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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Die Preise fliegen über den Markt

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Es war risikoreicher, ein Bild von Max Liebermann – hier sein „Selbstbildnis im Freienzeichnend“ (1910) – als eines von Beckmann oder Corinth zu kaufen Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Geschichte des Kunsthandels zeigt ungeahnte Kontinuität und die Antike ihre Beweglichkeit: Neue Bücher von Gesa Jeuthe, John Freely und gleich drei Werke zum Verleger Axel Springer.

          Eine gewichtige Untersuchung der Preisentwicklung im Kunstmarkt liefert Gesa Jeuthe, John Freely zeigt in seinem Buch wie die Gelehrsamkeit der Antike nach Europa kam und drei Autoren arbeiten die Person Axel Springer ab. Dies in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Es ist ein Buch, das die Kunstgeschichte in neue Bahnen lenken könnte. Sein Titel lautet „Kunstwerte im Wandel“, der trocken und harmlos klingende Untertitel: „Die Preisentwicklung der deutschen Moderne im nationalen und internationalen Kunstmarkt 1925 bis 1955“. Geradlinig wird darin eine einzige Frage verfolgt, die in einer kunsthistorischen Vorlesung an der Universität fast nie gestellt wird: Was kostet die Kunst?

          Warum sollte man diese Frage überhaupt stellen? Das zeigt die Autorin Gesa Jeuthe, wobei beispielhaft die Fälle von zwölf Künstlern analysiert werden, deren Werke das Feld von Impressionismus, Expressionismus über Bauhaus bis hin zur Neuen Sachlichkeit abdecken: Max Liebermann, Lovis Corinth, Emil Nolde, Franz Marc, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Lyonel Feininger, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Max Beckmann, Otto Dix und George Grosz.

          Die Preisdaten erst beschaffen und dann auswerten

          Auf den ersten Blick ist der Gegenstand also eine kühle statistische Erhebung, um festzustellen, ob Gemälde im Preis stiegen, fielen oder gleich blieben. So weit, so gut. Verblüffend, jedenfalls auf den ersten Blick, wirkt der zeitliche Rahmen, der für die Untersuchung angesetzt wurde: 1925 bis 1955. Schließlich ergreifen im Jahr 1933 die Nationalsozialisten die Macht, 1937 wird die Ausstellung „Entartete Kunst“ eröffnet, 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg, und man meint, dass damit doch alles über die Preise gesagt ist. Die sind natürlich, so nimmt man an, gefallen. In der Forschungsliteratur ist deshalb auch häufig von „Schleuderpreisen“ die Rede, zu denen die Werke der Moderne im Nationalsozialismus verkauft worden sind. Klingt folgerichtig und nachvollziehbar - oder etwa nicht?

          Nun ist Gesa Jeuthe nicht einfach nur Kunsthistorikerin. Geschrieben hat sie ihre Doktorarbeit, auf der das Buch basiert, an der renommierten Forschungsstelle „Entartete Kunst“. Studiert hat sie darüber hinaus Betriebswirtschaftslehre, und mit dieser doppelten Qualifikation konnte sie ein Instrumentarium entwickeln, um eine gängige Annahme Werk für Werk nachzurechnen. Das ist für sich genommen bereits kein leichtes Unterfangen. Wer wissen will, wie sich die Preise eines Künstlers entwickeln, muss beispielsweise Inflationsraten und Wechselkurse berücksichtigen; dass Gemälde unterschiedliche Formate haben, die den Preis bestimmen, muss ebenso eingerechnet werden wie der Beliebtheitsgrad eines Sujets. Kurzum: Es ist nicht nur mühsam, Preisdaten zu beschaffen; es gilt darüber hinaus, sie nach allen Regeln der betriebswirtschaftlichen Kunst auszuwerten.

          Ein Ausschnitt aus Emil Noldes neunteiligem Altargemälde „Das Leben Christi“ aus dem Jahr 1911/12 , das die Nationalsozialisten1937 ins Zentrum der Schau „Entartete Kunst“ in München rückten
          Ein Ausschnitt aus Emil Noldes neunteiligem Altargemälde „Das Leben Christi“ aus dem Jahr 1911/12 , das die Nationalsozialisten1937 ins Zentrum der Schau „Entartete Kunst“ in München rückten : Bild: Gnamm/ARTOTHEK

          Das Ergebnis sind so erstaunliche Befunde wie der folgende: „Die Untersuchung der Verkaufspreise ab 1933 zeigt, dass nach 1932 eine Annäherung an den Preisbereich zur Zeit der Weimarer Republik erfolgte.“ Die Preise stiegen also in den dreißiger Jahren. Und nicht nur das: „Zwar begann mit der Aktion ,Entartete Kunst’ eine organisierte Verfolgung der modernen Kunst im öffentlichen Bereich, doch stellte selbst diese keinen so eminenten Einschnitt in der Preisentwicklung dar, wie vielfach vermutet wurde: Das Preisniveau von 1934 bis 1936 setzte sich auch nach 1937 bis zum Zusammenbruch des Marktes aufgrund des ,totalen Krieges’ 1944 fort. In den Jahren 1938 und 1939 wurde sogar ein Anstieg über die generellen Werte hinaus erreicht.“

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