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F.A.Z.-Sachbücher der Woche Gestörte Aufmerksamkeit

16.09.2011 ·  Jeremy Rifkin stellt sich die Zukunft der Wirtschaft vor, Alice Schwarzer resümiert ihr Leben und Adelheid Staufenberg stellt die Psychoanalyse bei ADHS in ein neues Licht.

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Über viele Jahre hatten es Psychoanalytiker verschlafen, sich intensiv mit Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen zu beschäftigen. Unruhige Kinder gab es zwar seit eh und je, auch wurden sie in kinderanalytischen Praxen behandelt, aber nicht unter dem eigenem Namen eines Krankheitsbildes, das sich schon lange nicht mehr als Modeerscheinung abtun lässt. Erst mit der Jahrtausendwende setzte eine intensive Publikationswelle ein. Sie hat dazu geführt, dass der Mainstream-Allianz aus Medikation und Verhaltenstraining eine ernst zu nehmende Konkurrenz erwuchs.

Adelheid Margarete Staufenberg zeichnet diese Entwicklung in ihrem überaus kenntnisreichen Buch nach. In unermüdlicher Detailarbeit trägt sie grundlegende Erkenntnisse zusammen, die dafür sprechen, dass das problematische Verhalten eine psychische Bedeutung und soziale Funktion hat. Die subjektive Bedeutung lebensgeschichtlicher Ereignisse, so lautet ihre Leitthese, kann durch die Beschreibung neurophysiologischer Funktionszusammenhänge nicht ersetzt werden - so wichtig sie für sich genommen auch sein mögen. Die Symptome hyperaktiver und aufmerksamkeitsgestörter Kinder sind demzufolge Ausdruck entglittener Lebensprozesse, sie spiegeln ungelöste innere Probleme und familiäre Verstrickungen wider. Die Beteiligten treten somit als aktive Gestalter ihrer Entwicklung in Erscheinung, als Personen, die für sich verantwortlich sind, auch wenn sie die Störungen nicht schuldhaft herbeigeführt haben. Von der Defektologie und - man kann es nicht anders sagen - der Technologie einer reinen Verhaltenskorrektur ist dieser Ansatz weit entfernt.

Keine unpersönliche Standardbehandlung

Das Manual, das die Autorin im Weiteren vorstellt, ist deshalb auch kein solches, das zu einer unpersönlichen Standardbehandlung auffordert. Schon deshalb nicht, weil Kinder mit ADHS keine Krankheitsentität bilden, sondern aus deutlich unterschiedlichen Teilgruppen bestehen. Jedes dieser Kinder bedarf, bei welcher Differentialdiagnostik auch immer, eines individuellen Zugangs, der sich seiner hochspezifischen inneren und äußeren Lebenssituation annimmt.

Was bleibt, ist die inzwischen fast ubiquitär gestellte Frage nach empirischen Wirksamkeitsnachweisen, die in Gestalt der Evidenzbasierung leicht zu einer Drohformel für all diejenigen wird, die sich außerhalb der Mainstream-Forschung befinden. Evidenzbasierte Studien zur Wirksamkeit der analytischen Psychotherapie bei Kindern mit ADHS liegen nicht vor, das muss Staufenberg eingestehen. Wohl aber eine beträchtliche Zahl an Fallstudien, einschließlich einer breit angelegten, sehr differenzierten Katamnesestudie, über die ausführlich berichtet wird. Sie zeigen, was psychoanalytisch-therapeutische Behandlungen zu leisten vermögen; und sie belegen, dass es sich lohnt, den beschrittenen Weg weiterzugehen. Der über lange Zeit erhobene Vorwurf, psychoanalytische Zugänge zu ADHS seien hoch spekulativ, psychologisierend überfrachtet und wissenschaftlich unhaltbar, wird durch die Lektüre dieses Buches auf eine harte Probe gestellt.

Bernd Ahrbeck

Adelheid Margarete Staufenberg: „Zur Psychoanalyse der ADHS“. Manual und Katamnese. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main 2011. 317 S., br., 29,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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