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Karl Ove Knausgårds „Kämpfen“ : Entweder hält es, oder es zerbricht

  • -Aktualisiert am

Das große Ich-Projekt: So etwas wird er seinen Kindern nie wieder antun. Bild: Ove Kvavik/Munch Museum

Kollaps in Zeitlupe: Mit „Kämpfen“ bringt Karl Ove Knausgård sein autobiographisches Projekt tatsächlich zum Abschluss. Schreiben aber wird er weiterhin.

          Der Versuch des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård, das eigene Leben in sechs Bänden so präzise wie möglich zu schildern, nämlich so, „wie es ist“, geriet nicht immer so berauschend wie in den beiden ersten Bänden „Sterben“ und „Lieben“, in denen er sich am Verhältnis zum alkoholkranken Vater und dem Alltagsgefängnis abarbeitet, in dem er sich mit Frau und Kindern befand. Doch es gibt auch in „Spielen“, „Leben“ und „Träumen“, den bereits unter Eindruck der Reaktionen auf „Sterben“ und Lieben“ verfassten Bänden, Passagen, die den Leser tief in das Leben eines fremden, aber auf unheimliche Weise vertrauten Menschen abtauchen lassen.

          Auch dort breitet er das Banale, wie es in dieser Zeitung einmal hieß, so radikal aus, „bis es sich ins Gegenteil verkehrt“. Das packt einen, wenn man dafür empfänglich ist. Ist man es nicht, können einem Knausgårds Wälzer als pseudorevolutionäre „Scheinwirklichkeitsprosa“ erscheinen und die eingestreuten, große Belesenheit demonstrierenden Reflexionen über Literatur und Leben an sich als Zumutung und Pose. Knausgård polarisiert.

          Parallelen zum Leben Hitlers

          Mit der Übersetzung des letzten Bandes „Kämpfen“ gelangt die monumentale Selbstentblößung, die in Norwegen bereits seit dem Jahr 2011 vollständig vorliegt, nun auch bei uns zum Abschluss. Er erstreckt sich noch einmal über 1300 Seiten, und in deren Mitte liegt, wie ein nebelüberzogener Ozean, der vor dem Ziel noch mit Fährmann Knausgård überquert werden muss, ein unüberschaubar großer Abschnitt namens „Der Name und die Zahl“, der von der Bedeutung unverfälschter Namen für sein „Experiment im Genre Realismus“ über Celans Langgedicht „Engführung“ zu einer breitangelegten Auseinandersetzung mit den namenlosen Opfern des Holocaust, Lanzmanns Film „Shoa“ und Hitlers „Mein Kampf“ gelangt, dem „einzigen absoluten Tabu in der Literatur“.

          Ein Exemplar dieses Buches, dessen Titel über allen sechs norwegischen Knausgård-Bänden liegt: „Min kamp 1–6“, fand sich einst bei den Sachen der verstorbenen Großmutter. Der Fund, den Knausgård mit erstaunlich wenigen Sätzen abhandelt, so wie er auch bloß im Vorbeistreichen die NS-Anstecknadel erwähnt, die zu den unerwarteten Hinterlassenschaften seines Vaters zählte, regte ihn lange vor seinem Wirklichkeitsprojekt zu einer Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus an.

          Karl Ove Knausgård: „Kämpfen“. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 1277 S., geb., 29,– €.
          Karl Ove Knausgård: „Kämpfen“. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 1277 S., geb., 29,– €. : Bild: Verlagsgruppe Random House GmbH

          Wobei er beim Blick auf Hitler, dem Möchtegernkünstler, durchaus Parallelen zum eigenen Leben entdeckte. Er schreibt zwar: „Wir sind gegen alles, wofür er stand, und das mit Recht.“ Aber in seinem Bemühen, wirklich alles offenzulegen, was ihm durch den Kopf fleucht, stellt er auch fest: „Hitlers Kindheit und Jugend ähneln meiner eigenen, seine Liebe aus der Distanz, sein verzweifelter Wunsch, etwas Großes zu werden, um sich selbst zu erhöhen, die Liebe zu seiner Mutter, sein Hass auf den Vater, sein Gebrauch der Kunst als Ort der Ich-Auslöschung und der großen Gefühle.“

          Die öffentlich beschimpfte Person

          In „Der Name und die Zahl“ tritt der junge Hitler umso stärker als Normalo auf: „Er war ein kleiner Mensch, aber das sind wir alle. Er darf nicht dafür verurteilt werden, wer er war, sondern dafür, was er tat. Aber das tat er nicht allein.“ Im Duktus sind das manchmal seltsame Sätze. Aber es ist ein intellektuelles Abenteuer. Bei dem sich Knausgård, wie er Skeptikern gegenüber einmal in der norwegischen Zeitung „Dagsavisen“ erklärte, bewusst auf das schwierige Feld der „Einfühlung“ begibt: „,Mein Kampf 6‘ ist keine Abhandlung, kein wissenschaftliches Werk, kein Sachprosabuch, sondern ein Roman.“ Ohne die Gefühlsebene sei der Aufstieg des Nationalsozialismus, der Weg zum größten Völkermord aller Zeiten, nicht zu begreifen. Ohne Verständnis für die Gefühlsebene könne man sich nicht vor einer Rückkehr des Nationalsozialismus in neuer Gestalt wappnen. Wenn „das Böse“ kommt, raunt er in „Kämpfen“, dann „sicher nicht in Gestalt eines ,Sie‘, als etwas Fremdes, das wir leicht von uns weisen können, es wird in Gestalt eines ,Wir‘ kommen. Es wird als ,das Richtige‘ kommen.“

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