Home
http://www.faz.net/-gr1-6zcb8
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Sachbücher der Woche Wozu Gesetze, wenn der Mammon regiert?

 ·  Neue Bücher von Robert Knapp, H. Dieter Zeh, Jonathan Bolton, Jean-Marc Lévy-Leblond und Guido Hinterkeuser.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Robert Knapp kennt den Alltag einfacher Menschen im Römischen Reich, Dieter Zeh rettet einen alten Traum der Physik und Jonathan Bolton beschreibt das Leben tschechischer Dissidenten unter kommunistischer Herrschaft. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Die erste Welle einer ambitionierten Alltagsgeschichte vor gut dreißig Jahren wurde nur von wenigen Althistorikern geritten. Zu stark schienen die überlieferten Texte und Relikte lediglich von Angehörigen der antiken Eliten zu handeln, um über Einzelaspekte hinausgehend ein methodisch abgesichertes Bild von den Menschen außerhalb dieses Kreises zeichnen zu können. Die einschlägigen Bücher, die es natürlich gab, konzentrierten sich entweder auf scheinbar spektakuläre Themen wie Gladiatorenkämpfe oder sie wurden - nicht immer zu Recht - einer kompilatorisch verfahrenden Kulturhistorie zugerechnet, die sich aus den alten Kompendien über Privataltertümer und Sittengeschichte speiste.

Robert Knapp sorgt für frischen Wind. Ohne jede bekennerische Attitüde lässt der zuletzt in Berkeley lehrende Althistoriker den antiquarischen Objekteapparat beiseite und fragt nach den Menschen unterhalb der als Stände gefassten Elite der Gesellschaft. Die beiden längsten Kapitel gelten einleitend allgemein den gewöhnlichen Männern beziehungsweise Frauen; es folgen die Armen sowie die rechtlich bestimmbaren, indes lebensweltlich sehr differenzierten Gruppen der Sklaven und der Freigelassenen. Prostituierte und Gladiatoren fielen zahlenmäßig nicht ins Gewicht, waren aber aus verschiedenen Gründen hochgradig sichtbare Erscheinungen. Gegenüber ihrer Umwelt abgesondert, gleichwohl mit dieser vielfach verbunden lebten schließlich einerseits Soldaten, andererseits Banditen und Piraten (die manchmal zuvor Soldaten gewesen waren). Etwa zwei Drittel der Bevölkerung, Sklaven und Freie, führten eine Existenz am Rande des Minimums, durch jeden Ausschlag nach unten vom Tode bedroht.

Knapp belässt es nicht dabei, die antike Hochliteratur gegen den Strich zu lesen, er zieht auch wenig bekannte, höchst aussagekräftige Texte von Autoren heran, die zwar gebildet waren, aber nicht der sozialen Elite angehörten: Traumbücher, astrologische Werke, Liebesromane und Lehrbücher, Sprichwörter und Fabeln, das Neue Testament und andere christliche Schriften sowie selbstverständlich Papyri und Grabinschriften. Er tut dies mit methodischer Vorsicht, gestützt auf die vielfältige Forschung, die nicht nur auf dem Feld der Demographie erhebliche Fortschritte erzielt hat.

Arbeit und eheliche Treue wertzuschätzen gehörte zum moralischen Kompass einfacher Römer - was Gewalt und Missbrauch in der Ehe nicht ausschloss. Schulden und Unterbeschäftigung drückten, Magie, Kulthandlungen, Familie und Verein sollten vor den Unwägbarkeiten des Lebens schützen. Während in der Elite die Ehefrau nur eine einzige Funktion hatte und ansonsten oft „ein dekoratives Anhängsel, keine Partnerin“ darstellte, wurde bei den Haushalten der großen Mehrzahl jede Hand gebraucht und übten die Frauen großen Einfluss aus, als starke Partner, wenn es darum ging, das Leben in den Griff zu bekommen.

Freiwillige Gladiatoren als gesellschaftliche Geächtete

Sich anzustrengen, um sozial aufzusteigen, war für Soldaten und Sklaven beziehungsweise Freigelassene attraktiv, für die Armen hingegen nicht; Knapp führt zur Erklärung Aleksandr Cajanovs „Theorie der Plackerei“ an. Den ganz eigenen Kodex römischer Banditen erhellt er durch die Verhältnisse bei karibischen Piraten der Frühen Neuzeit.

Auch liebt er es, gängige Vorstellungen anzugehen. Die Bäder: ein Hort von Unrat, Dreck, Körperflüssigkeiten und Keimen. Unparteiliche Entscheidungsbefugte und fürsorgliche Mächtige? Knapp zitiert aus dem Brief eines Soldaten, der versetzt werden möchte: „Doch hier geht nichts ohne Geld, und Empfehlungsbriefe nützen nichts, wenn man sich nicht selbst hilft.“ Die Armee als Garantin des inneren Friedens? Knapp betont die Spannungen zwischen der Zivilbevölkerung und den privilegierten Soldaten mit ihrem „Machtbewusstsein, das fast jeden Exzess zugleich erlaubte und entschuldigte“. Freiwillige Gladiatoren als gesellschaftlich Geächtete stigmatisiert?

Von verschiedenen Welten

Ein Hirngespinst der Oberschicht, bedeutungslos im Leben der normalen Bevölkerung; die Gladiatoren taten nur auf ihre Weise das Beste, um in einer Welt mit wenig Chancen für sie dennoch zu Erfolg zu kommen. Das römische Recht ein Schutzhafen der einfachen Leute? Der gewöhnliche Römer hatte einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit - und suchte das Rechtssystem wenn möglich zu meiden, weil es als korrupt, schwerfällig und elitendominiert galt. Petrons Verse finden vielfache Bestätigung: „Wozu nützen die Gesetze, wenn der Mammon nur regiert. Wenn der kleine Mann der Straße immer den Prozess verliert.“

Doch die Wirklichkeit ist widersprüchlich, wie Knapp einräumen muss. Eine Frau gibt ihre Tochter ins Bordell, dort wird diese von einem Freier ermordet. Der Richter verurteilt ihn zum Tode und spricht der Mutter, „die der Armut wegen, die sie einschnürte, ihre eigene Tochter vom Pfad der Tugend wegzog, weshalb sie sie verloren hat“, ein Zehntel von dessen Vermögen als Schadenersatz zu.

Die Eliten und die gewöhnlichen Leute bewohnen in Knapps Imperium Romanum zwei nach den Lebensumständen wie nach den Werten und Normen sehr verschiedene Welten. War das philosophische Denken der Eliten auf Ideale und Selbsterziehung ausgerichtet, herrschte weiter unten ein robuster Pragmatismus. Gemeinsam war lediglich, die bestehenden Hierarchien zu akzeptieren und individuell auf ein gutes Gelingen zu setzen.

Aber wie konnte dies ausreichen? Die Frage, warum das Gefälle und die Fremdheit zwischen oben und unten nicht mehr Konflikte produzierten, wurde zu Recht immer wieder gestellt. Die Althistorie hat die vertikale Integration im Patron-Klient-Verhältnis, im Euergetismus, in der symbolischen Integration durch Rituale und in einer Art pursuit of happiness unter den vergleichsweise stabilen Verhältnissen des Römischen Reiches verwirklicht gefunden. Knapp zitiert die nüchtern-stolze Grabinschrift des Lucius Trebius Ruso: Dieser wurde in elendeste Armut geboren, diente siebzehn Jahre als Marinesoldat an der Seite des Kaisers und wurde in Ehren entlassen. Dieses vorzügliche Buch jedoch stimmt - auch mit Blick auf die Gegenwart - nachdenklich: Was, wenn die Bedeutung sozialer Integration und politischer Legitimation generell überschätzt würden?

UWE WALTER

Robert Knapp: „Römer im Schatten der Geschichte“. Gladiatoren, Prostituierte, Soldaten: Männer und Frauen im Römischen Reich.

Aus dem Englischen von Ute Spengler. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012. 398 S., Abb., geb., 24,95 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

99 Luftballons

Von Fridtjof Küchemann

Google will jetzt auch die Lufthoheit und lässt kommunizierende Ballons durch die Stratosphäre segeln. Wie niedlich, könnte man meinen, würde man den kalifornische Datensammler nicht besser kennen. Mehr 1 2