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Veröffentlicht: 06.01.2015, 09:04 Uhr

Houellebecqs neuer Roman Ist das alles iranisch gemeint?

Die heftigen Reaktionen auf Michel Houellebecqs Islamisierungs-Horrorwerk „Unterwerfung“ in Frankreich verraten viel über das Land: Der Autor hat ihm eine Falle gestellt, und alle tappen hinein.

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© AFP Spielt mit den kollektiven Ängsten: Michel Houellebecq

„Meiner Meinung nach hat er sie erreicht“, bilanziert die Kritikerin der Zeitung „Le Temps“. Sie meint die Grenzen der Provokation und die Gipfel der Geschmacklosigkeit. Und nennt Michel Houellebecqs „Soumission“ einen „gescheiterten hervorragenden Roman“: „Er spielt mit dem Feuer, er alimentiert die abstrusen Theorien rechtsextremer Ideologen.“

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„Die rechten Schriftsteller sind zurück“, stöhnt Chefredakteur Laurent Joffrin in „Libération“. Seine Zeitung widmete Houellebecq am Samstag die ersten Seiten. Der Schriftsteller hat seinem Roman den Titel von Theo van Goghs letztem Film gegeben. Der niederländische Regisseur projiziert Verse aus dem Koran auf den nackten Körper einer geschlagenen Frau. Nach der Ausstrahlung im Fernsehen wurde er ermordet. Sex und Islam sind die Kampfzonen von Houellebecqs Romanen.

„Es ist erlaubt, einem Autor schriftstellerische Qualitäten zu bescheinigen und seine Ideen zu bekämpfen“, schreibt Laurent Joffrin: „Wie bei Céline, Morand oder Chardonne“, aber auch Brasillach und Drieu la Rochelle. Die seit 1945 verfemten rechten Schriftsteller sind bekanntlich nicht die schlechtesten.

Houellebecqs Ironie wird verkannt

„Die rechten Kritiker täuschen sich übrigens nicht“, schreibt Joffrin über die ersten Rezensionen: „Sie nehmen Houellebecq beim Nennwert.“ Seine „Unterwerfung“ handelt von der Wahl eines Muslims zum französischen Präsidenten und der Islamisierung des ganzen Landes. Mit Ben Abbès bekommt Frankreich - in der Sicht Houellebecqs - als Präsidenten endlich einen würdigen Nachfolger Mitterrands, der einer linken Ideologie huldigte und heimlich die rechten Schriftsteller liebte.

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Auch der linke Chefredakteur Joffrin hat nicht viel Gespür für Houellebecqs Ironie und Satire. Er zitiert Alain Finkielkraut, der „Unterwerfung“ als Meisterwerk absegnete: „Wenn die Journalisten unsere irrationalen Ängste und Phantasmen der Einwanderung beklagen“, so Finkielkraut, „wird die Wirklichkeit zum Anliegen der Literatur, zumindest der mutigen Schriftsteller.“

Für Finkielkraut unterschlagen, zumindest beschönigen die Zeitungen aus Gesinnungsgründen die Realität. Mit Denkverboten und Verdrängung hat man in Frankreich viel Erfahrung. In dieser Marktlücke schreibt und gedeiht Houellebecq. Doch in Frankreich redet man nur noch aneinander vorbei und verdreht die Argumente der anderen. Joffrin will Finkielkrauts Lob auf Houellebecq partout nicht verstehen: „Anders gesagt, täuschen sich ,Libération‘ und einige andere, wenn sie die Thesen der Rechtsextremen zur Einwanderung ablehnen. Und es ist Houellebecq, der die Wahrheit sagt.“

Eine Farce auf den Antifaschismus

Doch um irgendeine Wahrheit geht es dem Schriftsteller zu allerletzt. Und Finkielkraut sagt etwas ganz anderes. Und man kann im Roman auch unmöglich eine Parteinahme für die Rechtsextremen ausmachen. Allerdings führt Houellebecq die Art und Weise, wie sie bekämpft werden, mit Hochgenuss ad absurdum. Sein Roman ist eine Farce des Antifaschismus. Eine Satire auf die Vergangenheitsbewältigung. Auf die bekehrten ehemals marxistischen Intellektuellen, die Stalin, Mao und Pol Pot verehrt hatten und sich mit fliegenden Fahnen Ben Abbès anschließen. Sie hatten im Namen ihrer Bekehrung von den Ideologien, die sie eine antitotalitäre Aufklärung nennen, Diktatoren von Saddam Hussein bis Gaddafi als Wiedergänger Hitlers bekämpft und die Kriege gegen sie propagiert. In ihrem manichäischen Weltbild wurden Minderheiten im Visier des Rechtsextremismus - Muslime, Einwanderer, Homosexuelle, Schwarze, Juden - zu antifaschistischen Hoffnungsträgern und unterscheidungslos zu Opfern verklärt, als seien sie alle für „ethnische Säuberungen“ bestimmt.

In diesem überhitzten, ideologisch aufgeladenen Pariser Klima ist eine pragmatische Diskussion unmöglich geworden. Es geht fast nur noch um verbale Entgleisungen und die ideologische Exkommunikation.

Le Pens Aufstieg wurde nicht gebremst, sondern von der Rückkehr der verdrängten Vergangenheit und der kulturellen Hegemonie des Antifaschismus beschleunigt. Er verstand es, sie mit seinen antisemitischen Provokationen skrupellos zu nutzen. 2002 kam er in die Stichwahl und wurde bekämpft, als ginge es nochmals darum, Widerstand gegen Pétain und Vichy zu leisten. Jene, die im ersten Durchgang nicht zur Wahl gegangen waren, demonstrierten auf der Straße.

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