Henry David Thoreau sammelt Essbares in den Wäldern, Eva Moser stellt den Designer Otl Aicher vor und ein Schubert-Liedlexikon lädt zum Nachschlagen ein. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.
In Griechenland, so liest man dieser Tage, denken zwei Drittel aller Städter darüber nach, aufs Land zu ziehen. Das Leben in Athen oder Thessaloniki scheint kaum mehr finanzierbar, irgendwo in der Familie gibt es immer noch einen, der ein Stück Land besitzt. Könnte man allein davon existieren? „Wenn jemand einfach leben und nur das verzehren will, was er selbst anbaut, wenn er nicht mehr anbaut, als er isst, und den Ertrag nicht gegen Luxussachen tauscht, braucht er nur ein paar Quadratmeter Bodenfläche zu bepflanzen.“ Das schrieb der Urvater aller Aussteiger, der amerikanische Autor Henry David Thoreau, vor mehr als einhundertsiebzig Jahren. Sein Bericht „Walden; or, Life in the Woods“ schildert, wie er mit wenig bis gar keinem Geld und überschaubarem Arbeitsaufwand zwei Jahre lang locker über die Runden kam und dabei deutlich mehr Befriedigung empfand als in seinem Beruf als Lehrer.
Thoreau unternahm seinen Selbstversuch vor dem Hintergrund der amerikanischen Wirtschaftskrise von 1837. Vorangegangen war eine beispiellose Grundstücksspekulation mit ehemaligem Indianerland. Banken verteilten Hypotheken wie Konfetti. Als die Regierung Gold und Silber zur Deckung forderte, platzte die Blase. Die Immobilienpreise stürzten ins Bodenlose, Banken brachen zusammen, mehrere Bundesstaaten standen kurz vor dem Bankrott. Thoreau sah die Folgen der Misswirtschaft in seinem Heimatort Concord: „Ich hielt Umfrage bei der Steuerbehörde und erfuhr zu meinem größten Erstaunen, dass man mir nicht ohne weiteres ein Dutzend Leute im Stadtbezirk nennen konnte, die ihre Farm völlig schuldenfrei besaßen. Der Mann, der wirklich durch seiner Hände Arbeit seine Farm bezahlt hat, ist so selten, dass jeder Nachbar mit dem Finger auf ihn zeigen kann.“
Wiesen, Moore und Wälder
Thoreau hat dagegen vorexerziert, wie wenig der Mensch in Wahrheit braucht. Die Hütte, die er sich am Walden Pond zimmerte, war gerade drei mal vier Meter fünfzig groß. Das Modell hat die Zeiten überdauert: Die schwedische Firma Arvesund beispielsweise bietet eine „Hermit’s Cabin“ in exakt dieser Größe an; möbliert mit Bett, Stuhl, Tisch und Ofen kostet der Einsiedlertraum um die zehntausend Euro.
Zum 150. Todestag des Dichters ist jetzt ein weiterer Teil von Thoreaus Aufzeichnungen erschienen, die er bis zu seinem Lebensende geführt hat. Als Landvermesser, aber größtenteils zum eigenen Vergnügen durchstreifte er Wiesen, Moore und Wälder beiderseits des Concord River und notierte, was der Wechsel der Jahreszeiten hervorbrachte. „Wilde Früchte“ versammelt alles, was ihm essbar schien: Beeren, Obst, Nüsse, Kastanien, Bucheckern. „Von Tafelobst hält unsereins wenig“, schrieb er, „das Bitteraromatische der Eichel einer Weißeiche, an der ich bei einem rauhen Novemberspaziergang über fahlbraune Erde knabbere, ziehe ich einer Scheibe importierter Ananas allemal vor.“
Thoreaus botanische Beobachtungen sind so schwärmerisch wie exakt, sein Stil ist geschult an Montaigne und den Klassikern, die er gern zitiert, wie und wo es ihm passt. Verlässt er aber seine Schreibstube, fühlt er sich aus „Schleim und Schliere unseres gewohnten Lebens gehoben“. Die lebende Materie erscheint ihm als Inkarnation des Göttlichen. Dem will er auf die Schliche kommen, wenn er beispielsweise dem Aroma der Wildäpfel nachspürt, wobei ihm nicht entgeht, dass sie nur im Freien schmecken, das Transzendentale also nicht gelagert werden kann: „Hole ich einen solchen Apfel aus der Lade und koste in meiner Mansarde davon, finde ich ihn unerwartet derb - sauer genug, das Eichhörnchen lange Zähne machen zu lassen und den Häher Spektakel.“ Analog dazu unterscheidet Thoreau ein Denken für draußen und drinnen: „Ich sähe meine Gedanken gern als Wegzehrung für Wanderer; für ihre Güte daheim in den vier Wänden kann ich nicht bürgen.“
Man hat Thoreau einmal den „Philosophen der Häschenschule“ genannt. Das wäre selbst dann zu kurz gegriffen, wenn man nur seine Kunstform des „Nature Writing“ kennen würde - ein Begriff, für den es im Deutschen keine Entsprechung und nur wenige Beispiele gibt; man könnte am ehesten Ernst Jüngers Essays über die Insektenjagd nennen. Doch Thoreau hat mit „Walden“ und später mit „Resistance to Government“ Schriften verfasst, die zu Standardwerken des zivilen Ungehorsams geworden sind. Mahatma Gandhi und Martin Luther King haben sich darauf berufen, freilich auch der Bombenleger Ted Kaczynski, der seine Attentate in einer selbstgebauten Holzhütte in den Bergen von Montana vorbereitete, wo er ein Leben führte, das dem Vorbild Thoreau in jeder Hinsicht nachempfunden war.
Den einfachen Dingen auf den Grund gehen
Thoreau hat rund siebentausend Seiten Aufzeichnungen hinterlassen. Sie waren Teil eines geplanten Gesamtwerkes, von dem er selbst nicht recht wusste, worauf es hinauslaufen könnte. „Im Allgemeinen ist unser Tun eine einzige Kleinkrämerei, wir flicken am verbeulten Teekessel der Gesellschaft“, heißt es einmal. Das war Thoreaus Anliegen nicht. Er wollte den einfachen Dingen auf den Grund gehen, die bei näherer Betrachtung so viel komplizierter sind. Dass dieselbe Sonne seine Bohnen reifen ließ und zugleich ein ganzes System von Weltkörpern beleuchtete, schien ihm bedeutender als alle Bemühungen seiner Zeitgenossen, aus den Schulden herauszukommen. Thoreaus Grundgedanke ist aktueller denn je: Ohne Alternative ist gar nichts.
JÖRG ALBRECHT