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Fereshta Ludins Autobiographie : Was das Kopftuchurteil die Klägerin gekostet hat

Streitfrage oder eine Frage der Identität? Fereshta Ludin im Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Bild: dpa

Fereshta Ludin ist für das Recht, als Lehrerin ein Kopftuch zu tragen, vors Bundesverfassungsgericht gezogen. In ihrer Autobiographie schreibt sie über den Preis dieses Kampfes. Nur über ihre Gründe schreibt sie wenig.

          Über Fereshta Ludin ist im Laufe der Jahre viel geschrieben worden, und über vieles hat sich die Frau, die bis vor das Bundesverfassungsgericht zog, um auch als Lehrerin ein Kopftuch tragen zu dürfen, geärgert. Warum sie sich das eigentlich antue, sei sie oft gefragt worden, die Prozesse und die vielen Interviews. „Ich ging dann in mich und hörte immer wieder diese zuversichtliche Stimme: Vielleicht würde ich mich doch noch erklären können. Vielleicht blitzten hier und da persönliche Seiten von mir durch, die den Leser nachvollziehen ließen, worum es mir ging.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jetzt, wenige Wochen nachdem das Bundesverfassungsgericht nun in ihrem Sinn entschieden hat, erklärt sie noch einmal, worum es ihr geht: „Enthüllung der Fereshta Ludin“ heißt ihre jetzt veröffentlichte Autobiographie (Deutscher Levante Verlag), die im Untertitel teils spöttisch, teils trotzig auf jenes Bild anspielt, das es zu revidieren gilt: „Die mit dem Kopftuch“. Etwa die Hälfte des mehr als 360 Seiten füllenden Buches sind Ludins Kindheit und Jugend gewidmet, was nachvollziehbar ist für jemanden, der sich mit zwölf Jahren entschieden hat, ein Kopftuch zu tragen, und deren Leben als Erwachsene in so weiten Teilen von diesem Schritt geprägt war.

          Ludin, so erfahren wir also, ist als jüngstes von fünf Kindern in Afghanistan zur Welt gekommen, ihr Vater hatte in Princeton studiert und unter dem afghanischen König Mohammed Sahir als Minister gearbeitet. Einige Jahre nach dem Sturz des Königs 1973 zog die Familie aus politischen Gründen erst nach Deutschland und später, nach einem neuerlichen, diesmal zugunsten der Kommunisten ausgegangenen Machtwechsel in Afghanistan, weiter nach Saudi-Arabien. Dort verbrachte Fereshta Ludin ihre ersten Schuljahre.

          Kein übertriebenes Hübschmachen

          In der Hafenstadt Dschidda mussten die Mädchen auf dem Schulweg ein Kopftuch tragen. Von der dritten Klasse an, schreibt Ludin (die ihr Buch zusammen mit Sandra Abed verfasst hat), habe es ihr Spaß gemacht, das Kopftuch „ab und zu auszuprobieren“ und unregelmäßig umzulegen – bis sie im Alter von zwölf Jahren eben beschloss, es immer zu tragen. Warum? Weil es ihr, interpretiert man ihre ausgerechnet in diesem Punkt verhältnismäßig knappen Ausführungen richtig, wohl als geeigneter Mittelweg erschien zwischen einerseits dem, was sie als ein übertriebenes Hübschmachen für „fremde Männer“ empfand, und andererseits dem vollständigen Verhüllen von Kopf und Körper unter schwarzen Gewändern, wie es für saudische Frauen üblich war.

          Streiterin für das Recht, das Kopftuch auch als Lehrerin zu tragen: Fereshta Ludin

          Als Ludin mit ihrer mittlerweile verwitweten Mutter 1986 zurück nach Deutschland zog, hatte sie das Kopftuch also schon als einen „Teil ihrer Identität“ begriffen. Und es begann eine Zeit, die, weil sie von der Wiederkehr der immer gleichen Fragen bestimmt ist, im Grunde bis heute andauert: Warum trägst du das Kopftuch? Wirst du gezwungen? Und ist das kein Symbol für die Unterdrückung der Frauen?

          Man glaubt Fereshta Ludin gern, wenn sie schreibt, dass sie unentwegt versucht hat, darauf zu antworten – als Schülerin in Darmstadt gegenüber den Mitschülern, als Lehramtsstudentin in Schwäbisch-Gmünd gegenüber Dozenten, als Führerin von Besuchergruppen in Moscheen, als Klägerin vor Gerichten. Man versteht auch, wie belastend es gewesen sein muss, spätestens mit Beginn des ersten Verfahrens 1998 für mehrere Jahre nie mehr nur für sich, sondern immer auch als Repräsentantin von allen möglichen muslimischen kopftuchtragenden Frauen sprechen zu sollen. Ludin deutet nur an, welchen Preis sie mit alltäglichen Anfeindungen, dem Scheitern ihrer Ehe und einem Burnout für diesen Gang an die Öffentlichkeit gezahlt hat.

          Unverstandenes Kleidungsstück?

          Umso mehr aber verwundert es, dass sie in ihrer Autobiographie die Gelegenheit nicht nutzt, auf ihre Beweggründe detailliert einzugehen. „Auch diskutiere ich heute nicht mehr, ob das Tragen eines Kopftuchs im Islam eine Pflicht darstellt oder warum jemand sich dafür oder dagegen entscheidet“, heißt es an einer Stelle. Mehr noch: Für sie selbst sei das Tuch kein Symbol, „sondern ein Kleidungsstück“.

          Diese Feststellung verwirrt noch mehr. Denn nicht nur wäre es vollends unverständlich, warum sie für ein Kleidungsstück einen so langen Gang durch die gerichtlichen Instanzen angetreten haben soll. Dass ein Kleidungsstück nie nur ein Kleidungsstück, sondern immer auch ein Instrument der Kommunikation ist, lässt sich ja leicht auch daran ablesen, dass sich Fereshta Ludin nach eigenem Bekunden so oft missverstanden gefühlt und geärgert hat. Dass sie gegen die Missverständnisse nichts setzt, was sich besser verstehen ließe, ist nicht nur schade, es schadet auch ihrer Sache.

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