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F.A.Z.-Sachbücher der Woche Im Grunde leuchtet die Welt

Zwei Bücher stoßen zum Kern von Charles Taylors Sozialphilosophie vor, Martin Seel zeigt Wege in ein gutes Leben und Martin Hartmann, wie Vertrauen funktioniert. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

© Verlag

Was kann Charles Taylor nach seinem großen Alterswerk „Ein säkulares Zeitalter“ (F.A.Z. vom 14. Oktober 2009) noch mehr über die Spannung zwischen religiöser Tradition und ihrer Reform sagen? In dem monumentalen Werk erzählt Taylor die Geschichte der Säkularisierung vom Ende des Mittelalters bis heute. Der Philosophie-Professor an der McGill University in Montreal hatte für dieses Buch den Templetonpreis erhalten, kurz darauf war er für sein Lebenswerk mit dem Kyoto-Preis, dem Nobelpreis für Philosophen, ausgezeichnet worden.

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Nun legt er zusammen mit Jocelyn Maclure eine konzentrierte Studie zu der gesellschaftlich virulenten Frage vor, wie sich das Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit „allgemeinverträglich“ ausüben lässt, das heißt im Wesentlichen: auf verfassungskonforme Weise. Die Studie ist Teil eines Kommissionsberichts, den Taylor und Maclure im Auftrag der kanadischen Regierung verfassten. Kern des Berichts ist die Neubestimmung der Laizität als des Rahmens, innerhalb dessen sich demokratische Staaten der Vielfalt religiöser Überzeugungen stellen.

Welchen Platz soll die Religion haben?

Mit Kopftuch-, Moscheen- und Karikaturenstreit im Hintergrund mahnen die Autoren, die Religion aus der öffentlichen Sphäre nicht etwa auszugrenzen: „Tatsächlich scheint es keinerlei prinzipielle Gründe dafür zu geben, die Religion auszusondern und sie in eine von anderen Weltbildern und Auffassungen des Guten abgetrennte Kategorie zu stecken. Der Staat muss alle fundamentalen Überzeugungen und Verpflichtungen mit gleicher Achtung behandeln, die mit den Anforderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens vereinbar sind.“

Auf der Agenda dieses Bandes stehen hochpolitische Fragen: Wo liegen die Grenzen der Religionsfreiheit? Was soll den Kindern in der Schule beigebracht werden, und wo liegen die Grenzen der elterlichen Autonomie? Wie ist der Rang religiöser Überzeugungen in öffentlichen Debatten zu bestimmen? Welchen Platz sollen religiöse Symbole und Rituale der Mehrheit im öffentlichen Raum einnehmen? Soll die Meinungsfreiheit eingeschränkt werden, wenn es um die Darstellung religiöser Traditionen geht?

Das X ist nicht immer erstrebenswert

Zu der letzteren Frage meinen die Autoren: „Wir sind nicht dieser Auffassung. Außer in krassen Fällen von Diffamierung oder Aufstachelung zum Hass ist es dem Staat nicht erlaubt, die Meinungsfreiheit einiger Bürger unter dem Vorwand einzuschränken, dass Ideen oder Darstellungen das profanieren, was für andere Bürger zum Heiligen gehört.“ Der pluralistische Staat könne weder eine allgemeine Ontologie übernehmen, der zufolge das Universum gemäß der Unterscheidung von Heiligem und Profanem zu verstehen ist, noch dürfe er sich einer bestimmten Vorstellung des Heiligen verschreiben.

Charles Tyalor, Laizität und Gewissensfreiheit © Verlag Vergrößern

Aus Sicht der politischen Philosophie stehen Versuche, „die Meinungsfreiheit unter Verweis auf den als diffamierend oder blasphemisch wahrgenommenen Charakter bestimmter Ideen oder Kunstwerke zu beschränken“, auf äußerst schwachen Füßen. Andererseits bedeute der Umstand, dass man das Recht hat, x zu tun, nicht in jedem Fall, dass es auch klug oder erstrebenswert ist, x zu tun.

Die Frage nach dem roten Faden

Was hier teilweise im Verlautbarungsstil daherkommt, steht in einem voraussetzungsreichen Geflecht von politischer Philosophie und anthropologischen Grundannahmen Taylors, wie er sie in seinen der Modernekritik gewidmeten Hauptwerken hergeleitet und dargestellt hat: von den „Quellen des Selbst“, einer ebenso gelehrten wie narrativ-verständlichen Rekonstruktion des neuzeitlichen Selbstverständnisses, über den Band „Negative Freiheit?“ bis hin zum erwähnten Buch „Ein säkulares Zeitalter“, das mit reichhaltigem kulturgeschichtlichem Material eine Vielzahl religiöser Erfahrungsformen verarbeitet und Wert darauf legt, den historischen Vorgang der Säkularisierung weder als Fortschritts- noch als Verfallsgeschichte zu erzählen.

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