Tim Weiner erzählt die Geschichte des FBI, Harald Bodenschatz beschreibt italienische Architektur der Zwischenkriegszeit und Carl Philipp Emanuel Nothaft studiert christliche Kalenderprobleme. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.
Die Anfänge waren monströs und bescheiden zugleich. Monströs, weil das eben erst gegründete Bureau of Information, das später zum Federal Bureau of Investigation werden sollte, eine ungeheuerliche Verschwörung witterte. Es war nicht das erste Mal in der amerikanischen Geschichte, dass Verschwörungsphantasien das politische Handeln bestimmten, aber die Zeit während des Ersten Weltkrieges und kurz danach war besonders unruhig und unheilschwanger. Streiks, Bombenattentate, Angst vor fremden Spionen und Verrätern in den eigenen Reihen hielten ein ganzes Land in Atem.
Absonderliche Zahlen machten die Runde. Mal bedrohten 100 000, mal 400 000 Agenten und Saboteure die Vereinigten Staaten. Die Antwort der Staatsgewalt fiel hysterisch aus, aber eben auch bescheiden. Eine winzige Agentur wurde geschaffen, bestehend aus Amateuren und korrupten Kleinhalunken, politisch verantwortet von nicht minder korrupten Großgaunern in der amerikanischen Regierung. Eine Agentur, die dann über Jahrzehnte in einem rechtsfreien Raum agierte, illegal Telefone abhörte, ohne Grund massenhaft Personen verhaftete und deportieren ließ. Eine Agentur schließlich, die immer wieder von unabhängigen Gerichten wegen gravierender Rechtsverstöße zurückgepfiffen werden musste.
Sein Kampf gegen die Bürgerrechtler ist der größte Fehler
Dies zumindest ist das Bild, das der Journalist Tim Weiner von der Geschichte des FBI seit 1908 zeichnet. Es hat wenig Ähnlichkeit mit der medialen Inszenierung des FBI seit den 1930er Jahren. Tatsächlich fehlen die bekannten Helden wie der weltberühmte Agent Eliott Ness, der einst Al Capone zur Strecke brachte und dem dafür eine eigene Fernsehserie und mehrere Spielfilme gewidmet wurden. Dafür ist das Bild weitgehend korrekt. Anhand erst jüngst freigegebener, umfangreicher Quellen gelingt es Weiner, die Geschichte des FBI in flüssiger Sprache, gut lesbar, fast schon unterhaltend neu zu erzählen.
Im Mittelpunkt steht dabei ein Mann: J. Edgar Hoover, der von 1924 bis zu seinem Tod 1972, nahezu ein Menschenalter lang, das Amt im Alleingang führte. Weiner räumt mit manchen Legenden über Hoover auf. Nein, er war mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht homosexuell - ein Gerücht, das sein Konkurrent „Wild Bill“ Donovan in die Welt setzte; nein, er tanzte nicht im Tutu durch seine Wohnung. Dafür war er ein cleveres Organisationsgenie, ein gerissener Politiker und ein übler Paranoiker, der hinter allem kommunistische Verschwörungen witterte, manchmal zu Recht.
Hoover hasste Kommunisten, Anarchisten, Liberale, Homosexuelle, Schwarze, allen voran Martin Luther King. Sein Kampf gegen den Bürgerrechtler, den er - zu Unrecht - für einen Kommunisten und - zu Recht - für einen Frauenhelden hielt, ist legendär und zählt gewiss zu den ganz großen Fehlern in der Geschichte des FBI. Mehr noch: Die windige Operation gegen die angeblichen Feinde im Inneren der Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit der Bürgerrechtsbewegung und dem studentischen Protest der 1950er und 1960er Jahre führte zu den übelsten Rechtsbrüchen in der Geschichte des FBI.
Die Geheimdienste kommen nicht gerade gut weg
Aber Hoover war es zu verdanken, dass sich das FBI aus den Wirren und Niederungen der republikanischen Harding-Ära der frühen 1920er Jahre befreite. Unter seiner Führung avancierte das FBI zu einer schlagkräftigen geheimdienstlichen Organisation, der es in den 1950er Jahren sogar im Gegensatz zur CIA gelang, in der Operation Solo einen Topspion in der sowjetischen Führung zu installieren. Diese Geschichte des Geheimdienstes, nicht die der Polizeieinheit will Weiner erzählen, weswegen etwa die Mafia und die Prohibition nur sehr kurz oder gar nicht Erwähnung finden.
Umso mehr beschäftigt der Autor sich mit dem Verhältnis des FBI zu den beiden Geheimdiensten OSS und CIA, die nicht gerade gut wegkommen. Die CIA wird, etwas unverdient, als eine Ansammlung arroganter, aber unfähiger Trottel geschildert. Aber Weiner verzichtet in wohltuender Weise darauf, die FBI-Agenten demgegenüber zu Helden zu stilisieren. Dafür ist die Liste ihrer Fehlleistungen vom nie aufgeklärten anarchistischen Attentat auf die Wall Street 1920 bis zum Fall der Twin Towers 2001 dann doch zu lang.
Menschliche Anekdoten sind nicht immer falsch
Umgekehrt verschweigt er die Erfolge Hoovers und seiner Agentur nicht. Die Darstellung beruht nicht auf reiner Schwarzmalerei, sondern ist um kritische, aber faire Distanz bemüht. An wichtigen Punkten der Geschichte lässt Weiner unmittelbar die Quellen sprechen, ansonsten führt er den Leser mit sachkundiger Hand durch das Material. Fast schon erschreckend sind die zahllosen Kontinuitäten, die auf diese Weise ans Licht kommen. Die Ängste der Jahre 1919 bis 1921 wiederholen sich während der Kommunistenjagden des republikanischen Senators Joseph McCarthy in den frühen 1950er Jahren, manche Argumentations- und Verhaltensmuster tauchen dann unter George W. Bush nach 9/11 im Kampf gegen den internationalen Terrorismus wieder auf, vor allem die Neigung, das Streben nach Sicherheit über die Verfassung und das Recht zu stellen. Obendrein findet sich eine lebendige Tradition der Gewaltausübung bis hin zum Mord, besonders in Lateinamerika. Hierzu finden sich einige düstere Kapitel in Weiners grandioser Studie.
Neben Hoover, dem Macher, der Grauen Eminenz im Hintergrund, scheinen die amerikanischen Präsidenten und ihr politisches Umfeld zu verblassen. Wenn man Weiners Buch etwas vorwerfen kann, dann den Verzicht auf eine historisch-politische Analyse. Stattdessen überwiegen menschelnde Anekdoten, die nicht falsch sein müssen. Franklin D. Roosevelt war ein zynischer Opportunist, ganz ohne Zweifel, die Kennedy-Brüder bewegten sich in trüber Gesellschaft von Nazispionen und Mafiosi, und über Nixon braucht man kein Wort zu verlieren. Die führenden Männer Washingtons hatten durchaus Grund, sich vor Hoovers beinahe schon legendären Geheimakten zu fürchten, denn niemand wusste so gut wie der Direktor des FBI über die Verfilzungen, Netzwerke und Verfehlungen amerikanischer Politiker Bescheid.
Nicht nur Fehlleistungen
Dieses Wissen nutzte Hoover aus, um sich fast fünfzig Jahre lang gegen sämtliche Anfeindungen und Intrigen zu behaupten. Selbst ein Meister der Intrige, spielte er seine Gegner gegeneinander aus, suchte geschickt Verbündete, um sie sofort fallenzulassen, wenn sie seinen Interessen im Wege standen. Allein Lyndon B. Johnson, ein Machtpolitiker von ganz eigener Statur, wird als Gegenspieler auf Augenhöhe geschildert. Aber ein wenig mehr zu den machtpolitischen Hintergründen des außenpolitischen Handelns würde man doch gern erfahren, gerade weil es um das FBI als Geheimdienst geht. Es gab nicht nur Fehlleistungen, sondern auch außenpolitische Expertise, die objektive Logik von Großmachtinteressen und politischen Handlungskonstellationen, welche das Handeln der Vereinigten Staaten leiteten.
Davon liest man bei Weiner so gut wie nichts. Mit Hoovers Tod verliert das Werk dann ein wenig seinen roten Faden; obendrein fehlen Quellen, die ein neues, bislang unbekanntes Licht auf die Ereignisse etwa des Anti-Terror-Kampfes werfen würden. Angesichts der Fülle von Informationen und Erkenntnissen, die Weiner dann aber doch bietet, fällt dieses Manko kaum ins Gewicht. Insgesamt also ein empfehlenswertes, nachdenklich stimmendes und spannendes Buch.
MICHAEL HOCHGESCHWENDER