28.01.2012 · Neue Bücher von Antonio Damasio, Dominique Eigenmann und Winfried Papenfuß, samt einigen Neuerscheinugnen zu Friedrich II.
Winfried Papenfuß schreibt über Selbstheilung, Antonio Damasio versucht Bewusstsein zu erklären und Dominique Eigenmann schwärmt von Roger Federer. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.
Wie viele Bücher werden gekauft, verschenkt und nicht gelesen? Oder anders gefragt: Gibt es das ideale Mitbringsel-Buch? Eines, mit dem man sich bei den bürgerlichen Ständen nicht blamiert; eines, das niveaumäßig lieber eine Idee zu hoch als zu niedrig liegt? Und in dem nicht irgendwo Explizites auftaucht, das der Beschenkte falsch verstehen könnte? Die Antwort auf diese drängenden Fragen geben Thea Dorn und Richard Wagner mit "Die deutsche Seele". Denn das Buch hat sich in oberen Plätzen der Bestsellerliste festgesetzt und ist auch nach Weihnachten dort geblieben.
Das mag auch mit der Fernsehbekanntheit der Autorin zusammenhängen, aber es liegt natürlich primär am Thema, das immer mal wieder eine Neuauflage verträgt. Die Deutschen beschäftigen sich nun einmal gern mit sich selbst, und wer das für ein Klischee hält, bekommt in der vorliegenden Sammlung viele, viele Belege für diese These.
Zweiundsechzig Stichwörter sind hier - reich illustriert - auf stattlichen fünfhundertsechzig Seiten aufgefahren, von "Abendbrot" bis "Zerrissenheit", dazwischen jeden Menge Urdeutsches und manches, das auch bei anderen Nationen eine Rolle spielen dürfte, wie etwa die Begriffe "Sehnsucht" und "Schadenfreude". Der Gattungsbegriff Anthologie passt nicht recht, denn das Autorenduo wechselt sich ab; in blasser Farbe abgedruckte Kürzel "td" und "rw" zeigen am Ende der Beiträge den Verfasser.
Thea Dorn, Jahrgang 1970, übernimmt häufig den spielerischen Part, sie experimentiert mit Essay, Gedicht, fiktivem Dialog; Richard Wagner, 1952 im rumänischen Banat geboren, übt eher die seriöse Herleitung aus der Historie, ohne sich je wie ein Vertreter der Fachwissenschaft auszudrücken.
"Das Deutsche ist ein Abgrund, halten wir fest daran" - Thomas Manns Satz aus den "Betrachtungen eines Unpolitischen" dient als Auftakt des Kapitels über den "Abgrund". Und schon wird viel zitiert, an Mottosätzen entlanggeschrieben. Das geht munter von Friedrich Sieburg zu Büchner und Heidegger, zurück zu Nietzsche, dann wieder zu Celan, der Heidegger in Todtnauberg besucht, zum Kaiser Barbarossa, nach Stalingrad, retour zu Heinrich Heine, um dann die Kurve zu einer Abhandlung über die starke Zuneigung deutscher Dichter zum Bergbau zu nehmen.
Allen voran Goethe, der im zweiten Teil des "Faust" einen Chor der Gnomen auftreten lässt, die sich selbst als "Felschirurgen" ironisieren. Goethes Karriere als Direktor der Bergwercks-Commission im thüringischen Ilmenau war keine Erfolgsgeschichte. Novalis dichtete, während er im Brotberuf Bergassessor war; und noch der DDR-treue Franz Fühmann träumte vergeblich von der literarischen Errettung im Stollen. Auch in Michael Endes "Unendlicher Geschichte" und in den "Hundejahren" von Günter Grass spielen Bergwerke eine wichtige Rolle. Das ist als Motivgeschichte vergnüglich und erhellend.
Die "Arbeitswut" setzt ein mit Luther, mäandert über den Pietismus der Franckeschen Stiftungen in Halle und Goethes Faust-Dichtung zu Kapitalismus, Sozialismus und Max Scheler. Abrupte Wechsel und assoziative Haken ermöglichen es, Hannah Arendt und den zeitgenössischen Baumarkt zu kombinieren - das ist frei und unbekümmert insofern, als sich Thea Dorn auch hier nicht scheut, die eigene Subjektivität zu feiern. Und Funde macht: "Wir wissen alle, dass Autostraßen nötig sind", schreibt da einer, der dennoch eine anrührende Hymne anstimmt über Bäume: "Die man nicht ,nachliefern' kann? Die nicht in Serien, frei ab Wald, wieder aufgebaut werden können? Nur, damit Beamte etwas zu regieren haben? Nein, das muss nicht sein. Sie sollen stehen bleiben, uns Schatten spenden und leben - gegen die Tollheit betriebsseliger Kleinbürger im Geist und im Amt." So Kurt Tucholsky, im Dezember 1930 in Berlin.
Der Zwang zur Pointe scheint immer wieder durch, das wird auch in einem Hang zur Etikettierung deutlich: Kant - "der kühle Kopf aus Königsberg", Leni Riefenstahl - "die Outdoor-Diva", Henry Crabb Robinson - "der erfahrenste britische Deutschlandreisende des frühen 19. Jahrhunderts", Humboldt - "der letzte Erdbeschreiber". "Amusement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus", werden Adorno und Horkheimer aus der "Dialektik der Aufklärung" zitiert.
Aber Unterhaltung muss bei der Lektüre sein, denn bloße Belehrung liest niemand gern. Weswegen unter dem Stichwort "E(rnst) und U(nterhaltung)" der überkommene Unterscheidungszwang auf die Schippe genommen wird. Wer sich nicht blamieren wolle, müsse nur Bücher der SWR-Bestenliste empfehlen, weil nur diese dagegen gefeit seien, dass der "Zufall oder eine Kollektivlaune der Leserschaft" sie "an den Pranger der Meistverkauften gestellt" hätten. Die fiktive Leserin Julia hat die Möglichkeit, sich zwischen zwei Roman-Bestenlisten zu entscheiden. Unter "Roman total" findet sie Thomas Manns "Joseph und seine Brüder", Broch, Musil, Doderer, Johnson und Arno Schmidt. Unter "Lesestoff" Thomas Manns "Buddenbrooks", Kafka, Joseph Roth, Döblin, Koeppen, Grass und Walser. Der deutsche Hang zum Kanon, der sich hier selbstironisch gibt, wäre auch ein Thema gewesen, das in die Sammlung gepasst hätte.
Das kürzeste Kapitel hat zwei Seiten, das längste knappe vierzig. Es handelt von der "Musik" und steht im Zentrum des Buches. Geschrieben von Thea Dorn, lesen wir einen zupackenden Abriss deutscher Musikgeschichte, der um das Dreigestirn Bach, Beethoven und Wagner kreist. These: "Die Frage nach der Musik führt ins Innerste der deutschen Seele." Und zugleich in die Philosophie, weil sich in keinem anderen Land der Welt die Philosophen so gequält hätten, "Musik als paradoxe Sprache ohne Worte zu erklären". Und also einem Phänomen Worte zu verleihen, das dem Rationalisten Kant noch ferngelegen habe - dem "Überwältigungscharakter der Musik", den Nietzsche an Wagner begeistert pries.
Noch Stockhausen verhedderte sich 2001 in einem Interview in diesen Fallstricken, als er den Anschlag auf das World Trade Center als "größtes Kunstwerk, das es je gegeben hat", beschrieb. Seine Entschuldigung verfehlte ihre Wirkung, der Komponist blieb Persona non grata. Dabei, so Dorn, habe er "nur ausgesprochen, was alle deutschen Musiker und Musiktheoretiker vor ihm gedacht haben". Ein Dilemma bis über das Ende der großen deutschen Musiktradition hinaus: "Der Demokrat atmet erleichtert auf. Der Musiker leidet."
Ob das "Fußball"-Kapitel den Millionen, die hierzulande von diesem Sport affiziert sind, in seiner anekdotischen Knappheit genügen wird? Dass Fußball der "Seelenspiegel des Ich" sei, das wird man auch vom Curling sagen können. Man liest sich also hier und dort fest, streunt von den Bildern verleitet durch das Buch, das eine verschwenderische Stofffülle ausbreitet und manchmal auch zuviel des Gesammelten ausbreitet.
Als Fundgrube und Krabbelkiste deutscher Geistesgeschichte wird es seinen Platz behalten. Es ist ein Bekenntnis zum unverkrampften Umgang mit der deutschen Geschichte, eine Verbeugung vor der Muttersprache, zu deren schönsten Worten die Autoren "Heimat" zählen und die sie beim Thema "Gemütlichkeit" um das lustige Wort "Ökoko" bereichern. Ob die intendierte Debatte über das deutsche Wesen befördert wird? Das muss vielleicht gar nicht sein. Es würde schon genügen, ließe man sich wie Richard Wagner beim Streifzug durch die deutschen Mittelgebirge zu dem Satz hinreißen: "Manchmal möchte man Amerikaner sein, um das alles unvoreingenommen würdigen zu können."
Hannes Hintermeier