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F.A.Z.-Sachbücher der Woche Morgen, morgen, nur nicht heute!

Neue Bücher von Kerstin Schimandl, Raimund Schulz, Denis Holliers und Michael Rutschky.

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Kerstin Schimandl hat alle Weltuntergänge versammelt, Michael Rutschky studiert die Notizbücher seiner Vaters, und Raimund Schulz beschreibt den Krieg als wesentlichen Faktor historischer Entwicklung. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

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Der schönste Satz über das Ende der Welt fiel 1980 bei den „Peanuts“: „Macht euch keine Sorgen, dass die Welt heute untergeht, in Australien ist es schon morgen.“ Etwas Australisches in diesem Sinne hat auch die Geschichte der religiösen Endzeiterwartungen. Mehr als dreihundertfünfzig Vorhersagen des Weltuntergangs hat die unvergleichliche Kerstin Schimandl ermittelt, von denen dreihundertvierzig schon abgelaufen sind.

Das Meiste an Prophetie haben wir also schon hinter uns. Als die Autorin 1986 geboren wurde, hatte allein der amerikanische Prediger Charles Taylor es bereits auf seine neunte Terminierung der Apokalypse gebracht; inzwischen steht er bei vierzehn, was einstweilen aber noch hinter Marylin Agee zurückbleibt, der Betreiberin der Internetseite „Bible Prophecy Corner“. Sie hat allein im Jahr 1999 drei Endtermine angesetzt. Wenn es uns übermorgen noch gibt, obwohl manche in das Ende des Langzeitkalenders der Maya eine Untergangsprognose hineindeuten, dann warten beispielsweise mit dem Jahr 2017, das die Anhänger des Erzengels Gabriel (“Sword of God Brotherhood“) fürs Endjahr halten, mit dem 28. September 2020, den der religiöse Zahnarzt George Madray vorzieht, und mit dem Jahr 2040, das Max Toth aus dem Abmessungen der Pyramiden von Gizeh errechnet hat, weitere Termine für die Wiederkehr Christi.

Nicht einmal die Computer sind abgestürzt

Andere Berechungsgrundlagen sind Bibelstellen, die Maße der Arche Noah, Sterne, direkte Eingebung, Zeitungslektüre. Nostradamus gab der Menschheit noch bis 3797 Zeit, die Kollision der Milchstraße mit der Andromeda-Galaxie wird in zirka vier Milliarden Jahren erwartet.

Beginnen lässt die Mainzer Kommunikationsdesignerin ihr kleines dickes Buch, das fast wie ein Abreißkalender in der Hand liegt, mit der Ankündigung, die sich - laut Isaac Asimov! - auf einer assyrischen Tontafel von etwa 2800 vor Christus finden soll, die Erde werde bald verfallen. Na, so ist es ja dann auch tatsächlich gekommen und hat nie aufgehört. In den ersten tausend Jahren des Christentums kamen dabei nicht einmal besonders viele Prophetien zusammen. Man hatte es offenbar, je selbstverständlicher das Weltende angenommen wurde, desto weniger mit Terminfragen.

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Runde Jahreszahlen zogen lange nicht besonders an: nach dem Jahr 1000 lässt sich erst für 1600 wieder eine Prognose finden, die das Fin de Siècle mit dem Ende der Welt synchronisiert, was in der Folge üblich wird: 1700, 1800, 1900, 2000. Letzteres Jahr hat bei Schimandl gleich achtundzwanzig Einträge, aber nicht einmal der universelle Computerabsturz, der vorhergesagt war, ereignete sich.

Immer dieselben Muster

Auf den Tag genau wurde die Apokalypse erstmals durch den Astronomen Johannes von Toledo prognostiziert, nämlich auf den 23. September 1186, weil sich an diesem Tag alle Planeten im Sternbild Waage befinden würden. Das leuchtete offensichtlich als furchtbar ein, sogar der Kaiser von Byzanz rüstete sich und ließ die Palastfenster zumauern. Was auf eine andere Unterscheidung hinausläuft: die zwischen folgereichen und folgenlosen Abschlusserklärungen. Im Februar 1524 häuften sich Planeten im Sternbild der Fische, also sah die wahrlich nicht besonders originelle Astrologenzunft eine Sintflut voraus und 20 000 Londoner zogen aus der Stadt auf umliegende Hügel; was irgendwie ja auch noch Restweltvertrauen bekundete.

Eine andere Form solchen Glaubens, der Weltuntergang lasse Zeugen zu, zeigte Joanna Southcott, die 1814 sechzig Jahre alt war, behauptete, am 25. Dezember sei Schluss, denn sie sei schwanger und bringe den wahren Messias zur Welt. Zehn Tage nach dem Termin starb sie, bis 1874 hofften einige ihrer Anhänger auf ihre Reinkarnation. Es wiederholen sich also ständig dieselben Muster: Die Prophetie - „Einige von euch werden den Tod nicht schmecken“ - geht schief, sie wird neuberechnet, mitunter erst einmal nur um ein Jahr verschoben, dann um ein weiteres - oder Gott wollte uns gerade mit der dauernden Verspätung etwas sagen. Die Zeugen Jehovas ließen das Ende der Welt in diesen Jahren eintreten: 1874, 1878, 1910, 1914, 1918, 1925, 1941, 1975, 1984. Wir hoffen, keines vergessen zu haben.

Verrückt nach Untergangssprüchen

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts übernehmen ohnehin die Amerikaner eindeutig die Führung im millenaristischen Geschäft. Das passt nicht nur zu den dort gepflegten Auserwähltheitsvorstellungen - was Gott wirklich wichtig ist, das sagt er zuerst einem Amerikaner -, das verbindet auch das „Second Awakening“ und die Gründung zahlreicher neuer Sekten mit dem Sinn für exakte Zahlen (Stockwerkhöhen von Gebäuden, Gehälter, Wurf- und Schlagquoten im Baseball), der Amerikanern oft nachgesagt wird.

Doch man schaue nicht auf vergangene Zeiten als naiv, abergläubisch, hysterisch und bibelverrückt herab. Die Hälfte aller Weltuntergangssprüche erfolgt nach 1976. Der Befund, den dieses nützliche Buch nahelegt, lautet also: Die Welt wird immer abgeklärter und dümmer zugleich.

Jürgen Kaube

Kerstin Schimandl: „Les fins du monde / Weltuntergänge“. . . . Und sie dreht sich doch (Noch!). Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2012. 720 S., br., 25,- Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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