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F.A.Z.-Sachbücher der Woche Mittendrin im Leben und in der Kunst

 ·  Neue Bücher von Ottfried Dascher, Svenja Flaßpöhler, Hans Peter Duerr, Michael Gazzaniga und Tonio Andrade.

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Ottfried Dascher schreibt die erste Biographie des großen Kunsthändlers und Sammlers Alfred Flechtheim, Hans Peter Duerr spürt den Argonauten nach und der Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga plagt sich mit dem Ich. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Der realistische Zeichner Otto Pankok war ein erbitterter Feind des Kunsthändlers Alfred Flechtheim. Dennoch sagte er zwei Jahrzehnte nach dessen Tod, er sei "der einzige Händler, über den es sich verlohne, ein Buch zu verfassen". Geboren am 1. April 1878 in Münster als Sohn des Getreidehändlers Emil Flechtheim und seiner Frau Emma, gestorben im Londoner Exil am 9. März 1937, bekannte Alfred Flechtheim schon früh seine Leidenschaft: "Mir ist die Kunst alles, ich bin der Kunst nichts." Seine Vorliebe war und blieb die aktuelle Kunst aus Paris, die er in seiner Düsseldorfer Galerie seit 1913 ausstellte. Seine Lieblingskünstler waren André Derain, Auguste Maillol, Maurice de Vlaminck, Picasso, Braque, Gris, Léger, Beckmann, Grosz, Max Ernst und Paul Klee. Zur jüngeren Garde gehörten: Marie Laurencin, Renée Sintenis, Frieda Rieß.

Flechtheim setzte sich für die neue Richtung der Kubisten ein, und er hatte ein Gespür für Spitzenwerke. Zu ihm hatten Sammler, Kunsthändler und Museumsdirektoren Vertrauen. Die von ihm 1912 mitorganisierte Kölner "Sonderbund"-Ausstellung wurde unmittelbares Vorbild für die im Jahr darauf in New York gezeigte "Armory Show", später für die Documenta. Seine Kunst vermittelte er in Mappen, Büchern, Ausstellungskatalogen und legendären Zeitschriften wie "Querschnitt" und "Omnibus". Durch den jüngsten spektakulären Kunstfälscherskandal kam sein Name erneut in die Schlagzeilen: Aufkleber mit der erlogenen Provenienzangabe "Sammlung Alfred Flechtheim" auf den Keilrahmen fungierten als eine Art Gütesiegel, das genaues Hinsehen und Vergleichen mit gesicherten Werken, wie es für Kunstexperten eigentlich selbstverständlich sein sollte, überflüssig machte.

Er wurde Händler, um Kunst zu sammeln

Die Biographie des Dortmunder Wirtschaftshistorikers Ottfried Dascher möchte diese Lücke schließen: Der Darstellung des Lebens folgt im Anhang eine Auflistung "Die private Sammlung Alfred Flechtheim". Ergänzt wird das Buch durch eine CD-ROM mit der von Curt Valentin zum fünfzigsten Geburtstag herausgegebenen Festschrift "Der Querschnitt durch Alfred Flechtheim am 1. April 1928" und einer Auflistung der Katalogpublikationen der Galerie Flechtheim von 1913 bis 1933.

Flechtheim hatte eine Abneigung gegen ein rein merkantiles Interesse an der Kunst. Er gehörte zu einer Kunsthändlerspezies, die Händler werden, um Kunst zu sammeln. "Wenn ich reich wäre, wenn ich so viel Geld hätte", so Flechtheim, "dass ich so leben könnte, wie ich möchte, ich würde in Paris leben, wie Uhde, wie Goetz. Mittendrin im Leben, in der Kunst. Als großer Marchand-Amateur", schreibt er im Juni 1913. Die Vernachlässigung der finanziellen Seite führte dazu, dass Flechtheim immer wieder auf Fremdkapital angewiesen war, um seine Galerie am Leben zu halten. Flechtheims Generosität hat George Grosz in seiner Autobiographie gewürdigt. Else Lasker-Schüler hingegen streute in ihrer Schmähschrift von 1925 das Bild vom Spekulanten.

Flucht vor den Nazis

Die Propaganda der Nazis zeichnete dann das Feindbild vom "Kunstbolschewisten". 1910 war es Flechtheim durch Heirat mit der vermögenden Betti Goldschmidt aus Dortmund gelungen, die verhasste Existenz als Getreidehändler aufzugeben und das Leben eines Kunsthändlers zu führen. Ende 1913 eröffnet er seine Galerie in Düsseldorf. Mit Kriegsbeginn musste Flechtheim, der bei den Ulanen diente, die Galerie schließen, konnte sie jedoch 1919 in Düsseldorf wiedereröffnen. 1921 verlegte er den Hauptsitz nach Berlin.

Von Anfang an bildeten Alfred Flechtheim und der deutschstämmige Pariser Händler Daniel-Henry Kahnweiler eine "Interessengemeinschaft". Seit 1913 versorgte Kahnweiler ihn - in Kommission oder in gemeinsamem Besitz - mit aktueller französischer Kunst. Als die Nazis Flechtheim in die Knie zwangen, half er ihm beim Versuch, sich in England eine neue Existenz aufzubauen. Auch zuvor hatte Flechtheim stets die Flucht in die Offensive gesucht. 1927 ließ er seine Galerieräume am Lützowufer 13 mondän umbauen, präsentierte 1928 Ausstellungen von Picasso, Léger und Beckmann.

Unklar ist, welche Kunstwerke Flechtheim besaß

Dascher stützt sich bei der Rekonstruktion der privaten Sammlung Flechtheims maßgeblich auf dreizehn Interieur-Aufnahmen der Berliner Wohnung, die Alfred mit seiner Frau Betti Flechtheim seit März 1928 bewohnte. Fünf Fotos waren 1929 in der Illustrierten "Die Dame" abgebildet. Acht weitere Innenaufnahmen machte Marta Huth zwischen 1930 und 1934. Mit diesem Herkunftsnachweis ist das Problem aber nur zum Teil gelöst. Eine Privatsammlung im klassischen Sinn dürfte es nie gegeben haben. Wie der Autor schreibt, war die 1928 bezogene Wohnung in Charlottenburg "eine intimere Fortsetzung seiner Galerie am Lützowufer".

Dass die Zuordnung weitaus komplizierter ist, als die Auflistung der Abfolge der Besitzer im Anhang suggeriert, hat Dascher zwar angemerkt, aber nicht kritisch thematisiert. Unklar ist etwa, ob es sich bei den aufgelisteten Werken um Privat- oder Geschäftseigentum oder Kommissionsware handelt. Wie Dascher einräumt, könnte es sich manchmal auch um den Besitz von mehreren Geschäftspartnern gehandelt haben. So wirft die Auflistung, gedacht als "zusätzliches Angebot an die Forschung" und "Nachschlagewerk für die Provenienzforschung", mehr Fragen auf, als sie klärt. Hinzu kommt, dass bisher keine Inventarlisten von Flechtheims Kunstbestand aufgefunden wurden - es mag diese nie gegeben haben.

Ein unterhaltsamer, belletristischer Schreibstil

Ungeklärt ist so bis heute, auf welche Weise Flechtheims ehemaliger Düsseldorfer Geschäftsführer Alex Vömel, Mitglied der NSDAP, mit den Düsseldorfer Galeriebeständen umgegangen ist, als er Ende März 1933 mit Flechtheim brach. Hat er mit Billigung Flechtheims die Niederlassung übernommen oder wurde diese "arisiert"? Auch die Insolvenzabwicklung der Berliner Filiale ist durch Daschers Erkundungen etwas schärfer beleuchtet, aber nach wie vor schwer zu beurteilen. Unterhaltsam geschrieben, verführt der "belletristische" Stil der Biographie zum Hinweglesen über manche heiklen Punkte. Mit Ausnahme des ersten Kapitels, das Herkunft und Werdegang von Alfred Flechtheim und seiner Familie aufzeichnet, des achten Kapitels - "Der Weg in die Katastrophe" - und des Epilogs dominieren die Verweise auf die Sekundärliteratur. In diesen drei Kapiteln jedoch erfährt man aufschlussreiche neue Details.

Dascher, geleitet vom Wunsch der Wiedergutmachung, schließt mit dem Epilog "Betti Flechtheim 1937-1941". Es ist ein besonderes Verdienst des Autors, dass er sich dem Schicksal von Flechtheims Ehefrau eingehend widmet. Betti Flechtheim vergiftete sich in ihrer Berliner Wohnung am Vorabend der angeordneten Deportation ins Konzentrationslager. Wie ihr Alltag im Nazideutschland aussah, wie sie gelebt hat, wer ihr geholfen hat, wissen wir nicht. Dokumentiert ist, dass nach ihrem Tod ihre kostbare Kunstsammlung - Bilder von Hofer, Klee, Grosz, Matisse, Monet, Renoir - ins städtische Pfandleihhaus in die Jägerstraße kam und, wie es im Behördendeutsch hieß, "verwertet" wurde.

Ursula Harter

„Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst“. Alfred Flechtheim. Sammler, Kunsthändler, Verleger. Ottfried Dascher. Nimbus Kunst und Bücher, Wädenswil 2011. 512 S., Abb., geb., 39,80 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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