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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Was sich da alles gegenseitig züchtet!

Richard Dawkins: Die Schöpfungslüge Bild: Verlag

Richard Dawkins ficht diesmal mit etwas mehr Gelassenheit für evolutionsbiologische Einsichten, Markus Krajewski folgt der Figur des Dieners und Thomas Asbridge nimmt die Kreuzzüge unter die historische Lupe. Dies und mehr in den Sachbüchern der Woche.

          Richard Dawkins ist, weil schließlich selbst vom Fach, ein Kenner der Evolutionsbiologie, ein geschickter Vermittler ihrer Einsichten an ein größeres Publikum und außerdem noch Prediger eines auf diese Einsichten bauenden wissenschaftlichen Weltbilds. Restlose Bewunderer seiner Bücher werden den Hinweis auf den Prediger vermutlich als Boshaftigkeit vermerken. Weil man schließlich nur für heikle Glaubensartikel predige, während Aufklärung über Wissenschaft geprüftes Wissen zur Geltung bringe. Das mag sogar so sein. Aber weil Dawkins sich einer Missionierung im Zeichen der Ignoranz gegenüber sieht, nämlich jener der Kreationisten mit ihrer meist religiös unterfütterten Ablehnung der Evolutionstheorie, holt er gern zur Gegenmissionierung aus.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie etwa in seinem Buch über den „Gotteswahn“: Erzengelgleich schwang er in ihm das Schwert, um den Schöpfergott über die Klinge springen zu lassen. Womit er sich und der von ihm hochgehaltenen Wissenschaft deutlich zu viel zumutete: Manche werkwürdige Hypothese musste da herhalten, um einen Hypothesengott loszuwerden. Statt sich an die solide Einsicht zu halten, dass ein Gott nun einmal nicht widerlegt, sondern auf Eis gelegt wird.

          Facetten des großen Schauspiels Evolution

          Nun aber liegt das neueste Buch von Richard Dawkins vor, mit einem Titel, „Die Schöpfungslüge“, der kaum weniger vollmundig ist als „Der Gotteswahn“ zuvor. Bloß gilt es festzuhalten, dass er eine Erfindung des Verlags der deutschen Ausgabe ist, dem offensichtlich daran gelegen war, Dawkins weiterhin als atheistischen Prediger unters Volk und zu hohen Auflagen zu bringen. Dawkins selbst favorisierte zuerst, wie er in seinem Vorwort schreibt, das hübsch ironische „Only a Theory“, das eine Standardwendung der Kreationisten aufnimmt. Doch weil diese Titelformulierung bereits vergeben war, wurde es dann im englischen Original „The Greatest Show on Earth“, was natürlich auf das große Theater der Evolution zielt.

          Und so versteht Dawkins auch die Aufgabe, die er sich für dieses Buch stellte: Nämlich vor Augen zu führen, wie sich die Belege für das Evolutionsgeschehen miteinander verschränken, so dass die Ablehnung evolutionärer Erlärungen der Geschichte des Lebens auf unserem Planeten als eine recht verbissene Leugnung kenntlich wird. Die halsstarrigen kreationistischen Gegner hat er zwar immer noch vor Augen, was im angelsächsischen Kontext etwas näher liegt als unter europäischen Verhältnissen, wo nicht ernsthaft zu befürchten ist, dass für fromm und wertbewusst erachtete Evolutionsabstinenz in Lehrpläne vordringt. Was er sich nun aber glücklicherweise spart, sind versuchte Entzauberungen der Gegenseite mit evolutionärer Psychologie, fatalen Memen und einem Religionsbegriff, der auf evangelikale Engstirnigkeiten oder Schlimmeres maßgeschneidert ist.

          Statt dessen werden Facetten des „großen Schauspiels“ der Evolution vorgeführt, auf verschiedenen Zeitskalen, mit Blick auf die unterschiedlichsten Wirkungen für die Ausprägung von Lebensformen und mit jenem darstellerischen Geschick, das Dawkins oft schon und zuletzt in seinen „Geschichten vom Ursprung des Lebens“ bewiesen hat.

          Selektionsdruck unter Laborbedingungen

          Ein Haupteinwand der generellen Evolutionsverächter lautet, dass aus den genetischen Zufallsvariationen, an deren phänotypischen Konsequenzen natürliche Selektion angreift, nie und nimmer in den dafür zur Verfügung stehenden Zeiträumen die so wunderbar eingerichteten Lebewesen aller Art oder besser eigentlich, aller Arten hätten hervorgehen können. Also ist es Dawkins darum zu tun, gerade diese Effektivität natürlicher Selektion einsichtig zu machen. Dass er dafür von menschlichen Züchtungstechniken ausgeht, um den Bogen von solcher künstlich hervorgebrachten zur natürlichen Selektion zu schlagen, ist gleichzeitig eine elegante Reverenz gegenüber dem Ahnherrn Darwin. Ausführlich werden von ihm Experimente vorgestellt, in denen Selektionsdruck unter Laborbedingungen nachweisbar wird. Und mit derselben Geduld und einer Vielfalt von Beispielen begegnet Dawkins den anderen „Unmöglichkeiten“ und „Lücken“, die von Kreationisten verschiedener Obödienz ins Spiel gebracht werden.

          Dass er sie damit auf breiter Front zu Umkehr und Einsicht in die Realität ungesteuerter evolutionärer Prozesse wird bewegen können, davon geht Dawinks natürlich nicht aus. Schließlich kennt er, der mittlerweile unzählige und mit Verve ausgefochtene Scharmützel auf diesem Terrain hinter sich gebracht hat, seine Kontrahenten nur zu gut. Aber steter Tropfen höhlt ja vielleicht doch einmal den Stein, und besser ist, selbst kontrafaktisch auf die mögliche Verbesserung naturwissenschaftlicher Grundkenntnisse zu setzen, als memetische Verschwörungstheorien für die fortdauernde Verbreitung der Unvernunft zu wälzen. Außerdem kommt dabei auch ein Buch heraus, dass man gar nicht ausschließlich mit Augenmerk auf diese Scharmützel lesen muss. Selbst wenn man nicht erwarten darf, über neuere Fragestellungen zur gleichzeitigen natürlichen Selektion auf mehreren Organisationebenen viel zu erfahren.

          Die von Dawkins aufs Korn genommene Schöpfung ist natürlich jene, die Kreationisten glauben hochhalten zu müssen: eine einmalige oder auch wiederholte Instantkreation der Lebewesen nach vorher durchkalkuliertem Design. Und einmal abgesehen davon, dass es ebe3n anders lief: So etwas Plumpes kann man einem Gott, der doch an einem offenen Spielverlauf interessiert gedacht werden muss, wenn anders unsere Freiheit etwas gilt, wirklich nicht mehr zumuten.

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