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Hörbuch : Was träumt der Kopfsalat im Mondenschein?

  • -Aktualisiert am

Eine Begegnung mit einem Fremden in der Halle des Bahnhofs von Antwerpen verändert in diesem Roman alles. Bild: AP

Netzwerk des Schmerzes: Michael Krüger liest W.G. Sebalds „Austerlitz“ über die Schicksalsspur eines Holocaust-Überlebenden

          Als W.G. Sebalds letztes und umfangreichstes Werk „Austerlitz“ im Jahr 2001 erschien, sorgte gerade die Popliteratur für einigen Wirbel. „Austerlitz“ wirkte dagegen in Form und Inhalt wie aus der Zeit gefallen – und gerade deshalb auch international faszinierend.

          Denn was die Welt von deutschsprachigen Autoren damals erwartete (und bis heute hat sich wenig daran geändert), ist keine popkulturelle Leichtigkeit. Ernst und düster soll die deutsche Prosa sein, mit der Historie dräuend. Für viele Leser in England und vor allem den Vereinigten Staaten ist der kurz nach dem Erscheinen von „Austerlitz“ bei einem Autounfall verstorbene Sebald der bedeutendste deutschsprachige Autor nach Günter Grass und Thomas Bernhard. 1944 geboren, ist er in seinen Werken fixiert auf die von den Deutschen angerichtete Katastrophe, die er aber nicht als rein deutsche Angelegenheit betrachtet: Sie hat sich aus der europäischen Geschichte heraus entwickelt und wieder in die europäische Geschichte „hineingefressen“ – ein riesiges „Netzwerk des Schmerzes“.

          Schicksalsspur eines Überlebenden

          „Austerlitz“ handelt von einem Überlebenden. Im Bahnhof von Antwerpen trifft der Ich-Erzähler 1967 auf einen Mann, der die grandiose Architektur der Halle studiert und mit dem er bald ins Gespräch kommt: Jacques Austerlitz, ein Gelehrter mit der gewissen Wittgenstein-Ähnlichkeit. Der Erzähler gerät in den Bann dieses Fremden, den er in den folgenden Jahren und Jahrzehnten wie zufällig wiedertrifft an verschiedenen Orten Europas. Bei jeder dieser Begegnungen enthüllt Austerlitz mehr von seinem Denken und Leben, dessen Anfänge ihm selbst entglitten sind. Geboren als Kind jüdischer Eltern in Prag, wurde er im Alter von vier Jahren, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, mit einem „Kindertransport“ nach England geschickt, wo er im Haus eines walisischen Predigers aufwuchs, ohne Erinnerung an seine wahren Eltern, die dem Holocaust zum Opfer fielen.

          Der Schriftsteller und Germanist W.G. Sebald (1944 bis 2001)

          Austerlitz ist ein Geretteter, aber doch zeitlebens gezeichnet von Depression, Einsamkeit und psychischen Zusammenbrüchen. Sein merkwürdiges Fasziniertsein von Monumentalarchitektur – Festungsanlagen, Justizpaläste und die großen Bahnhofshallen, die er seit je als „Glücks- und Unglücksorte“ empfindet – hat einen autobiographischen Hintergrund, dem er allmählich auf die Spur kommt. Es ist diese Schicksalsspur, die der dokumentarisch-essayistische Roman verfolgt bis in das nationalsozialistische Lager von Theresienstadt, wohin die Mutter von Austerlitz deportiert wurde.

          Zweifellos ist Sebald einer der herausragenden Stilisten der jüngeren deutschsprachigen Literatur. Seine elegante Prosa mit ihren weit ausschwingenden, musikalisch rhythmisierten Satzbögen ist nicht nur ein Lese-, sondern auch ein Hörgenuss. Leider gibt es bisher nur wenige Sebald-Hörbücher. Wenn nun von Michael Krüger – als Hanser-Chef war er lange der Verleger des Autors – eine ungekürzte „Austerlitz“-Lesung erscheint, ist das mehr als ein Freundschaftsdienst. Krüger, der bedeutende Hörbuch-Editionen wie die „Lyrikstimmen“ herausgegeben hat, ist dem Medium eng verbunden und selbst ein außergewöhnlicher Vorleser, der die Hörer mit warmem Timbre und feinem Sinn für die Satzmelodien der Sebald-Prosa in den Bann zieht. Sein Vortrag hat nichts von schauspielernder Routine, vielmehr gewinnt er seine Ausdruckskraft und die Treffsicherheit der Pausen und Betonungen aus der innigen Vertrautheit mit dem Text, seinen Hintergründen und Zusammenhängen.

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