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Jostein Gaarders neuer Roman : Alle Wörter werden Brüder

  • -Aktualisiert am

Bauchredner: Jostein Gaarder Bild: dpa

Jostein Gaarder, bekannt geworden durch „Sophies Welt“, kann das Belehren nicht lassen. Aber er weiß auch, wie man es macht. In seinem neuen Roman wird ein Sprachwissenschaftler zum Beerdigungsjunkie.

          Es ist ein bisschen aus der Mode gekommen, sich für sprachgeschichtliche Details zu begeistern. Einigen Lesern, die Jostein Gaarders neuen Roman „Ein treuer Freund“ in die Hand nehmen, wird es daher nicht anders gehen als jenen, die seinem liebenswürdigen Protagonisten Jakob Jacobsen am Rande diverser Beerdigungen begegnen: Man hört dem guten Mann eine Weile gern zu, wird seiner linguistischen Monologe aber schnell überdrüssig.

          Über den Vornamen eines Verstorbenen beispielsweise weiß Jacobsen beim Leichenschmaus zu erzählen: „Erik ist verwandt mit dem keltischen Wort für König, *rix, lateinisch rex, im Sanskrit raja, im heutigen Irisch ri, das wir auch in der schwedischen Bezeichnung für Schweden, Sverige, finden.“ Bleibt Gegenwehr aus, fügt er erläuternd hinzu: „Das alles leitet sich ... vom indogermanischen *reg- her, wie in recht und richtig oder in den Fremdwörtern Rektor, regieren und nicht zu vergessen: korrekt!“ Und so geht das am laufenden Band: Kotelett-Alarm.

          Schnaps oder Nordistik

          In Situationen wie diesen braucht man entweder einen Schnaps oder ausgeprägtes Interesse für die Nordistik. Am besten gleich beides, was bei der Beerdigung Erik Lundins, die zu Beginn dieses kleinen originellen Romans steht, glücklicherweise der Fall ist: Der Verstorbene war Professor für Altnordische Philologie an der Universität Oslo und Jacobsen sein Student. Der Tischnachbarin, die er mit einer Wortgeschichte nach der anderen unterhält, ist die Faszination für die Geschichte der indogermanischen Sprachen daher nicht fremd.

          Jostein Gaarder: „Ein treuer Freund“. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Hanser Verlag, München 2017. 272 S., geb., 22,– €.
          Jostein Gaarder: „Ein treuer Freund“. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Hanser Verlag, München 2017. 272 S., geb., 22,– €. : Bild: Hanser

          Fremd ist ihr nur Jacobsen selbst. Aber so ist es auf manchen Beerdigungen, die Jacobsen besucht: Die Trauernden kennen ihn nicht, und er selbst kennt die Verstorbenen selten. Er sucht die Feiern auf, um Lebensgeschichten zu hören, selbst Geschichten erzählen zu dürfen und Teil einer Gemeinschaft zu sein, die ihm ansonsten fehlt. Er reimt sich eine biographische Verbindung zu den Toten zusammen und nimmt eine Rolle ein, die er wie ein Schauspieler spielt.

          Gleichzeitig bestaunt Jacobsen, was sich bei diesen Gelegenheiten an Verwandtschaftsbeziehungen erkennen lässt, geradewegs so, wie der Norweger auch das Beziehungsgeflecht seiner Sprachfamilie, der indogermanischen, erforscht: „Hier haben meine Wörter ihre Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern, ihre Tanten und Onkel, ihre Vettern und Kusinen ersten, zweiten und dritten Grades.“ Das ist die einzige Familie, der er sich wirklich zugehörig fühlt. Und sie sagt womöglich nicht weniger über die eigene Identität aus als eine echte.

          Der Mann und seine Handpuppe

          Man ahnt es: „Ein treuer Freund“ liest sich streckenweise wie die Schnupperstunde eines Instituts für Skandinavistik, überall lauern Wort-, Orts- und teils auch Göttergeschichten. Jostein Gaarder, 1991 Autor des Philosophie-Bestsellers „Sofies Welt“ (zuletzt erschien von ihm ein Jugendbuch zur Klimafrage, das der deutsche Verlag unter dem Titel „Noras Welt“ auf den Markt brachte, während es im Original „Anna“ heißt), kann das Belehren nicht lassen.

          Aber er weiß natürlich auch, wie man es macht. Das hat er mit seinem Antihelden Jakob Jacobsen gemeinsam, der Gymnasiallehrer ist, wie auch sein Erfinder Gaarder einmal einer war, und sein Wissen zuweilen eleganter an den Mann bringt als am Rande einer Beerdigung.

          Einsamkeitsstudie auf einer Insel

          Jacobsens Trick besteht darin, dass er bei populärwissenschaftlichen Vorträgen gemeinsam mit einer Handpuppe auftritt. Dabei ist es der drolligste Einfall des Romans, dass der schüchterne, vielleicht gar zum Autismus neigende Jacobsen auch privat mit dieser Handpuppe zusammenlebt. Sie heißt Pelle und ist seit Kindestagen seine „wichtigste Stütze“ – ein „Mann in den besten Jahren“, wie Jacobsen sagt. Er verwendet hier fast denselben Ausdruck, mit dem Astrid Lindgren einst Karlsson vom Dach beschrieb, den Gefährten Lillebrors. Wenn Mann und Puppe zusammen reden – und sie reden offenbar viel –, plaudert Pelle im Dialekt von Hallingdal und Jacobsen in jenem standardisierten Norwegisch, das man vor allem in der Hauptstadt hören kann.

          Der Roman, der aus der Perspektive des Etymologie-Nerds erzählt wird, verheimlicht die Existenz der Puppe zunächst. Er hebt sich die Enthüllung für den Moment auf, in dem sich erste Ermüdungserscheinungen beim Leser einstellen, und dann wirkt sie wie ein Energieschub. Zu Beginn jedoch ist nur Jacobsen da, ein kultivierter Mann, der am norwegischen Nationalfeiertag des Jahres 2013 in einem Zimmer auf der schwedischen Insel Gotland sitzt und einen Brief schreibt.

          Der ungebetene Gast

          In diesem Brief, der sich allmählich zum Lebensbericht mit Rechtfertigungscharakter auswächst, erzählt er von einer Todesanzeige aus dem Jahr 2001 und einer Beerdigung in der Vestre-Aker-Kirche in Oslo, von weiteren Trauerfeiern, die er besuchte, und schließlich: von der Begegnung mit Agnes. An sie ist der Brief adressiert.

          Er will sich Agnes erklären. Und das kann man verstehen, wenn sich einer als „ungebetener Gast im Leben anderer Menschen“ auf Beerdigungen einschleicht, bis seine Lügen auffallen. Man begreift bald auch den zarten, leicht verschämten Ton, den Jacobsen anschlägt. Jacobsen ist ein einsamer Mensch, der sich danach sehnt, durch Liebe erlöst zu werden. Der eine gescheiterte Ehe hinter sich hat, keine Kinder. Ein Introvertierter, der aus einer einmal betretenen Gedankenwelt nicht mehr herauskommt und womöglich längst trinkt.

          Diese Geschichte, die schon der „lebensnotwendigen“ Beerdigungsbesuche wegen viele kleine Geschichten mitbringt, ist mehr als die Verpackung eines gewagten Abstechers in die Sprachwissenschaft. Gelegentlich fließt sie etwas kraftlos dahin. Aber sie trägt als Einsamkeitsstudie, vermittelt Grundlegendes über das Menschsein an sich, und in der klaren, von Gabriele Haefs in flüssiges Deutsch übersetzten Erzählstimme, die Gaarder zu eigen ist, verfängt sie selbst dann, wenn man den Linguistik-Fimmel des Protagonisten als lästig empfindet.

          Jostein Gaarder: „Ein treuer Freund“. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Hanser Verlag, München 2017. 272 S., geb., 22,– €.

          Quelle: F.A.Z.

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