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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Von den Denkstilen der Wissenschaft

  • Aktualisiert am

Ludwik Fleck (1896 bis 1961) gehört zu den einflussreichsten Theoretikern Bild: Illustration Isabel Klett

Ein Band zeigt Ludwik Fleck als Paten der modernen Wissenschaftsforschung, Steven Pinker sieht den ewigen Frieden kommen, Werner Busch folgt Bilderspuren bei Laurence Sterne. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Eine Szene aus dem Alltag des akademischen Lebens: Im Herbst 1933 schickte der weithin unbekannte polnische Bakteriologe Ludwik Fleck ein Buchmanuskript an Moritz Schlick, die führende Figur des Wiener Kreises, und bat ihn um Mithilfe bei der Veröffentlichung. Monate später erteilte Schlick ihm mit professoraler Höflichkeit eine Abfuhr. Zwar lobte er Gelehrsamkeit und Gedankenreichtum des Buches, doch konnte er weder den erkenntnistheoretischen Folgerungen Flecks zustimmen, noch hielt er es für möglich, dass dieses Buch außerhalb eines kleinen Kreises von Spezialisten, die sich für die Geschichte und Epistemologie der Medizin interessierten, Leser finden werde.

          Diese kleine Episode könnte man mit Fleck als Inkommensurabilität von Denkstilen bezeichnen. Für Schlick, den Repräsentanten des Logischen Empirismus, der sich fast ausschließlich an der modernen Physik orientierte, war es undenkbar, dass die Biomedizin als Fluchtpunkt der Wissenschaftstheorie dienen könnte. Und, noch gravierender: Während der Wiener Kreis nach überhistorischen Kriterien wissenschaftlicher Erkenntnis suchte, beharrte Fleck zeitlebens auf derer soziokultureller und psychologischer Bedingtheit.

          Kuhn ist nicht mehr alleine

          An dieser Konfrontationsstellung hat sich bis auf den heutigen Tag wenig geändert. Die Wissenschaftstheorie insistiert auf normativen Prinzipien der Erkenntnisentstehung und benutzt historische Beispiele allenfalls zur Illustration. Soziologen und Wissenschaftshistoriker wiederum legen Studie um Studie vor, aus denen hervorgeht, dass Entstehung und Etablierung wissenschaftlicher Erkenntnis nur innerhalb eines gegebenen Kontextes erklärbar ist. In einem Punkt freilich haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Während die Schriften Schlicks und anderer Vertreter des Wiener Kreises nur noch von einigen wenigen Spezialisten der Philosophiegeschichte konsultiert werden, ist Fleck weit über die angloamerikanische und deutschsprachige Wissenschaftsforschung hinaus so einflußreich wie außer Bruno Latour wohl kein anderer Theoretiker.

          Flecks anhaltende Reputation basiert auf einem einzigen Buch, ebender von Schlick abgewimmelten, zuerst 1935 in Basel erschienenen Studie zur „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“. Zunächst von einigen Medizinern und Biologen und Philosophen rezipiert und dann in den Wirren des Weltkriegs vergessen, hat dieses schmale Buch mit erheblicher Zeitverzögerung gleich mehrere Renaissancen erlebt. Zuerst war es Thomas Kuhn, der auf verblüffende Parallelen zwischen seiner eigenen Konzeption wissenschaftlicher Revolutionen und Flecks Überlegungen hinwies. Auch wenn die Gemeinsamkeiten nicht überbetont werden sollten - die Idee der Revolution kommt bei Fleck gar nicht vor -, für die nach Kuhn florierende Theorie des Sozialen Konstruktivismus war ein willkommener Verbündeter aufgetaucht.

          Die Nazis nutzten Flecks Wissen aus

          In den neunziger Jahren dann, mit Blick auf Methoden, Kategorien und Praktiken unterschiedlicher Wissenschaftskulturen, wurde Fleck zur Leitfigur jener Richtung in der historischen Wissenschaftsforschung, die sich für die lokal gebundenen und kontingenten Momente der Erkenntnisdynamik interessierte. In jüngster Zeit ist Fleck auch in Wissensgeschichte, Kultur- und Medienwissenschaften angekommen. Seine Überlegungen zu wissenschaftlichen Bildern, zur Beobachtung oder zur „Stimmung“ eines Denkkollektivs sind hier ebenso wegweisend wie seine Einsicht, dass sich wissenschaftliche Tatsachen nur im Rahmen eines historisch kontingenten Settings („Denkkollektiv“, „Denkstil“) zu stabilisieren vermögen, dass auch kulturelle Wissensbestände („Präideen“) mit einbezieht.

          Fast könnte man von einer Entdeckung Flecks als Kulturwissenschaftler sprechen, dessen konkretes Arbeitsfeld, die Biomedizin, selbst zur Nagelprobe kulturwissenschaftlicher Erklärungskraft geworden ist. Im Zuge seiner Kanonisierung hat sich auch eine Fleck-Forschung etabliert, die die Entstehungsbedingungen seiner eigenen Theorie zu historisieren versucht. Dazu zählen seine Nähe zur Soziologie, Ethnologie und Gestaltpsychologie der zwanziger Jahre ebenso wie seine Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus. Das Lemberger Getto sowie die Deportation nach Auschwitz und Buchenwald überlebte er wohl nur, weil er als mikrobiologischer Experte für die SS nützlich war. Als Fleck schließlich 1957 wegen anhaltender antisemitischer Hetze aus Polen nach Israel emigrierte, forschte er bis zu seinem Tod 1961 ausgerechnet in Nes Ziona, jenem biologischen Forschungsinstitut, das auch Zielen biologischer Kriegsführung dient.

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