16.02.2012 · Neue Bücher von Hubert Cancik, Christopher Turner, Peter Eisenberg sowie die Edition eines Briefwechsel zwischen Wilhelm II. und dem Völkerkundler Leo Frobenius.
Hubert Cancik versucht den Begriff „Humanismus“ zu retten, Peter Eisenberg erforscht den Umgang mit Fremdwörtern und Christopher Turner weiß Neues über den Sexualrevolutionär Wilhelm Reich. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.
Dieses Buch ist noch viel lustiger als der Film „The King’s Speech“, der vor einem Jahr erfolgreich in den Kinos lief und erzählt, wie der englische König Georg VI. einen Sprachtherapeuten engagiert, um sein Stottern kurieren zu lassen. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte. Aber wirklich Wort für Wort wahr, und zwar ohne irgendwelche Ausschmückungen oder Erfindungen ist jene Geschichte, die das soeben erschienene Buch „Der Kaiser und sein Forscher“ dokumentiert - und ihr Stoff ist noch viel besser.
Von 1924 an schrieben sich Wilhelm II., der bereits im Exil lebte, und der deutsche Afrika-Forscher Leo Frobenius Briefe. Der Briefwechsel endet mit Frobenius’ Tod im Jahr 1938; er starb kurz nach seinem fünfundsechzigsten Geburtstag. Es war ein Erschöpfungstod, zu dem die wuchernde und vereinnahmende Korrespondenz mit Seiner Majestät ebenfalls beigetragen hatte. Überliefert sind 121 Schreiben des ehemaligen Monarchen und 96 Schreiben von Frobenius, die nicht selten den Umfang kleiner Romane annehmen.
Was ist also daran lustig? Die Pointe liegt in derselben Konstellation wie im Film. Ein Bürgerlicher und ein Hochadeliger begeben sich in eine langjährige Symbiose, wobei diese Gemeinschaft zu Beginn so unwirklich scheint wie der Bund zwischen einem Eichhörnchen und einem Karpfen. Die Annäherung vollzieht sich zunächst aufgrund eines Defizits auf Seiten seiner Majestät, was aber natürlich - so will es die Etikette - nur auf Umwegen thematisiert werden darf. Im Film ist es der Sprachfehler Georg VI.; im Buch ist es die Sehnsucht des Kaisers, als Wissenschaftler anerkannt zu werden.
Da sitzt also Wilhelm II. im niederländischen Exil und brütet über weltgeschichtliche Fragen. Deutschland hat er verloren, den Krieg auch, die Monarchie ist futsch, aber die Lebensgeister kehren zurück, als er 1923 zum ersten Mal einen Vortrag des Afrika-Reisenden Leo Frobenius hört. „Das war phänomenal“, soll der Kaiser ausgerufen haben, so etwas habe er in seinem ganzen Leben noch nicht gehört. Phänomenal, so wird sich zeigen, fand der Kaiser, dass er aus Frobenius’ Ausführungen den Schluss zog, er sei ganz ohne eigenes Verschulden in die schreckliche Lage geraten, in der er sich befand.
Mehr noch. Die Monarchie sei noch lange nicht verspielt, das eherne „Gesetz der Kultur“ sehe seine Rückkehr auf den Thron vor. Durch das Labyrinth der Geschichte führte ein roter Faden von Afrika bis in die Gegenwart, an dem nun Seine Majestät mit Entzücken zog und zerrte. Vierzehn Jahre lieferte Frobenius daraufhin Brief für Brief Mörtel und Steine für einen gewaltigen weltgeschichtlichen Entschuldigungspalast, in dem sich der Kaiser mit viel Liebe zum Detail einrichtete.
Den ersten Brief schrieb Frobenius im Dezember 1924, vorausgegangen war ihm ein nicht überliefertes Schreiben des Kaisers, dem dessen Buch „Erinnerungen an Korfu“ beilag - das archäologische Traktat des Exilmonarchen. Frobenius: „Ich bin einfach erschlagen von dem grossartigen Eindruck, den die uns ja so vertraute grosse Menschlichkeit des Kaisers in diesem Buche unvermittelt auf jeden machen muss. Dann die einfache, eines ganz richtigen Professors, würdige archäologische Darlegung, die sosehr sachlich und doch nicht trocken ist.“ Der Kaiser: „Solches Lob aus solchem Munde! Da wird ein Dilettant stolz wie ein Pfau!“ Frobenius: „Es wird Seine Majestät interessieren, dass sein Werk sogar unter französischen Gelehrten warmherzige Aufnahme gefunden hat. Gelegentlich der Unterhandlungen mit französischen Gelehrten in Paris konnte ich dies feststellen.“
Damit nimmt der Austausch seinen Lauf. Frobenius, selbst ein Autodidakt, der sich seine Aufnahme in Forscherkreisen mühsam erstreiten musste, lässt den Kaiser glauben, er könne ihm zu Ruhm auf dem akademischen Parkett verhelfen. Der Kaiser ist gebauchpinselt - und Frobenius braucht sein Geld. Auch Frobenius hatte also ein Motiv, einen leise surrenden Motor, der seine Briefproduktion antrieb. Die Gründung seines „Instituts für Kulturmorphologie“ in Frankfurt stand unmittelbar bevor, und seine Afrika-Expeditionen verschlangen weiterhin Unsummen. Hinzu kam eine sehr menschliche Schwäche, die im Fall von Frobenius besonders ausgeprägt war: Er bewunderte, wer ihn bewunderte. Und mit Bewunderung sparte der Kaiser nicht.
Das bleibende Verdienst des 1873 geborenen Frobenius besteht darin, das weltweit größte Archiv für Felsbildmalerei geschaffen zu haben. Während sich der Rest der Gelehrten noch einig war, dass der afrikanische Kontinent kulturell nichts zu bieten habe, fuhr Frobenius mit seinem Expeditionsteam zwischen 1904 und 1935 quer durch die Wüsten und Hochebenen, um sämtliche Stätten der Höhlenmalerei aufzuspüren und zu erfassen. Rund 9000 großformatige Gemälde bezeugen bis heute Frobenius’ Ansicht, dass die Kultur ihren Ursprung in Afrika habe.
Keine Illusionen sollte man sich über den Rest des Gedankengebäudes machen. Frobenius vertrat die These, Deutschland zähle in Wirklichkeit nicht zum Abendland, sondern zum Morgenland. Für ihn gab es zwei Kulturtypen. Die Deutschen zählte er zur äthiopischen Kultur, während er die Franzosen, Engländer und Amerikaner zusammen mit den Pygmäen zur hamitischen Kultur rechnete. Das ist natürlich verrückt, begeisterte aber wieder den Kaiser. Wie das Vorwort berichtet, lautete sein Kommentar: „Ich bin wie erlöst! Die ganzen Jahre nach der Revolution habe ich darüber gegrübelt, jetzt endlich weiß ich es: wir werden die Führer des Orients gegen den Okzident!“
Der Kaiser bastelte an seinem Comeback, und Frobenius hatte die Flagge gehisst, unter der er segeln wollte. Nach dem verlorenen Krieg kam Wilhelm II. nichts mehr gelegen als eine Geschichtstheorie, die Deutschland vom Rest Europas abgrenzte und vor allem die verhassten Engländer in einen weit entferntes geistiges Reich abschob, einen fremdartigen Kulturkreis. Noch einmal der Kaiser: „Wenn wir den Deutschen erst einmal beigebracht haben, dass Franzosen und Engländer gar keine Weißen, sondern Schwarze - die Franzosen z. B. Hamiten - sind, dann werden sie schon gegen die Bande vorgehen.“ Dass die Deutschen nach Frobenius ja ebenfalls „Schwarze“ waren, nämlich Äthiopier, ging im Eifer des Gefechts unter.
Aber um Widersprüche scherte man sich auch nicht. Im Gegenteil. Mit grimmigem Stolz registrierte Wilhelm II. den Unglauben, der ihm aus dem Lager Oswald Spenglers entgegenschlug, der den Untergang des Abendlandes predigte und Deutschland sinken sah. „Spengler“, wetterte der Kaiser 1928 in einem Brief an Frobenius, „macht leider nach und nach unsere Geistlichen verrückt, die sogar von der Kanzel den Untergang des Abendlandes, nämlich Deutschlands besprechen! Ich nahm Gelegenheit durch Gespräch diesen Unsinn zu corrigiren auf Grund Ihres Materials. Das Resultat war vorläufig: Fassungslosigkeit, dass wir Morgenländer und keine Abendländer seien. Ich arbeite nach!“
Der listige Frobenius, einem Sektengründer nicht unähnlich, wusste die Begeisterung seines Anhängers in klingende Münze zu verwandeln. Je mehr sich der Kaiser ereiferte, desto düsterer malte er die finanzielle Lage seines Instituts aus: „Jetzt gilt es, sein oder Nichtsein’.“
Die Rechtfertigung der kulturgeschichtlichen Verrücktheiten, die man sich ausdachte, kleidete man in eine eigene Sprache. Wer Kritik übte, den nannte man abfällig einen „Monographen“, der vor lauter Bäumen den Wald nicht sehe. Zur Selbstvergewisserung wurde die „Doorner Akademie“ gegründet, zu deren Sitzungen man jedes Jahr weitere konsenswillige Wissenschaftler einlud.
Das Ende sei auch verraten. 1931 veröffentlichte Frobenius „Erythräa. Länder und Zeiten des heiligen Königsmordes“, ein Titel, der zuerst wie ein Affront klingt. Das Buch handelte von einem Brauch, auf den Frobenius auf einer Afrika-Expedition gestoßen war und der angeblich von Sumer quer durch Afrika Verbreitung gefunden hatte. Dem Schicksalsgesetz dieses Kulturkreises folgend, so Frobenius, wurde der König zu einem vorherbestimmten Zeitpunkt rituell getötet und danach wieder neu eingesetzt. Der Kommentar des Kaisers? Jubel. Im Wortlaut: „Ein praehistorisches, altheidnisches Oberammergau.“ Übersetzt heißt das: Wilhelm II. glaubte nun ebenfalls die Hauptrolle in einem sich zyklisch wiederholenden Welttheater zu spielen. Man hatte ihn symbolisch getötet, nun konnte er sich auf die Wiederkehr der Monarchie freuen, seine eigene Rückkehr mit eingeschlossen. Dass nach Frobenius’ Lehre, der alte König umgebracht wurde und ein neuer wiederkehrte, war mal wieder nebensächlich.
Das ist natürlich gleichzeitig auch gar nicht lustig. Verlässt man den Mikrokosmos dieser Korrespondenz und betritt den Makrokosmos der Geschichte, dann ist Frobenius’ Briefpartner eben das Staatsoberhaupt, dessen menschenverachtende Politik Unzählige das Leben gekostet hatte, sowohl in Europa als auch in Afrika. Die Großmannssucht, die ihn in seinem Exil albern scheinen lässt, war während seiner Herrschaft tödlich.
Und auch Frobenius sollte nicht unterschätzt werden. Mit Eifersucht bemerkte der Kaiser wenig später, wie sein Forscher um die Gunst der neuen Machthaber warb. Als er erfuhr, dass Frobenius 1935 bei der Rückkehr von seiner letzten Afrika-Expedition ein Dankestelegramm an Hitler gesandt hatte, notierte er wütend: „Für Hitler hat er begeisterte Worte vor der Oeffentlichkeit, für W. II findet er keine!“
Frobenius war zu weitaus mehr Widersprüchen fähig, als sich der Kaiser vorstellen konnte. Noch 1930 war er als Hauptredner bei einer Veranstaltung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“ aufgetreten, umschmeichelte währenddessen den antisemitistischen Kaiser und vergaß darüber nicht, früh genug den Nationalsozialisten zuzuwinken. Opportunismus mag der gemeinsame Nenner gewesen sein; finanziell unterstützt wurde Frobenius nämlich auch durch den jüdischen Zeitungsherausgeber und -miteigentümer Heinrich Simon.
Mit dem wissenschaftlich edierten und ausführlichen kommentierten Briefwechsel haben die Herausgeber ein Fundament geschaffen, um den Bannkreis von Frobenius’ Theorien weiter abzustecken. Einen „klappernden Großbetriebler“ nannte Aby Warburg in seinem Tagebuch den Frankfurter Forscher, dessen Institut zur direkten Konkurrenz der Hamburger Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg aufgestiegen war. Hier wie dort arbeitete man an einem riesigen Bildarchiv.
Was Warburg in der Antike zu finden glaubte, suchte Frobenius in der Höhlenmalerei. 1928 sollte der Philosoph Ernst Cassirer mit dem Argument nach Frankfurt gelockt werden, Warburgs Ideen würden dort durch Frobenius vertreten. „Oh Zerrbild!“, notierte Warburg. Warburgs Zorn kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frobenius längst ein mächtiges konservatives Paralleluniversum geschaffen hatte, das von immer neuen Bewohnern besiedelt wurde.
JULIA VOSS