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Politiker als Kritiker : Martin Schulz über das Dorf der Abgründe

  • -Aktualisiert am

SPD-Chef Martin Schulz liest über menschliche Abgründe in der Provinz. Bild: Kat Menschik

Was lesen Politiker – und warum? Der Kanzlerkandidat der SPD empfiehlt Juli Zehs Roman „Unterleuten“: ein Thriller unserer Zeit, der von ihren Widersprüchen und Verwerfungen erzählt.

          Bis zur Bundestagswahl am 24. September ist es noch eine Weile hin, aber der Wahlkampf hat schon begonnen. In keiner Zeit ist das Interesse an den Menschen, die für ihre Politik werben, größer als in diesen Monaten. Und es ist ziemlich paradox, dass die Floskel- und Formelhaftigkeit der politischen Sprache, die alle gleich zu machen scheint, dann ihren Höhepunkt erreicht. Wir möchten dem etwas entgegensetzen. Deshalb haben wir elf Spitzenpolitiker des Deutschen Bundestags gebeten, über Bücher zu schreiben. Die Welt der Literatur ist das Gegenteil erstarrter Denkmuster. Es ist die Welt der imaginären Möglichkeiten, der Entwürfe und Visionen. Mit den Formeln der politischen Sprache lässt sich nicht über sie schreiben. Und so verbindet sich mit unserem Vorhaben auch die Hoffnung, mehr über die Politikerinnen und Politiker, die wir gefragt haben, zu erfahren, als es uns sonst möglich erscheint. F.A.S.

          Am Ende ist der Mann in den Brunnen gefallen. So viel wird man verraten dürfen. Doch dort „befand sich kein Wasser“. So fällt der Sterbende in „Bilder, die ihn in sich aufnahmen“. Ein letztes Mal also zerstößt die tragische Figur Unterleutens die Spiegelungen seiner selbst, bis Selbst- und Fremdwahrnehmung endlich eins sind, ein Bild, Bilder.

          Nein, eigentlich ist es ein Gemälde, das dann mit dem Ende des Buches vor einem liegt. Denn der Roman „Unterleuten“ der Autorin Juli Zeh entfaltet ein Kaleidoskop des dörflichen Lebens unweit und doch so fern der Großstadt. Wie auf einem dieser etwas unübersichtlichen, aber an Facetten und Anekdoten überreichen Gemälde Brueghels zeigt „Unterleuten“ das Leben im Dorf mit all seinen faszinierenden Menschen und Geschichten, aber auch mit seinen Widersprüchlichkeiten, Abgründen und Verwerfungen. Juli Zeh lässt ihre Leser ab der ersten Zeile eintauchen in diese Welt, in die Biographien von Ostdeutschen, die sich durchkämpfen mussten, aber auch von Zugezogenen und dem brüchigen, dem zerbrechenden Zusammenhalt im Dorf.

          Der Qualm brennender Autoreifen

          Was mich an diesem Roman am allermeisten fasziniert, sind die Personen, die Charaktere, die Juli Zeh mit wenigen Federstrichen so plastisch erfasst, dass man meint, mit ihnen verwandt oder zumindest sehr gut bekannt zu sein. Juli Zeh bringt uns „Unterleuten“ als ein Dorf nahe, in dem wir jeden Grashalm kennen und den Qualm brennender Autoreifen riechen können.

          Ich bin ein leidenschaftlicher Leser. Auch an den längsten Arbeitstagen versuche ich abends, zumindest zwei, drei Seiten zu lesen. Und seit Jugendtagen packen mich tolle Storys, interessante Charaktere und symbolische Szenen. Oft erinnere ich mich jahrzehntelang daran. Ich erlebe das als enormen Schatz, den die Literatur uns schenkt. Ein solcher Schatz ist „Unterleuten“ von Juli Zeh.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Ich mag Menschen und ihre Geschichten. Das ist wohl meinem ursprünglichen Beruf als Buchhändler geschuldet. Als junger Mann mit eigenem Laden in meiner Heimatstadt Würselen las ich Bücher, um sie zu verkaufen. Meinen Kunden erzählte ich Kern-Szenen, blätterte Bilder vor dem geistigen Auge auf, die ein bestimmtes Buch bieten würde.

          Mich verbindet mit Juli Zeh auch eine Debatte im F.A.Z.-Feuilleton – gehegt und gepflegt von ihrem damaligen Herausgeber und meinem leider verstorbenen Freund Frank Schirrmacher –, die ich mit meinem Text „Warum wir jetzt kämpfen müssen“ eröffnet hatte. Es war der Versuch, die Digitalisierung in den Mittelpunkt einer politischen und gesellschaftlichen Debatte zu katapultieren. Die digitale Revolution ist in Wirklichkeit kein technisches Problem, sondern eine politische Gestaltungsaufgabe. Deshalb muss die Diskussion darüber raus aus der Nische der Technikfreaks und am besten mitten hinein in die Sozialdemokratie, die seit 154 Jahren Wandel gestaltet. Juli Zeh hat zu dieser Debatte mit einem Plädoyer für ein digitales Grundrecht und den Datenschutz beigetragen, und ich betrachte sie als wichtige Kämpferin für die politische Gestaltung dieser Herausforderungen.

          Große moralische Fragen

          Es ist also nicht verwunderlich, dass der Roman „Unterleuten“ große moralische Fragen wälzt und Widersprüchlichkeiten unserer Zeit meisterhaft aufblättert. In einem Unterhändler eines Windenergiekonzerns, der die Bewohner von „Unterleuten“ gegeneinander aufbringt, demaskiert Zeh ein zynisches Kalkül, für das der moralische Anspruch des Natur- und Klimaschutzes nur als Deckmäntelchen für knallharte Profitinteressen dient. Der Egoismus unserer Zeit wird in „Unterleuten“ mit dem Satz beschrieben: „Der größte Vorteil entsteht, wenn jeder bekommt, was er sich wünscht.“ Die Zivilisationsmüdigkeit, die zwei der Hauptfiguren aus der Stadt ins Dörfliche treibt, lässt die Autorin dort auf eine schwer zugängliche Welt der Nostalgie treffen.

          Am eindrücklichsten aber ist wohl das Schicksal Gombrowskis, des Mannes im Brunnen. Pragmatischer Verwalter des Erbes der örtlichen LPG, der wohlmeinend einen Gestaltungsanspruch für sich geltend macht. Er meint es gut, müsste man ihm zugutehalten. Doch von außen betrachtet steht dieser Paternalist vor allem für einen rücksichtslosen Machtanspruch, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Und so beginnen sich die Ränke und Intrigen im dörflichen Gefüge am Ende in diesem Mann zu verknoten, zu beißen, und er stirbt als Täter und Opfer zugleich.

          Und so liegt das Gemälde „Unterleuten“ der Autorin Juli Zeh vor uns. Ein Thriller unserer Zeit zwischen „Landlust“ und überalternden ländlichen Räumen, zwischen Nostalgie und Aufbruch und zwischen Gestaltungsanspruch und reinem Machterhalt. Juli Zeh hat uns einen Schatz geschenkt, den niemand verpassen sollte.

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