http://www.faz.net/-gr0-8yvlw

Politiker als Kritiker : Katrin Göring-Eckardt über die Suche nach Heimat

  • -Aktualisiert am

Katrin Göring-Eckardt von den Grünen liest über Heimat. Bild: Kat Menschik

Was lesen Politiker – und warum? Die Grünen-Chefin empfiehlt Daniel Schreibers Essay „Zuhause“: Er zeigt auf brillante Weise, dass Heimat etwas ist, das man sich selbst schaffen muss.

          Bis zur Bundestagswahl am 24. September ist es noch eine Weile hin, aber der Wahlkampf hat schon begonnen. In keiner Zeit ist das Interesse an den Menschen, die für ihre Politik werben, größer als in diesen Monaten. Und es ist ziemlich paradox, dass die Floskel- und Formelhaftigkeit der politischen Sprache, die alle gleich zu machen scheint, dann ihren Höhepunkt erreicht. Wir möchten dem etwas entgegensetzen. Deshalb haben wir elf Spitzenpolitiker des Deutschen Bundestags gebeten, über Bücher zu schreiben. Die Welt der Literatur ist das Gegenteil erstarrter Denkmuster. Es ist die Welt der imaginären Möglichkeiten, der Entwürfe und Visionen. Mit den Formeln der politischen Sprache lässt sich nicht über sie schreiben. Und so verbindet sich mit unserem Vorhaben auch die Hoffnung, mehr über die Politikerinnen und Politiker, die wir gefragt haben, zu erfahren, als es uns sonst möglich erscheint. F.A.S.

          Ich weiß: Die Ichform hat in einer seriösen Buchrezension eigentlich nichts zu suchen. Beim Thema Heimat sei sie mir ausnahmsweise verziehen, wenigstens ganz kurz im Einstieg. Denn als ich Daniel Schreibers Buch las, erinnerte ich mich nicht nur an viele Momente meiner Kindheit in der DDR, sondern auch daran, wie ich 2009 für die grüne Bundestagsfraktion zu einer Tagung zum Thema „Heimat. Wir suchen noch“ eingeladen hatte. Im Vorfeld der Tagung zeigte sich die ganze Brisanz des Themas. Die Reaktionen waren begeistert, verhalten, bis zu offen feindselig. Heimat? Da gehe es doch um Blut und Boden. Wer von Heimat redet, der klinge wie die Rechten, meinten manche.

          Den unverfänglichen Begriff „Zuhause“ wählte Daniel Schreiber – bekannt durch „Nüchtern“, den autobiographischen Bestseller über seine Alkoholsucht – für sein neues Essaybuch. Er meint aber eben doch nichts anderes als den Begriff „Heimat“ in einem offenen, nicht reaktionären Sinne. Einen Ort, an dem man geborgen ist und das Gefühl hat, dass es hier, so wie es ist, richtig ist.

          Ort des Aufgehobenseins

          Dieses Thema umkreist Schreiber in einem zarten und zweifelnden Ton, großsprecherische Pathosformeln sind ihm fremd. Er zeigt seine Belesenheit, wirkt aber nie beflissen. Die Leichtigkeit, mit der er existentielle Erfahrungen mit theoretischer Reflexion verbindet, ist schlicht brillant. Ein Stil, der an Susan Sontag erinnert, über die Schreiber vor einigen Jahren eine schöne Biographie veröffentlichte. In „Zuhause“ nimmt er die Leser mit auf eine Reise durch persönliche Krisen und flüchtige Glücksmomente. Die Reise führt von London über New York nach Berlin, wo er – des provisorischen Nomadenlebens des global vernetzten Intellektuellen überdrüssig – schlussendlich sein privates Glück findet.

          Schreiber schreibt aus der Perspektive eines homosexuellen Mannes, dem ein echtes Zuhause während seiner DDR-Kindheit verweigert wurde. Auf seiner Schule in der Provinz in Mecklenburg-Vorpommern wurde er Opfer einer parteifrommen Lehrerin, die ihn quälte und aussonderte, weil er zu weiblich wirkte. Diese schockierenden Misshandlungserfahrungen stehen am Anfang einer langen Suche nach einem Ort des Aufgehobenseins, nach einem „Zuhause“ eben. Denn „Zuhause ist normalerweise ein Ort, an dem man sich gerade nicht verstecken und sich auch nicht für sich schämen muss“, schreibt Schreiber.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Wie wichtig es für diskriminierte Minderheiten war und ist, sich solch einen „Raum frei von Scham“ zu schaffen, zeigt sich an Schreibers Biographie exemplarisch. Gleichwohl spricht der Autor nicht allein für „seine“ schwule Community. Seine Gedanken betreffen alle und jeden. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sicherheit ist ein bleibendes menschliches Bedürfnis. Entscheidend an Schreibers Überlegungen ist, dass der Sehnsuchtsort Heimat für ihn nichts schon immer gleichsam natürliches Gegebenes ist, sondern etwas, das wir erst erfinden und erarbeiten müssen. Weil Schreiber Heimat als ein offenes Projekt versteht, unterscheidet er sich radikal von neuen und alten Rechten, die behaupten, Zuhause und Identität seien uns qua Herkunft immer schon mitgegeben und müssten gegen äußere und innere Feinde verteidigt werden.

          In wunderbar hellen Beschreibungen zeigt Schreiber, wie wir unsere Heimat schaffen und ein Zuhause einrichten. Heimatgefühle entstehen nicht als metaphysische Fühlung eines germanischen Mythos oder durch Anpassung an eine fiktive „Leitkultur“. Sie erwachsen aus alltäglichen Tätigkeiten wie Spazierengehen, Musikhören, Kochen oder beim Anblick blühender Bäume. Es sind die unspektakulären Kleinigkeiten, die heimisch und glücklich machen.

          Politisch und aktuell ist Schreibers Idee von Heimat nicht zuletzt, weil zu ihr Irritationen und Konflikte dazugehören. Reale Heimat ist kein Ort endgültiger Harmonie. Dort, wo Heimat ist, müssen wir uns auch oft mit Leuten auseinandersetzen, die anders sind. Seien es die eigene Großtante, ein britischer Partytourist oder ein Geflüchteter aus einem muslimischen Land, der die eigene Heimat gerade verloren hat. Wer lieber spießig unter sich bleiben will und Heimat an einem imaginären und – wie AfD & Co. – an einem rückwärtsgewandten Idealbild misst, verpasst die Freude, die es bereiten kann, gemeinsam mit anderen Heimat als den eigenen Ort in der Welt zu gestalten. Wohlfühlen wird man sich dort können, wenn dieser Ort offen und einladend ist und wenn auch mitmachen kann, wer nicht von Anfang an dazugehört.

          Daniel Schreiber: „Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“. Hanser Berlin, 144 Seiten, 18 Euro

          Katrin Göring-Eckardt ist Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen.

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Versöhnung mit Sticheleien

          FDP und Grüne : Versöhnung mit Sticheleien

          Es ist noch nicht lange her, da waren sich FDP und Grüne in herzlicher Abneigung verbunden. Davon ist beim ersten Sondierungstreffen kaum noch etwas zu spüren, so bedenken beide Seiten sich mit Nettigkeiten.

          Lindner sieht Wahrscheinlichkeit bei 50:50 Video-Seite öffnen

          Jamaika-Koalition : Lindner sieht Wahrscheinlichkeit bei 50:50

          Nach der Bundestagswahl 2013 lag die FDP politisch am Boden. Im Jahr 2017 ist sie nicht nur in den Bundestag zurückgekehrt, sondern steht vor einen neuen Regierungsbeteiligung. FDP-Chef Christian Lindner hat sich jedoch zurückhaltend zu den Chancen für eine Regierung aus Union, FDP und Grünen geäußert.

          Topmeldungen

          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?
          Kortison unterdrückt das Immunsystem. Aber nicht nur das kann zu Komplikationen führen.

          Zweifelhaftes Kortison : Fatale Spritzen

          Wenn der Rücken schmerzt oder das Knie zwickt, verabreichen Ärzte gern Kortison. Auch die Patienten glauben, das hilft. Doch oft stimmt das nicht, und es kann sogar ziemlich ernste Folgen haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.