. Heute ist Kundera 85 Jahre alt, er lebt immer noch in Paris, schreibt seit mehr als zwanzig Jahren seine Bücher auf Französisch, aber lange Zeit schrieb er gar nichts mehr, sein letzter Roman ist vor fünfzehn Jahren erschienen und jetzt, in diesen Tagen, endlich ein neuer. Er heißt „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“. Ein weißer Umschlag, eine kleine weiße Feder darauf. Es geht um nicht sehr viel. Um zwei alte Herren, die so tun, als wären sie befreundet, aus Anstand, aus Mitleid, aus Sentimentalität tun sie so.

          Der eine, D’Ardelo, denkt, er sei krank, sterbenskrank, doch sein Arzt gibt Entwarnung: Der Krebs war nur ein Schatten, D’Ardelo ist kerngesund. Doch er hatte sich an den Gedanken der Todesnähe gewöhnt, und außerdem hatte er bemerkt, wie interessant ihn die Tragik der Krankheit im Gespräch mit Männern und Frauen machte, die ihn vorher kaum beachtet hatten. Also behält er die neue Diagnose schön für sich. Vor der Welt bleibt er krank und tragisch und interessant. Langsam und behutsam nähert er sich im Gespräch mit seinen neuen Freunden den letzten Weisheiten an, die einem Sterbenden zustehen.

          Milan Kundera: „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Hanser, 140 Seiten, 16,90 Euro
          Milan Kundera: „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Hanser, 140 Seiten, 16,90 Euro : Bild: Hanser Verlag

          Kern dieser Weisheit ist das Glück der Gleichgültigkeit. Der Romantitel deutet es ja schon wenig subtil an. Und Ramon, D’Ardelos mitleidiger Gesprächspartner, ist dieser letzten Weisheit schon nach wenigen Seiten auf der Spur. Er spaziert durch den Jardin du Luxembourg, an all den Statuen der Genies der Vergangenheit vorbei, beobachtet die Spaziergänger dabei, wie sie achtlos an den Statuen vorbeigehen: „Diese Gleichgültigkeit atmete Ramon wie eine tröstliche Ruhe. Allmählich erschien ein breites, beinahe glückliches Lächeln auf seinem Gesicht.“

          Mit diesem Lächeln spaziert er weiter durch die Seiten des Romans. Kundera lässt ihn von den Gespenstern der Vergangenheit erzählen, von Chruschtschow, von Stalin: Witze von Stalin, Jagdgeschichten von Stalin, die Geschichte der Umbenennung von Königsberg in Kaliningrad, bei der Stalin seine Allmacht dadurch demonstrierte, dass er der Stadt Immanuel Kants den Namen eines bedeutungslosen Offiziers gab, der ihm wegen seiner schwachen Blase aufgefallen war.

          Das letzte Ziel der alten Männer, die sich in diesem Roman Geschichten erzählen, ist die gute Laune, das Verschwinden und das Nichts. Und gute Laune nicht einfach so als gute Laune, sondern als Kern der Lehren Georg Wilhelm Friedrich Hegels: „Unser Meister, der uns erfunden hat“, erklärt Ramon, „zwang mich einst, ihn zu studieren. In seiner Reflexion über das Komische sagt Hegel, der wahre Humor sei undenkbar ohne die unendlich gute Laune, hör gut zu, was er wörtlich sagt: ,die unendliche Wohlgemutheit‘. Nicht der Spott, nicht die Satire, nicht der Sarkasmus. Nur von den Höhen der unendlichen guten Laune kannst du unter dir die ewige Dummheit der Menschen beobachten und darüber lachen.“

          Behauptung auf Behauptung stapeln

          Das könnte alles wahnsinnig sympathisch sein und interessant und lustig und traurig, Abschiedsbuch eines alten Schriftstellers, der nach vielen, vielen Jahren noch einmal einen Roman geschrieben hat über das Verschwinden, die Weisheit und die Sehnsucht nach der Leichtigkeit des Seins. Es ist aber leider langweilig, unlebendig, ausgedacht und leer. Die Herren sind Herren aus Papier, die gute Laune ist aus Büchern abgeschrieben, die Leichtigkeit ist tonnenschwer.

          Kundera stapelt Behauptung auf Behauptung. „Sei’s drum“, sagen die Männer. Und wuchten große Wörter wie Betonbuchstaben über die Seiten. „Die Bedeutungslosigkeit ist die Essenz der Existenz“, sagen sie. Und dass sie immer bei ihnen sei und man sie nur erkennen müsse, gerade auch dort, wo niemand sonst sie sehen kann, „in den Greueln, den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück“. Überall dort also ist die Bedeutungslosigkeit versteckt, und also auch die gute Laune. Die Krebsdiagnose, die der Welt gestellt wurde, war falsch. Alles ist nichts. Dafür muss man wirklich kein Buch lesen.

          Am Ende verschwinden die alten Herren in einer Kutsche, sie winken ein letztes Mal den Zuschauern, und ein Kinderchor singt die Marseillaise. In dem Roman von damals, in dem die Leichtigkeit nicht als Greisenziel behauptet, sondern als Lebenswirklichkeit erzählt wurde, schrieb Kundera: „Noch bevor man uns vergessen wird, werden wir in Kitsch verwandelt. Der Kitsch ist die Umsteigestation zwischen dem Sein und dem Vergessen.“

          Milan Kundera steigt gerade um. Es ist besser, ihm dabei nicht zuzusehen.

          Milan Kundera: „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Hanser, 140 Seiten, 16,90 Euro

          Quelle: F.A.S.

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