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F.A.Z.-Sachbücher der Woche Seine Hoheit über dem Luftraum

 ·  Neue Bücher von Dietrich Schulze-Marmeling, Stephen Ellis und Desmond Tutu, Matthias Becher, Simon Kuper und Stefan Szymanski - und ein Sammelband über Alpenvereine und das Bergsteigen.

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Stephen Ellis weiß, worauf es in Afrika ankommt, Matthias Becher erzählt von Leben, Ruhm und Erbe Ottos des Großen und gleich zwei Bücher analysieren die Welt des Fußballs. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Wenn es einen Erfinder gibt, dann hat er es erfunden. Wenn heute Fußball so gespielt werden kann, wie es der FC Barcelona tut, die spanische Nationalmannschaft noch immer, die deutsche in der WM-Endrunde 2010 und manchmal auch danach, dann geht dieser Stil wesentlich auf den Niederländer Johan Cruyff zurück. Um es genau zu sagen: auf ihn und seinen langjährigen Trainer Rinus Michels.

Der kam 1965 zu Ajax Amsterdam und entwickelte dort mit grimmigem Gesicht, was danach als „totaal voetbal“ bekannt wurde: der einzelne Spieler als veränderliche Funktion der Mannschaft - „alle machen alles“ -, die daraus folgende Pflicht, nach Ballabgabe die eigenen Position zu ändern, flache Pässe, weil nur die wirklich präzise sein können, keine Spielchen, Dribblings nur als Mittel der Beschleunigung, Pressing. „Wir diskutierten nur über Geschwindigkeit“, erinnert sich Barry Hulshoff, Mannschaftskollege Cruyffs aus jenen Jahren.

Die Vereinsgeschichte und „jüdischen Kultur“

Dietrich Schulze-Marmeling, einer der besten Fußballhistoriker, die wir haben, legt nicht nur eine Biographie von Johan Cruyff vor, sondern eine Monographie dieses Stils. Er zeigt, wie viel dazu gehört, um systematische Erfolge im Fußball zu erwirken, sammelt Stimmen über seinen Helden, bei Trainern, ehemaligen Spielern, Fans, erzählt vom absurden Abschiedsspiel für Cruyff, bei dem der FC Bayern 1978 Ajax Amsterdam mit 8:0 wegfegte, und von der ewigen Feindschaft zwischen Cruyff und Louis van Gaal und also über konkurrierende Spielauffassungen.

Wir lernen ausführlich den niederländischen Fußball vor Cruyff kennen und warum, was heute selbstverständlich scheint, es damals nicht war, wir erfahren von der Vereinsgeschichte und „jüdischen Kultur“ bei Ajax Amsterdam, aber auch, wer das vielbeschworene „4-3-3“-System erklärt bekommen möchte, ist bei Schulze-Marmeling richtig. Warum kleine Spieler im Vorteil sind, wird ebenso diskutiert wie die Aufstellungen der Mannschaften um Cruyff herum, die, erst bei Ajax, dann in Barcelona und im Nationalteam, verwirklichten, was ihm vorschwebte. Und wir lesen noch einmal von den vielen Animositäten, die Cruyff auf sich zog, teils aus nationalem Ressentiment, teils, weil Freundlichkeit wirklich nicht seine Stärke war.

Johan Cruyff, der 1947 in einer Amsterdamer Betonsiedlung geboren wurde, war „der Oberindianer der Antiautoritären“ nach 1968 und ist für viele eine Jugenderinnerung. Nicht nur, weil er als vergleichsweise schmächtige Figur Zwölfjährige zur Identifikation einlud. Die erste Fußball-WM vor dem eigens vom Vater dafür angeschafften Farbfernseher, die in Hupduelle verwickelten holländischen Campingwagen auf den Autobahnen Richtung Süden, die herrliche zigarettenrauchende Arroganz Cruyffs und seiner Mitspieler, die sich als Avantgarde vorkamen und es auch waren, nur eben am Ende nicht gewannen. Trotz des legendären Anfangs nach tagelanger Berichterstattung darüber, wie es Vogts - oder Bonhof - gelingen könnte, Cruyff zu stoppen: Anstoß Niederlande, sechzehn Stationen ohne deutschen Ballbesitz, dann Cruyff aus dem Anstoßkreis ungehindert bis zur Strafraumgrenze kurvend - Hoeneß, Strafstoß, und nach 85 Sekunden schien alles gelaufen.

Schien - bis heute ist es eines der großen Fußballrätsel, weshalb zwei Mannschaften scheiterten, die zu ihrer Zeit die überragend besten waren - ein Gegentor hatten die Niederländer bis zum Finale 1974 -, und was es zu bedeuten hat, dass beide an derselben humorlos spielenden Nation scheiterten: Ungarn, Niederlande. Hoffentlich hat es nichts zu bedeuten.

Cruyff, das war außer einem Spiel ständiger Regieanweisungen die Entkopplung von Tempo und bloßem Laufen. Während im deutschen wie im englischen Fußball bei aller Unterschiedlichkeit einem die Spieler lange wie auf Schienen befestigt vorkamen, dominierten in der Schule Michels/Cruyff die Beweglichkeit und der Tempowechsel. Der enorm antrittsschnelle Cruyff wirkte, anders als andere Ausnahmespieler wie Beckenbauer oder Maradona, immer leicht tanzend oder fechtend, war stets halb in der Luft und ließ die Verteidiger gewissermaßen stets im Unklaren, welches gerade sein Stand- und welches sein Spielbein war. „Die Grundlage seines Talents war die Täuschung. Er rannte, weil er eigentlich bremsen wollte, er bremste, um dann schnell anzutreten“, wird Jorge Valdano zitiert. Manche, darunter Cruyff selbst, führen diesen Körperhabitus auf das Großwerden auf Asphaltplätzen zurück, die es früh nahelegten, nicht zu fallen, sich nicht „reinzuschmeißen“, sondern alles auszutanzen.

Eine Frage bleibt offen

Man lernt ungeheuer viel auf ganz leichte Weise über Fußball in diesem gut geschriebenen, reportagehaften Buch. Cruyffs Aufstieg erfolgt nicht zuletzt in der Epoche, in der dem Fußball sehr viel Geld zuzuströmen begann. Seine Zeit als Spieler und Trainer in Barcelona ist unvergessen wie der 17. Februar 1974 (“1:0 für Barcelona, 2:0 für Katalonien, 3:0 für Sant Jordi, 4:0 für die Demokratie, 5:0 gegen Madrid“, schrieb Vázquez Montalbán), die Zeit des katalanischen Selbstbewusstseins gegen die franquistische Zentrale in Madrid - Cruyff gibt seinem Sohn gegen den Widerstand der spanischen Behörden einen katalanischen Namen.

Ob Johan Cruyff der bislang größte Spieler in der Fußballgeschichte war, darüber kann man endlos reden. Der überragende Fußballer im umfassenden Sinn des Wortes - Spieler, Regisseur, Trainer, Ausbilder - ist er zweifellos.

Jürgen Kaube

Dietrich Schulze-Marmeling: „Der König und sein Spiel“. Johan Cruyff und der Weltfußball.

Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012. 352 S., Abb., br., 19,90 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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