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Houellebecqs neuer Roman : Ist das alles iranisch gemeint?

Spielt mit den kollektiven Ängsten: Michel Houellebecq Bild: AFP

Die heftigen Reaktionen auf Michel Houellebecqs Islamisierungs-Horrorwerk „Unterwerfung“ in Frankreich verraten viel über das Land: Der Autor hat ihm eine Falle gestellt, und alle tappen hinein.

          „Meiner Meinung nach hat er sie erreicht“, bilanziert die Kritikerin der Zeitung „Le Temps“. Sie meint die Grenzen der Provokation und die Gipfel der Geschmacklosigkeit. Und nennt Michel Houellebecqs „Soumission“ einen „gescheiterten hervorragenden Roman“: „Er spielt mit dem Feuer, er alimentiert die abstrusen Theorien rechtsextremer Ideologen.“

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          „Die rechten Schriftsteller sind zurück“, stöhnt Chefredakteur Laurent Joffrin in „Libération“. Seine Zeitung widmete Houellebecq am Samstag die ersten Seiten. Der Schriftsteller hat seinem Roman den Titel von Theo van Goghs letztem Film gegeben. Der niederländische Regisseur projiziert Verse aus dem Koran auf den nackten Körper einer geschlagenen Frau. Nach der Ausstrahlung im Fernsehen wurde er ermordet. Sex und Islam sind die Kampfzonen von Houellebecqs Romanen.

          „Es ist erlaubt, einem Autor schriftstellerische Qualitäten zu bescheinigen und seine Ideen zu bekämpfen“, schreibt Laurent Joffrin: „Wie bei Céline, Morand oder Chardonne“, aber auch Brasillach und Drieu la Rochelle. Die seit 1945 verfemten rechten Schriftsteller sind bekanntlich nicht die schlechtesten.

          Houellebecqs Ironie wird verkannt

          „Die rechten Kritiker täuschen sich übrigens nicht“, schreibt Joffrin über die ersten Rezensionen: „Sie nehmen Houellebecq beim Nennwert.“ Seine „Unterwerfung“ handelt von der Wahl eines Muslims zum französischen Präsidenten und der Islamisierung des ganzen Landes. Mit Ben Abbès bekommt Frankreich - in der Sicht Houellebecqs - als Präsidenten endlich einen würdigen Nachfolger Mitterrands, der einer linken Ideologie huldigte und heimlich die rechten Schriftsteller liebte.

          Auch der linke Chefredakteur Joffrin hat nicht viel Gespür für Houellebecqs Ironie und Satire. Er zitiert Alain Finkielkraut, der „Unterwerfung“ als Meisterwerk absegnete: „Wenn die Journalisten unsere irrationalen Ängste und Phantasmen der Einwanderung beklagen“, so Finkielkraut, „wird die Wirklichkeit zum Anliegen der Literatur, zumindest der mutigen Schriftsteller.“

          Für Finkielkraut unterschlagen, zumindest beschönigen die Zeitungen aus Gesinnungsgründen die Realität. Mit Denkverboten und Verdrängung hat man in Frankreich viel Erfahrung. In dieser Marktlücke schreibt und gedeiht Houellebecq. Doch in Frankreich redet man nur noch aneinander vorbei und verdreht die Argumente der anderen. Joffrin will Finkielkrauts Lob auf Houellebecq partout nicht verstehen: „Anders gesagt, täuschen sich ,Libération‘ und einige andere, wenn sie die Thesen der Rechtsextremen zur Einwanderung ablehnen. Und es ist Houellebecq, der die Wahrheit sagt.“

          Eine Farce auf den Antifaschismus

          Doch um irgendeine Wahrheit geht es dem Schriftsteller zu allerletzt. Und Finkielkraut sagt etwas ganz anderes. Und man kann im Roman auch unmöglich eine Parteinahme für die Rechtsextremen ausmachen. Allerdings führt Houellebecq die Art und Weise, wie sie bekämpft werden, mit Hochgenuss ad absurdum. Sein Roman ist eine Farce des Antifaschismus. Eine Satire auf die Vergangenheitsbewältigung. Auf die bekehrten ehemals marxistischen Intellektuellen, die Stalin, Mao und Pol Pot verehrt hatten und sich mit fliegenden Fahnen Ben Abbès anschließen. Sie hatten im Namen ihrer Bekehrung von den Ideologien, die sie eine antitotalitäre Aufklärung nennen, Diktatoren von Saddam Hussein bis Gaddafi als Wiedergänger Hitlers bekämpft und die Kriege gegen sie propagiert. In ihrem manichäischen Weltbild wurden Minderheiten im Visier des Rechtsextremismus - Muslime, Einwanderer, Homosexuelle, Schwarze, Juden - zu antifaschistischen Hoffnungsträgern und unterscheidungslos zu Opfern verklärt, als seien sie alle für „ethnische Säuberungen“ bestimmt.

          In diesem überhitzten, ideologisch aufgeladenen Pariser Klima ist eine pragmatische Diskussion unmöglich geworden. Es geht fast nur noch um verbale Entgleisungen und die ideologische Exkommunikation.

          Le Pens Aufstieg wurde nicht gebremst, sondern von der Rückkehr der verdrängten Vergangenheit und der kulturellen Hegemonie des Antifaschismus beschleunigt. Er verstand es, sie mit seinen antisemitischen Provokationen skrupellos zu nutzen. 2002 kam er in die Stichwahl und wurde bekämpft, als ginge es nochmals darum, Widerstand gegen Pétain und Vichy zu leisten. Jene, die im ersten Durchgang nicht zur Wahl gegangen waren, demonstrierten auf der Straße.

          Dieses Schreckensszenario spinnt Houellebecq weiter. Hollande wird 2017 nur wiedergewählt, weil Marine Le Pen in die Stichwahl kommt. Nach ihrer Niederlage gelangte sie zur Einsicht, „man habe als Frau wie Angela Merkel auszusehen, um an den Gipfel der Macht zu gelangen, und so ahmte sie die Respekt gebietende Ehrwürdigkeit der deutschen Bundeskanzlerin bis hin zu ihrer Frisur und dem Schnitt ihrer Blazer nach“. Nochmals fünf Jahre später lässt Houellebecq den französischen Vichy- und Vergangenheitskomplex mit all seinen Zwängen in einen politischen Urknall münden. Um Marine Le Pen zu verhindern, unterstützen die Politiker den islamischen Politiker Ben Abbès. Statt des historischen Faschismus, den die Intellektuellen nach 1945 verdrängten und später im nachhinein bekämpften, bekommen sie den Islam in seiner faschistischen Variante. Und sind nicht heldenhafter, als sie es unter der deutschen Besatzung waren.

          Schrecken der Kollaboration

          Man liest die beklemmende Schilderung von Frankreichs fortschreitender und friedlicher Islamisierung stets vor dem Hintergrund der dreißiger und vierziger Jahre, nicht nur, weil Ben Abbès die Arbeitslosigkeit besiegt. Unerbittlich ist Houellebecqs Beschreibung der französischen Bereitschaft zur Kollaboration.

          Auch François, der Antiheld der „Unterwerfung“ und Houellebecqs Alter Ego, konvertiert zum Islam. Für Politik hat er sich nie interessiert. Als Professor suchte er sich seine Gespielinnen unter den Zweitsemestern aus, er liebte ihre kurzen Röcke. Jetzt müssen sie Schleier tragen. An der von den Saudis kontrollierten Sorbonne bekommt François ein viel höheres Gehalt. Und drei Frauen, die er gar nicht erst verführen und erobern muss. Die jüngste ist 15 Jahre alt - im Jargon Houellebecqs: Frischfleisch. Mit dem Islam teilt er das Ideal von der unemanzipierten und verfügbaren Frau. Die einzige Kampfzone, die wirklich zählt, ist die Sexualität. Seinen Vorstellungen von ihr entspricht die Polygamie - in früheren Romanen waren es die Bordelle in Thailand und die obligatorische Freizügigkeit einer Sekte.

          Inzwischen hat sich Michel Houellebecq bereits zu den französischen Rezensionen geäußert. Er habe sich in die Haut eines Muslims in Frankreich zu versetzen versucht und erkannt, wie sehr sich dieser in einer schizophrenen Lage befinde. Die Gründung einer islamischen Partei erscheine ihm als durchaus logisch. Weiter schwadroniert er von einer „Beschleunigung der Geschichte“. Und räumt ein, dass er sehr wohl mit den Ängsten spiele, vor allem den kollektiven. Damit tut er genau das, was das Wesen der Literatur ausmacht und was die Zeitungen besser lassen. Und anders auch als die Politik darf die Fiktion die politische Korrektheit bis aufs Blut ausreizen und ungestraft mit den Klischees und - seien es auch nur vermeintliche - Denkverboten jonglieren.

          Genaues Porträt der französischen Gesellschaft

          In die Falle, die Houellebecq Frankreich mit seiner „Unterwerfung“ gestellt hat, tappt selbst sein Bewunderer Finkielkraut, der über ein hervorragendes literarisches Urteilsvermögen verfügt. Houellebecq, sagte Finkielkraut im „Journal du Dimanche“, skizziere „eine Zukunft, die keine Gewissheit ist, aber sehr plausibel“. Nein, auch mit scheinbar rationalen Untertreibungen kommt man Houellebecq nicht bei. Als negative Utopie oder Antizipationsroman wie „1984“ darf man die „Unterwerfung“ schon gar nicht lesen.

          Selbst die Deutungen als Abgesang auf das Abendland und Aufruf zum Widerstand im Kulturkampf, wie sie in rechten Publikationen wie dem „Figaro“ oder „Le Point“ vorgenommen werden, gehen zu weit.

          Für den Leser des Romans gibt es auf die Frage, ob Houellebecq seine Fiktion in der Wirklichkeit fürchtet oder herbeisehnt, im Buch selber keine Antwort. Es ist ein phänomenales, genaues Porträt der französischen Gesellschaft, vor allem ihrer Medien und der politischen Klasse, deren Personal unfreiwillig und ungefragt in Nebenrollen auftritt, wobei der Autor vor herrlichen Überzeichnungen nicht zurückschreckt. Rücksichtslos beschreibt er in eher platten Sätzen die französischen Realitäten, Tabus, Albträume und Obsessionen. Es ist ein heilsames, ein blasphemisches Buch - eine Komödie, von der vielleicht sogar eine Katharsis ausgehen kann. Grund für eine Fatwa gegen Houellebecq hat nur Frankreich.

          Quelle: F.A.Z.

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