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F.A.Z.-Sachbücher der Woche Die Notwendigkeit, Ernst zu machen

 ·  Neue Bücher von Stefan Koldehoff und Tobias Timm, George Dyson, Werner Fuld, Ralph V. Turner und Johannes Fried.

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Stefan Koldehoff und Tobias Timm fragen, was aus dem Skandal um den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi folgen muss, George Dyson erinnert an den Computer-Pionier John von Neumann und Werner Fuld folgt der Geschichte der Buchverbote. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Dieses Buch ist mit heißer Nadel gestrickt, und es ist auf dem aktuellen Stand der Dinge. Naturgemäß kann es den Fälschungsskandal nicht erschöpfend klären, der im vergangenen Jahr die Gemüter bewegt hat und als der „Fall Beltracchi“ in die einschlägige Historie eingehen wird. Das Buch schließt direkt an ein alertes Interesse von Medien und Öffentlichkeit an, man erinnert sich: Wolfgang Beltracchi und seine Mittäter - seine Frau, ein gewisser Otto Schulte-Kellinghaus und Beltracchis Schwägerin - haben eine noch immer unbekannte Zahl von gefälschten Gemälden in den Kunstmarkt geschleust, der sich über Jahre hin als dafür blind erwies. Allerdings ging das Interesse kaum über die deutschen Grenzen hinaus. Beltracchi who?, fragt schon jeder Brite. Dies, obgleich der selbsternannte „Meisterfälscher“ außer Deutschland auch England, Frankreich und selbst die Vereinigten Staaten mit seinen Falsifikaten erreichte. Und obwohl Experten, Auktionshäuser und Galerien sein ausgeklügeltes Distributionssystem, das maßgeblich auf fingierten Herkunftsangaben und mehreren frei erfundenen Privatsammlungen beruhte, unterstützten - wie gutgläubig und der Sorgfaltspflicht gehorchend oder nicht, auch das muss im einen oder anderen Fall dahingestellt bleiben.

Alle Hintergründe, derer sie habhaft werden konnten, schreiben die Autoren auf unter dem knackigen Titel „Falsche Bilder. Echtes Geld“ (wer weiß eigentlich, ob all das geflossene Geld echt war, oder wenigstens sauber?), bis in feinste Verästelungen. Dabei geben Stefan Koldehoff, investigativ erprobter Kulturredakteur beim Deutschlandfunk, und Tobias Timm, Autor der Wochenzeitung „Die Zeit“, selbst gar nicht vor, großartige neue Erkenntnisse beizusteuern, auch wenn der Untertitel den „Fälschungscoup des Jahrhunderts - und wer alles daran verdiente“ verheißt. Stattdessen versammeln sie eine ganze Menge akribisch recherchierter Details, vergleichbar einem Indizienprozess, die zum Teil schon Jahre zurückliegen und tatsächlich in solcher Dichte bisher nirgends stehen. Dass darunter durchaus einige brenzlige Informationen sind, zeigen abgekürzte oder offen gelassene Namen an: Vorverurteilungen sind unbedingt zu vermeiden - abgesehen noch davon, dass angesichts allfälliger Empfindlichkeiten Juristen vor der Veröffentlichung den Text durchgeackert haben werden.

Aus dem Ruder gelaufener Hippie?

Liest man das Buch so, dann ist es ein intelligenter Blick hinter die Fassaden eines weitgehend undurchschaubaren Markts und seiner Gepflogenheiten. Bei seinem ausführlichen Geständnis vor dem Kölner Landgericht hat Beltracchi selbst die bittere Pointe gesetzt. Nicht nur indem er hervorhob, wie einfach es ihm der Kunstmarkt gemacht habe, sondern auch, indem er erklärte, dass die Zeit für seine Variante des betrügerischen Gewerbes vorbei sei. Denn er hatte sich auf Werke der Moderne konzentriert, die als verschollen galten oder nicht bildlich in den Werkverzeichnissen dokumentiert waren. Das ist zynisch genug, und dass ihm sein Erfolg recht gab, macht alles noch unappetitlicher.

Gewarnt sei indessen vor einer Pauschalverurteilung des Kunstmarkts (den es als Einheit übrigens gar nicht gibt) und seiner Protagonisten. Das wäre fahrlässig großräumig; nicht jeder im Kunstbetrieb ist ein Gauner.

Absolut folgerichtig schreiben Koldehoff und Timm in ihrem Kapitel „Die Methode Beltracchi“: „Wolfgang Beltracchi gehört zwar nicht zu den großen Künstlern, er zählt aber sicher zu den raffiniertesten Fälschern der Kunstgeschichte - raffinierter sind nur noch diejenigen, deren Namen wir noch nicht kennen. Beltracchi hat sich als erstklassiger Handwerker und Krimineller erwiesen: Über drei Jahrzehnte lang konnte er seine Betrugstechnik ungestört optimieren.“ Das ist ein Kernsatz des Buchs, von dem aus sich die Fäden zurück in die Historie des Skandals aufwickeln lassen - und in die Zukunft, wo manche dieser Fäden noch lose hängen. Es ist unbedingt richtig, dass die Autoren unbeirrbar in Beltracchi schlicht einen Betrüger erkennen, zumal der „Kunstkrimi“ um ihn in der Öffentlichkeit gelegentlich begleitet war von klandestiner oder gar offener Schadenfreude. Beltracchi ist kein „Filou“, und verständnisinniges Psychologisieren ist unangebracht, auch wenn er sich dann im Prozess im Herbst 2011 coram publico als eine Art aus dem Ruder gelaufener Hippie gerierte (übrigens keine schlechte Show).

Dran bleiben!

Es ist allgemein bekannt geworden, dass das Landeskriminalamt in Berlin und die Staatsanwaltschaft in Köln gerade mal vierzehn - wohlgemerkt nicht verjährte - Fälschungen vorlegen konnten, die Beltracchi dann auch gestand; mehr war nicht möglich. Angesichts der geballten Faktenfülle, die Koldehoff und Timm zusammenführen, wird einmal mehr deutlich, in welchem Missverhältnis diese Anzahl zur Gesamtmenge der vermuteten Fälschungen steht, mit der Beltracchi auch immer wieder angegeben hat, selbstredend ohne dabei konkrete Angaben zu machen. Das hat den Skandal noch einmal aufgegipfelt, in seinem vorerst letzten Akt.

Der durchaus legitime Deal zwischen Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Gericht hat es verhindert, dass die erhofften Zeugen gehört wurden, was gewiss einiges Licht in die Kulissen der Affäre gebracht hätte. So aber ist der Mantel eines erstaunlich milden Urteils darüber gebreitet, das dem Hauptbeschuldigten gerade mal sechs Jahre beschert hat, die er als Freigänger verbringt. Die Autoren haben an das Ende des Buchs eine Liste gestellt mit mehr als achtzig Gemälden, die Beltracchi zuzuordnen sind. Sie floppt leider, ausgerechnet weil sie aufrichtig kommentiert ist: Mehr als dreißigmal steht da „Fälschung nicht nachgewiesen“; allein dreiundfünfzig dieser Werke sind bereits in jener Liste verzeichnet, die die Ermittler des Berliner LKA 2011 erstellt haben. Dass Beltracchi selbst sich zu der Aufstellung nicht geäußert hat, wie die Autoren anmerken, kann nicht verwundern.

Es ist schon folgerichtig, dass Koldehoff und Timm in ihrem Schlussplädoyer moralisch werden, ein „Kodex für den Kunsthandel“ müsse her, Maximalforderungen sind formuliert. Sie sind freilich unrealistisch, aber richtig sind sie trotzdem. Die Lektion aus dem Buch heißt kurz und bündig: dran bleiben! Die auf Kunstdelikte spezialisierten Kommissare sind weiterhin hellwach. Es ist ein spannendes Buch geworden, eine Indiziengeschichte für Leute, die sich für die Machenschaften im Feld mittel- bis hochpreisiger Kunst interessieren - und vielleicht sogar überhaupt ein Sittenspiegel unserer Gesellschaft.

Rose-Maria Gropp

Stefan Koldehoff und Tobias Timm: „Falsche Bilder, Echtes Geld“. Verlag Galiani, Berlin 2012. 275 S., Abb., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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