Home
http://www.faz.net/-gr0-742mk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Sachbücher der Woche Hinterm Kreuze steht der Maler

Neue Bücher von Johannes Grave, M. Hisham Kabbani, Sudhir Kakar, Yvonne Wübben und Nina Pauer.

© F.A.Z.

Johannes Grave deutet Caspar David Friedrichs Gemälde, M. Hisham Kabbani gibt Einblicke in die islamische Mystik, und Yvonne Wübben berichtet von Psychiatern, die Dichter lasen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Mehr zum Thema

Dieses Buch hat Gewicht. Von der Sorte auch, die einen bei Büchern derart misstrauisch stimmt, dass man sie gleich der Kategorie der Coffee Table Books zuordnet. Kaum ein Buch hat jedoch diese Zuschreibung so wenig verdient wie die Studie von Johannes Grave über Caspar David Friedrich. So üppig die Aufmachung, so sympathisch bescheiden der Gestus, mit dem Grave diese mit einer Fülle an erhellenden Einsichten gespickte Monographie verfasst hat.

Viel ist geforscht worden zu Friedrichs enigmatischem Werk, das in seiner Obsession für das Karge durchaus beklemmende Seiten hat: von den frühen motivgeschichtlichen Untersuchungen von Helmut Börsch-Supan bis zu den filigranen, Theologie und Ästhetik verschränkenden Bildanalysen von Werner Busch. Grave fügt diesen Erträgen einen neuen Aspekt hinzu, der das gesamte Werk in einem anderen Licht erscheinen lässt: als einen gemalten Kommentar zur Kritik am Bild, wie sie protestantischen Kulturen eigen ist, und zwar mit den spezifischen Mitteln des Bildes.

21967768 © Verlag Vergrößern

Das hört sich komplizierter an, als es ist, und es gelingt Grave, diese theologisch wie kunsttheoretisch anspruchsvolle Denkfigur in wunderbar klarer Sprache zu vermitteln. Das Misstrauen gegen die Bilder ist älter als der Protestantismus; es hat ikonoklastische Bewegungen seit der Antike gespeist. Dabei geht es immer um die Gefahr, falsch zu verehren, nämlich ein Bild, das eben nicht ist, was es zeigt, etwas Göttliches. Und so laufen wir Gefahr, ein bemaltes Stück Holz oder Tuch anzubeten und damit, so die Sorge der Bilderfeinde, wie „Heiden“ und „Primitive“ Aberglauben oder Fetischismus zu frönen.

Formen des Falschen

Sozialisiert in einer lutherisch geprägten Umgebung und selbst innig glaubend, hat sich Friedrich diesem Problem offensiv gestellt. Statt uns seine stets von Transzendenzbegehren genährten Gegenstände zur einfühlenden Betrachtung vor Augen zu stellen, lässt der Maler Entzug regieren. Wir sehen gerade nicht, was wir zu sehen oder zumindest zu spüren wünschen, nämlich die Gegenwart Gottes im Irdischen. Die verheißungsvollen Rätsel werden auch bei genauer Betrachtung nicht aufgelöst und in Offenbarung verwandelt. Im Gegenteil: Lässt man sich intensiv und nahsichtig auf die Bilder ein, zerfällt das Ganze, und was wir sehen, sind die Machart und die Materialität der Darstellung. Keine Täuschungsmanöver also im Dienste einer falschen und fehlleitenden Offenbarung, sondern Offenlegung der Bedingungen der Möglichkeit, das Undarstellbare darzustellen.

Es ist nun wiederum der Darstellungskunst des Verfassers zu verdanken, dass diese Überlegungen sich nicht im Abstrakten verlieren, sondern anschaulich und überzeugend aus den Bildanalysen entwickelt werden. Die Studie folgt den biographischen Stationen und macht die enge Verwobenheit von künstlerischer und persönlicher Entwicklung deutlich, ohne je ins Psychologisieren zu geraten. Gleich zu Beginn wird aufgeräumt mit falschen Bildern, nicht mit Fälschungen, wie Grave mit Blick auf die jüngeren Kunstskandale augenzwinkernd anmerkt, sondern mit viel gravierenderen Formen des Falschen.

Klargestellt wird, dass Friedrich keineswegs naiv und in sich gekehrt vor sich hingearbeitet, sondern vielmehr äußerst aktiv versucht hat, seine Karriere zu befördern. So hat er immer wieder Probestücke nach Weimar geschickt, nicht nur an Goethe, dessen Urteil ihm wichtig war, sondern auch an den Hof, um damit die Chancen auf prestigeträchtige Ankäufe zu erhöhen. Auch stand der so deutsche Maler keineswegs von Anfang an auf Kriegsfuß mit den Franzosen. Porträts belegen einen regen Austausch, der erst mit der napoleonischen Besetzung und Friedrichs vehementem Patriotismus ein Ende fand.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Anlieger sollen zahlen Land prüft Abgabe für Nahverkehr

Investoren und Grundstückseigner könnten künftig an den Kosten für neue Bahn- und Buslinien beteiligt werden. Doch der Vorschlag der hessischen Regierung löst Kritik aus. Mehr Von Rainer Schulze

24.06.2015, 11:19 Uhr | Rhein-Main
Zoo in Australien Das erste Koala-Baby des Jahres

In Australien präsentiert ein Zoo besondere Bilder. Das erste Koala-Baby dieser Saison kam dort zur Welt. Mehr

16.06.2015, 10:21 Uhr | Gesellschaft
Arte zeigt Jan Hus Die reine Lehre kostet ihn das Leben

Bilder wie gemalt und ein religiöses Ränkespiel mit tödlichem Ausgang: Der Zweiteiler Jan Hus ist Bildungsfernsehen der Extraklasse – und leidet doch an einem Schönheitsfehler. Mehr Von Heike Hupertz

01.07.2015, 16:40 Uhr | Feuilleton
Feminismus-Bingo Ich kann meinen Mantel selbst anziehen

In wenigen Debatten fallen so viele von erhabener Engstirnigkeit geprägte Sätze wie beim Feminismus. Mit diesen Phrasen können auch Sie endlich einsteigen – egal, welche Position Sie vertreten. Mehr Von Julia Bähr und Andrea Diener

03.07.2015, 09:53 Uhr | Feuilleton
Jean-Claude Juncker Mit vollem Körpereinsatz

Keiner macht mit so viel Körpereinsatz Politik wie Jean-Claude Juncker. Wer ihm unterkommt, wird angefasst. Das sieht witzig aus. Aber es geht nicht nur um Spaß. Durch Körperlichkeit ordnet Juncker Machtverhältnisse. Mehr Von Francesco Giammarco

30.06.2015, 11:52 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 28.10.2012, 16:40 Uhr

Glosse

Konzertgeruch

Von Gerhard Stadelmaier

Sensationell sind bei Konzerten an ungewöhnlichen Orten mehr als die musikalischen Einlagen oft die Ausdünstungsexzesse der Mithörenden. Eine kleine Geruchskunde. Mehr 1 4