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Veröffentlicht: 01.01.2012, 16:00 Uhr

F.A.Z.- Sachbücher der Woche Experten gibt es, damit ihr Rat nicht zählen muss

Ein Sammelband widmet sich Praktiken, Selbstverständnis und einigen überzeugenden Einschätzungen von wissenschaftlicher Politikberatung. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Zwei Autoren interpretieren Hegels Geschichte von Herr und Knecht neu, Winfried Menninghaus studiert die Möglichkeit einer Ästhetik nach Darwin und Hartmut Leppin vertieft sich in das Leben Justinians. Die F.A.Z.-Sachbücher der Woche.

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Endlich glaubte man die Lösung gefunden zu haben. Man brauchte Experten, die im Feld ihrer Expertise keine praktische Berufstätigkeit ausübten, und man brauchte ein zweistufiges Begutachtungsverfahren. Damit würden Gerichtsurteile nicht mehr reihenweise kassiert wegen der Befangenheit von Sachverständigen.

Falls die von den Streitparteien vorgeschlagenen Experten widersprüchliche Gutachten erstellten, solle der Richter einen Nicht-Praktiker als dritten Experten ernennen, der zusammen mit den beiden uneinigen Parteienexperten eine weitere Bestandsaufnahme vornehme. Gelangten die drei nun zu einem übereinstimmenden Ergebnis, sei ein gemeinsames Gutachten zu verfassen, falls nicht, gebe jeder einzeln seine Meinung ab. Um die Unabhängigkeit der Experten zu gewährleisten, solle ihnen auch verboten sein, „irgendwelche Geschenke von den Parteien anzunehmen, oder zu dulden, dass diese ihre Spesen vergüten“.

„Code Louis“ als Scheinlösung

Diese Lösung ist keine Errungenschaft jüngeren Datums. Sie wurde von Juristen im Dienst Ludwigs XIV. ausgeheckt und fand ihren Niederschlag im „Code Louis“ von 1667, einem Reformdekret für das französische Zivilrecht. Bis dahin hatte man Gerichtsexperten vorwiegend aus den Handwerksberufen rekrutiert und sich damit das chronische Problem eingehandelt, dass ihre Gutachten, sobald mögliche Vergehen von Zunftgenossen zur Verhandlung standen, der Vertuschung verdächtig wurden.

Der „Code Louis“ entpuppte sich als Scheinlösung. Er ersetzte die befangene Kompetenz der Handwerkerexperten durch die unbefangene Inkompetenz von Laienexperten, mit dem Effekt, dass die Mühlen der Justiz noch langsamer mahlten. 1690 folgte eine Reform der Reform, und die neue Lösung hieß offizielle Expertenämter. Kandidaten für die Ämter mussten unter anderem eine Eintrittsprüfung ablegen. Wurden sie gewählt, erhielten sie für jede Expertise eine fixe Vergütung, und die Gerichte wurden angehalten, nur noch Sachverständige aus ihren Reihen zuzulassen.

18071903 © Verlag Vergrößern „Wissenschaftliche Politikberatung“. Hrsg. von Margret Kraul und Peter-Tobias Stoll

Das einzige Verfahren, das vom alten System übernommen wurde, war die Ernennung eines dritten Experten bei Uneinigkeit der beiden Parteigutachter. Damit glaubte man, die beiden Hauptkriterien einer erfolgreichen Expertentätigkeit - Kompetenz und Unabhängigkeit - institutionell abgesichert zu haben. Das neue System hatte Bestand, aber schon früh fiel Beobachtern auf, dass sich die Parteigutachter häufig widersprachen, und manch einer äußerte den Verdacht, im amtlichen Expertenmonopol herrsche ein durch Absprachen hergestellter Dissenskonsens zwecks kollektiver Einnahmesteigerung.

124.000 Dollar für eine falsche Expertise

Die Suche nach sauberen Lösungen für Expertenprobleme ist ein traditionsreiches Geschäft, das von Optimisten betrieben wird und von der eigenen Fortschrittsresistenz lebt. Sieht man sich die Expertenindustrie unserer vermeintlichen Wissensgesellschaft an, könnte sogar der Eindruck aufkommen, die Franzosen des siebzehnten Jahrhunderts hätten sich mit Luxusproblemen herumgeschlagen.

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