Zwei Autoren interpretieren Hegels Geschichte von Herr und Knecht neu, Winfried Menninghaus studiert die Möglichkeit einer Ästhetik nach Darwin und Hartmut Leppin vertieft sich in das Leben Justinians. Die F.A.Z.-Sachbücher der Woche.
Endlich glaubte man die Lösung gefunden zu haben. Man brauchte Experten, die im Feld ihrer Expertise keine praktische Berufstätigkeit ausübten, und man brauchte ein zweistufiges Begutachtungsverfahren. Damit würden Gerichtsurteile nicht mehr reihenweise kassiert wegen der Befangenheit von Sachverständigen.
Falls die von den Streitparteien vorgeschlagenen Experten widersprüchliche Gutachten erstellten, solle der Richter einen Nicht-Praktiker als dritten Experten ernennen, der zusammen mit den beiden uneinigen Parteienexperten eine weitere Bestandsaufnahme vornehme. Gelangten die drei nun zu einem übereinstimmenden Ergebnis, sei ein gemeinsames Gutachten zu verfassen, falls nicht, gebe jeder einzeln seine Meinung ab. Um die Unabhängigkeit der Experten zu gewährleisten, solle ihnen auch verboten sein, „irgendwelche Geschenke von den Parteien anzunehmen, oder zu dulden, dass diese ihre Spesen vergüten“.
„Code Louis“ als Scheinlösung
Diese Lösung ist keine Errungenschaft jüngeren Datums. Sie wurde von Juristen im Dienst Ludwigs XIV. ausgeheckt und fand ihren Niederschlag im „Code Louis“ von 1667, einem Reformdekret für das französische Zivilrecht. Bis dahin hatte man Gerichtsexperten vorwiegend aus den Handwerksberufen rekrutiert und sich damit das chronische Problem eingehandelt, dass ihre Gutachten, sobald mögliche Vergehen von Zunftgenossen zur Verhandlung standen, der Vertuschung verdächtig wurden.
Der „Code Louis“ entpuppte sich als Scheinlösung. Er ersetzte die befangene Kompetenz der Handwerkerexperten durch die unbefangene Inkompetenz von Laienexperten, mit dem Effekt, dass die Mühlen der Justiz noch langsamer mahlten. 1690 folgte eine Reform der Reform, und die neue Lösung hieß offizielle Expertenämter. Kandidaten für die Ämter mussten unter anderem eine Eintrittsprüfung ablegen. Wurden sie gewählt, erhielten sie für jede Expertise eine fixe Vergütung, und die Gerichte wurden angehalten, nur noch Sachverständige aus ihren Reihen zuzulassen.
Das einzige Verfahren, das vom alten System übernommen wurde, war die Ernennung eines dritten Experten bei Uneinigkeit der beiden Parteigutachter. Damit glaubte man, die beiden Hauptkriterien einer erfolgreichen Expertentätigkeit - Kompetenz und Unabhängigkeit - institutionell abgesichert zu haben. Das neue System hatte Bestand, aber schon früh fiel Beobachtern auf, dass sich die Parteigutachter häufig widersprachen, und manch einer äußerte den Verdacht, im amtlichen Expertenmonopol herrsche ein durch Absprachen hergestellter Dissenskonsens zwecks kollektiver Einnahmesteigerung.
124.000 Dollar für eine falsche Expertise
Die Suche nach sauberen Lösungen für Expertenprobleme ist ein traditionsreiches Geschäft, das von Optimisten betrieben wird und von der eigenen Fortschrittsresistenz lebt. Sieht man sich die Expertenindustrie unserer vermeintlichen Wissensgesellschaft an, könnte sogar der Eindruck aufkommen, die Franzosen des siebzehnten Jahrhunderts hätten sich mit Luxusproblemen herumgeschlagen.
Im Oskar-gekrönten Dokumentarfilm „Inside Job“ über die Hauptakteure der jüngsten Finanzkrise wird Frederic Mishkin, Professor an der Columbia-Universität und offizieller Berater der Regierung Bush, gefragt, wie er zwei Jahre vor dem Crash in einer Expertise für die Isländische Zentralbank zum Ergebnis gekommen sei, Island besitze „exzellente Institutionen“ und eine „starke Regulierungs- und Aufsichtsbehörde“.
Mishkin murmelt etwas von Vertrauen in verfügbare Informationen, worauf die nächste Frage folgt: „Wie viel hat man ihnen für die Publikation bezahlt?“ Der Ökonom kann sich nicht erinnern, worauf der Film die Summe einblendet: 124.000 Dollar, überwiesen von der Isländischen Wirtschaftskammer. In der Expertise fehlt ein Hinweis auf den zahlenden Auftraggeber, und in Mishkins Publikationsverzeichnis hat sich irgendwann ein kleiner Druckfehler eingeschlichen: Aus „Financial Stability in Iceland“ wurde „Financial Instability in Iceland“.
Millionenhonorare für Berater
Mishkin hat, wie der Film ebenfalls festhält, gegen keine Vorschriften verstoßen. Die meisten amerikanischen Spitzenuniversitäten verpflichten ihre Wirtschaftsprofessoren nicht zur Offenlegung möglicher Interessenkonflikte. Ihre Laxheit entspricht einer Expertenkultur neoliberalen Zuschnitts, die deutlich auf akademisch dekorierte Kompetenz und wenig auf ökonomisch abgesicherte Unabhängigkeit setzt. Ihre Protagonisten haben sich aus der an sich wertvollen Einsicht, dass Unabhängigkeit eine relative und ideologisch verfängliche Größe sei, einen Freipass zur gewinnorientierten Gutachtertätigkeit geschneidert.
Fast alle in „Inside Job“ auftretenden Wirtschaftswissenschaftler haben als Professoren mehrere Millionen an Beraterhonoraren eingenommen, und weil sie ihre finanzkräftige Kundschaft auch zur Großzügigkeit gegenüber ihren offiziellen Arbeitgebern animierten, waren die Universitäten gerne bereit, bei Interessenkonflikten ein Auge zuzudrücken. Es ist also weniger die Gier von schwarzen Schafen als die Anreizstruktur der „unternehmerischen“ Universität, die den Wissenschaftsbetrieb korrumpiert.
Ökonomen verfolgen eigene Ziele
In einem jüngst erschienenen Sammelband über "Wissenschaftliche Politikberatung" betont der Volkswirt und ehemalige Vorsitzende der "Wirtschaftsweisen", Wolfgang Wiegard, es fruchte wenig, "an das ,Ethos' oder die ,gesellschaftliche Verantwortung' des einzelnen Wissenschaftlers zu appellieren".
Vielmehr sei davon auszugehen, "dass der im Beratungs- und Begutachtungsgeschäft tätige Ökonom ebenso eigennützige Ziele verfolgt, wie die ökonomische Theorie dies allen anderen Personen unterstellt". Im Feld der wissenschaftlichen Politikberatung verortet Wiegard drei solche Ziele, wobei er an erster Stelle nicht, wie naive Gemüter erwarten würden, "politische Einflussnahme" sieht, sondern "zusätzliches Einkommen".
Diese Reihenfolge hat in Wiegards Denken ihre Logik, denn ihm zufolge muss es nicht ganz mit rechten Dingen zugehen, damit ein Expertenrat befolgt wird. Voraussetzung sei, dass sich Experten mit den Zielen der Politiker identifizierten - "und das bedeutet letztlich: ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit aufgeben".
Ratschläge werden nicht umgesetzt
Als Beispiele führt er die Hartz- und Rürup-Kommissionen an. Die Wirtschaftsweisen dagegen seien unter seiner Mitwirkung unabhängig geblieben, mit entsprechendem Erfolgsausweis: „Die erste unserer Expertisen war eine noch von den Ministern Eichel und Clement in Auftrag gegebene Untersuchung zur Reform der Einkommens- und Unternehmensbesteuerung. Umgesetzt wurde davon fast nichts. Danach kam eine Expertise zur möglichen Ausgestaltung von Kombilöhnen. Der Umsetzungsgrad liegt exakt bei null.“
Wiegard misst hier die Unabhängigkeit von Experten an ihrer Einstellung zum Beratungsauftrag. Daneben benutzt er aber auch strukturelle Kriterien, indem er „interne“ von „externer“ sowie „institutionalisierte“ von „individueller Ad-hoc-Beratung“ unterscheidet. Seine Ausführungen hinterlassen den Eindruck, er stufe die politischen Einflussmöglichkeiten von Experten desto höher ein, je informeller und individueller sie berieten.
Interessant wäre nun zu erfahren, ob Auftritte auf der institutionalisierten Beraterbühne als Sprungbrett für eine wirkungsvollere Lobbytätigkeit hinter den Kulissen dienen können. In Bezug auf die Wirtschaftsweisen: ob die symbolische Entschädigung für politisch belanglose Gutachten etwa telefonische Konsultationen des Kanzleramts sind, bevor Frau Merkel auf Europarettungsreisen geht. Darüber schweigt sich Wiegard allerdings aus.
Konjunkturforscher als Kaffeesatzleser
Andere Autoren des Bandes gehen noch einen Schritt weiter. Der Bildungsforscher Hans Merkens hält die Beratungsfunktion offizieller Experten bestenfalls für zweitrangig. Ihre primäre Aufgabe sei, Legitimität herzustellen: "Das ist eine Funktion, die sie sich selbst nicht zuschreiben, die ihnen aber von denjenigen abverlangt wird, die sie beraten." Allfällige Expertenhonorare könnten demnach als Schmerzensgeld für unfreiwillige Propagandadienste abgebucht werden.
Wolfgang Streeck, einer der derzeit interessantesten Interpreten der Finanzkrise, setzt sich mit einer Expertenspezies auseinander, deren politische Vitalität auf empirischer Untauglichkeit beruhe: wirtschaftswissenschaftliche Wetterfrösche. Munitioniert mit Keynes-Zitaten, stellt Streeck die Konjunkturforschung als falschen, aber wirkmächtigen Zauber dar. Konjunkturforscher erscheinen als Hightech-Kaffeesatzleser, die Politiker und Wirtschaftskapitäne in die Zukunft träumen lassen und für ihre Fehlprognosen so viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, dass sie den ökonomischen Gang der Dinge tatsächlich beeinflussen.
Streeck stellt ihrer Praxis eine wissenschaftliche Politikberatung entgegen, "die auf das Hintergrundverständnis der Gesellschaft von sich selber zielt - also im traditionellen Sinn Aufklärung betreibt". Das ist ein erbauliches Bild, und einige Autoren des Bandes leben ihm auch im besten Sinne nach. Auf einem anderen Blatt steht, ob im offiziellen Expertentheater Aufklärungsstücke überhaupt aufführbar sind. Was spricht dagegen? Unter anderem die letzten dreihundert Jahre.
CASPAR HIRSCHI