Home
http://www.faz.net/-gr1-70aiw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Sachbücher der Woche Schluss mit der Rosinenpickerei!

 ·  Neue Bücher von Brian Greene, Rodney Bolt, Ulrich Pothast und Andrea Wulf.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)
© LAGUNA DESIGN/SCIENCE PHOTO LIBRARY Computermodelle von Calabi-Yau-Mannigfaltigkeiten, in denen die sechs zusätzlichen Dimensionen der Stringtheorie eingefaltet sind

Brian Greene hält’s mit Paralleluniversen, Rodney Bolt erzählt das Leben Lorenzo da Pontes und Ulrich Pothast räsoniert über Freiheit und Verantwortung. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Noch ein Buch über Paralleluniversen - brauchen wir das wirklich? Nachdem nun schon Stephen Hawking, Leonard Susskind und so manch anderes Mitglied der internationalen physikalischen Großprominenz in populärwissenschaftlichen Büchern dargelegt haben, warum es mit einem Universum nicht getan sei, gesellt sich auch Brian Greene dazu. Der Professor an der New Yorker Columbia University ist zwar selbst keiner der ganz großen Mandarine der Theoretischen Physik, aber er ist der Autor des Bestsellers „Das elegante Universum“, der im Jahr 1999 die sogenannte Stringtheorie einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte.

Trotz ihres Namens ist die Stringtheorie mitnichten eine physikalische Theorie. Weder gibt es einen fertigen Satz von Prinzipien oder Gleichungen, noch ist das, was sie beschreiben soll - Prozesse, bei denen sowohl Quanten- als auch Gravitationstheorie zum Tragen kommen -, bislang experimentell zugänglich. Es handelt sich eher um ein Geflecht theoretischer Ideen zu der Frage, wie diese beiden bislang miteinander inkompatiblen Theorien konzeptionell unter einen Hut gebracht werden könnten.

Mit Gespür für das Wesentliche

Dieses Ideengeflecht ist in der Tat von höchster Eleganz, hat aber ein paar Probleme, von denen eines durch das Postulat aus der Welt zu schaffen ist, es gebe außer dem uns zugänglichen Universum noch andere. Denn nach allem, was man über die mathematische Struktur der String-Idee weiß, passt sie nicht nur zu einem Universum, sondern zu einer ganzen „Landschaft“ aus einer absurd hohen Zahl gänzlich verschiedener Universen. Für viele Stringtheoretiker, darunter auch Greene, kann das nur bedeuten, dass alle diese theoretischen Möglichkeiten verwirklicht sein müssen, unser Universum also nur Teil eines Multiversums aus unzähligen Welten ist, in denen mitunter ganz andere physikalische Verhältnisse herrschen.

In seinem neuen Buch stellt Brian Greene nun nicht nur diesen Typ des „Landschafts-Multiversums“ vor, sondern auch noch acht weitere. Manche davon, etwa das „Quanten-Multiversum“, sind ebenfalls durch aktuelle Debatten und Probleme der theoretischen Physik motiviert, andere sind es weniger und wieder andere, namentlich das „Simulierte Multiversum“, gar nicht. Seinem wissenschaftlichen Interesse folgend, legt Greene den Schwerpunkt aber auf das Landschafts-Multiversum und die damit verwandten kosmologischen Multiversums-Ideen. Das sind nun genau jene, über die auch Greenes Kollegen schon ausführlich geschrieben haben. Trotzdem gibt es zwei Gründe, warum Greenes Buch alles andere als überflüssig ist.

Fairer Umgang mit den Kritikern

Der erste Grund ist schlicht, dass Greenes pädagogisches Talent seinesgleichen sucht. Es gibt kaum einen Autor, der physikalische Arkana so allgemeinverständlich und dabei mit so viel Gespür fürs Wesentliche erklären kann. Zugleich ist sein Stil lebendig und insgesamt von wohltuender Ökonomie. Während andere Autoren ihre Leser allzu oft mit zwar allgemeinverständlichem, aber überflüssigem Geplauder behelligen, in dem die Knackpunkte dann untergehen, kann sich der Leser bei Greene darauf verlassen, dass, wenn er einer Sache viele Seiten widmet, es sich auch lohnt, diese genau zu lesen.

Der zweite und wichtigere Vorzug dieses Buches aber besteht darin, dass der Autor als bekennender Anhänger und Apologet der Multiversums-Idee sich ausführlich und fair mit der Kritik dieser Vorstellung auseinandersetzt. Diese Auseinandersetzung kommt in den meisten anderen Werken zum Thema zu kurz, wenn sie überhaupt stattfindet. Denn wie kann man als Naturwissenschaftler von etwas reden, was im Grunde per definitionem dem Verfahren entzogen ist, mit dem naturwissenschaftliches Wissen letztlich nur abgesichert werden kann: der Beobachtung oder dem Experiment?

Der Schrecken des Physikers

Die Antwort, der sich Greene nicht entziehen kann, lautet: Der Naturwissenschaftler kann nur insofern vom Multiversum reden, als er eben nicht nur Naturwissenschaftler ist, sondern auch ein Mensch mit metaphysischen und erkenntnistheoretischen Grundpositionen. Denn so klar und verständlich Greene die Einwände erläutert, so unwidersprochen muss er sie in der Sache lassen. Auch Greene hat keine naturwissenschaftliche Begründung für seinen Glauben an das Multiversum. Was er hat, ist ein philosophisches Argument, das er vor allem im Fall des Landschafts-Multiversums besonders triftig findet. „Wenn Experimente und Beobachtungen überzeugend für eine Theorie sprechen“, schreibt er - und meint dabei die Stringtheorie -, „und wenn die Theorie dann eine so fest gefügte mathematische Struktur besitzt, dass es keinen Raum für Rosinenpickerei unter ihren Aspekten gibt, müssen wir sie in ihrer Gesamtheit akzeptieren.“

Das Argument ist also: Wenn die Natur sich mit der Stringtheorie erklären lässt, dann muss es auch alle Myriaden Parallelwelten geben, die diese Theorie erlaubt. Denn andernfalls bräuchte man ja noch ein Prinzip, das festlegt, welches der möglichen Universen wirklich werden durfte - und die Natur ließe sich eben nicht allein durch die Stringtheorie erklären. Doch wenn, wie Greene hofft, in unserem Universum sich alles nur irgend Beobachtbare nach einer Stringtheorie richtet, dann würde die Ablehnung des Multiversums darauf hinauslaufen, der Naturwissenschaft letzte metaphysische Relevanz abzusprechen.

Hinter der Popularität der Multiversen steckt also nichts weniger als der Schrecken des Physikers (genauer: des Stringtheoretikers) vor der sonst drohenden Möglichkeit einer Unerklärbarkeit der Welt. Mehr allerdings auch nicht - und das wird dank der Klarheit seines Buches gerade bei Brian Greene besonders deutlich. Mehr als die Eleganz der String-theorie sowie ihrer möglichen Gültigkeit und den festen Glauben an eine letzte naturwissenschaftliche Erschließbarkeit allen Seins hat auch er nicht in der Hand.

Brian Greene: „Die verborgene Wirklichkeit“. Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos.

Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Siedler Verlag, München 2012. 448 S., Abb., geb., 24,99 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge