Home
http://www.faz.net/-gr0-748w4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Sachbücher der Woche Hochdeutsch ist ein politisches Projekt

Neue Bücher von Utz Maas, Fred Pearce, Joachim Whaley und Annemarie Schwarzenbach.

© F.A.Z.

Utz Maas führt durch die deutsche Sprachgeschichte, Fred Pearce beschreibt die Praxis moderner Landnehmer, und Joachim Whaley beeindruckt mit dem ersten Band seiner Geschichte des Heiligen Römischen Reichs. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Mehr zum Thema

Goethe diktierte viel, las das Niedergeschriebene aber oft erst Jahre später. Dabei stieß er dann auf manch erstaunlichen Unsinn, den er sich erst durch mühsames Rekonstruieren erklären konnte: Aus Goethes „Pyriten“ hatte der Schreiber „beritten“ gemacht, der „Tugendfreund“ war zum „Kuchenfreund“ geworden, und Daniels „Löwengrube“ hatte sich in eine „Lehmgrube“ verwandelt. Was Goethe als „Hörfehler“ seiner Sekretäre verbuchte, war in Wahrheit die Verschriftung seiner eigenen Frankfurter Sprachfärbung. Noch zur Zeit der Weimarer Klassik, als sich bereits eine überregionale deutsche Schriftsprache herausgebildet hatte, sprachen auch die gebildeten Stände noch mit starkem Dialekteinschlag, löste die Frage nach den Normen und Regeln der Hochsprache Streit und Unsicherheit aus.

22071238 © Verlag Vergrößern

Wie wenig selbstverständlich die Existenz der hochdeutschen Standardsprache ist, die heute den Schulunterricht und die überregionale Kommunikation zwischen Nordseeküste und Südtirol dominiert, wie sehr sie das Ergebnis einer kollektiven, sich über Jahrhunderte erstreckenden Anstrengung von Kanzleischreibern, Schriftstellern, Druckern, Grammatikern, Geistlichen und Lehrern darstellt, schildert der Grazer Germanist Utz Maas. Der Titel seines Buches „Was ist Deutsch?“ stellt eine jener scheinbar einfachen Fragen, die sich als immer komplexer entpuppen, je weiter man ihnen nachgeht.

Von der Mündigkeit entfernt

Maas nimmt den Leser mit auf einen Gang durch die deutsche Sprachgeschichte, der in der multikulturellen Gegenwart beginnt und in der germanischen Vorzeit endet. Diese Richtung, dem Zeitpfeil entgegen, hat den didaktischen Vorteil, das Publikum im Hier und Jetzt „abholen“ zu können. Allerdings müssen dadurch auch die historisch-kausalen Abläufe von den Ergebnissen her aufgerollt werden. Das macht die Darstellung mitunter etwas unbefriedigend, weil der Leser immer wieder einmal zur genaueren Erklärung auf noch kommende Kapitel verwiesen wird.

Maas erhebt nicht den Anspruch, Neuigkeiten mitzuteilen; worum es ihm geht, ist die Perspektive: Er zeichnet die Entwicklung hin zur Hochsprache als einen Prozess gesellschaftlicher Arbeit, die darauf abzielt, die Ressourcen, die die Wortschätze, grammatischen Strukturen und Lautinventare der Mundarten boten, zu einem Medium auszubauen, das es erlaubt, auch differenzierteste Gedankengänge zu formulieren und über alle provinziellen Begrenzungen hinweg zu vermitteln.

Für Maas ist das, was wir heute „Hochdeutsch“ nennen, eine Schriftsprache, die sich von der Mündlichkeit, in der sie wurzelt, strukturell so weit entfernt hat, dass sie längst etwas Eigenes darstellt - kein irgendwie gewachsenes Gebilde, sondern ein zutiefst politisches, ja ein eigentlich „republikanisches“ Projekt, an dessen Horizont die Partizipation aller Bürger am demokratischen Diskurs aufscheint.

Romantische Ursprünglichkeit

In seinen besten Momenten bietet das Buch so etwas wie eine politische Ökonomie der Grammatik. Maas illustriert seinen Rückwärtsgang durch die Geschichte mit einer Fülle von Quellen, deren Analysen er durch Übersetzungen und Annotationen auch für diejenigen nachvollziehbar macht, die des Althochdeutschen, Lateinischen, Jiddischen oder Niederdeutschen nicht mächtig sind. Im Satzbau bäuerlicher Testamente, dem Vokabular fürstlicher Kanzleien oder der Orthographie geistlicher Predigten zeigt Maas die Spracharbeit von Menschen, die natürlich nicht die Schaffung einer Standardsprache zum Ziel hatten, die aber zu ihrer Entstehung beitrugen, indem sie sich bemühten, die Ausdruckskraft, Verständlichkeit und Reichweite ihrer Worte und Sätze zu optimieren.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zukunft der Mundart Fröhlich beleidigen auf Hessisch

Der Datterich gehört in Darmstadt zum Allgemeingut, Badesalz babbelt auch für nichthessische Ohren. Doch wie ist es um die Zukunft dieser Mundart bestellt, wenn die meisten mit einem hochdeutschen Schnabel sprechen? Mehr Von Jan Schiefenhövel

22.06.2015, 12:12 Uhr | Rhein-Main
Bundesjustizminister Maas weiterhin gegen Vorratsdatenspeicherung

Bundesjustizminister Heiko Maas hat sich erneut gegen die Vorratsdatenspeicherung ausgesprochen. Diese habe den Anschlag auf das Magazin Charlie Hebdo" in Paris nicht verhindert. Mehr

10.01.2015, 10:47 Uhr | Politik
Skype Translator im Test UH UH, Microsoft!

Skype übersetzt jetzt auch ins Deutsche. In Sprache und Text. Und zurück. Wir haben mit einer Chinesin und einem Franzosen die Übersetzungsfunktion ausprobiert. Mehr Von Marco Dettweiler

29.06.2015, 16:05 Uhr | Technik-Motor
Neues Gesetz Justizminister Maas will schnelle Umsetzung der Mietpreisbremse

Der Bundesjustizminister Heiko Maas begrüßt die Einigung im Fall der Mietpreisbremse. Das neue Gesetz soll schon im April in Kraft treten. Mehr

25.02.2015, 16:18 Uhr | Politik
Debatte über Maas’ Pläne Wann ist ein Mord ein Mord?

Der Mordparagraph im deutschen Strafrecht, ein Erbe des Nationalsozialismus, soll verändert werden. Eine von Bundesjustizminister Maas eingesetzte Kommission spricht sich nun dafür aus, Mord nicht weiter zwingend mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verknüpfen. Mehr Von Helene Bubrowski

28.06.2015, 13:28 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.11.2012, 16:50 Uhr

Glosse

Tunnelblickrock

Von Dietmar Dath

Altmodischer Gitarrendresche, Beckenschläge und Drumroll: Mit „Selbstauslöser“ putzt sich der S-Bahn-Fahrer die Ohren frei. Dann steigt ein Pärchen ein, und plötzlich wird das Abteil zur Musikvideo-Kulisse. Mehr 0