Peter Sloterdijk öffnet seine Notizbücher, Alfred Brendel glossiert das Klavier und ein Band versammelt sprachphilosophische Aufsätze der Philosophin Ruth Millikan. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.
Alfred Brendel ist weder ein Kind, noch ist er ein Narr. Trotzdem nahm er sich schon immer gern die Freiheit heraus, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, und seit er aufgehört hat, öffentlich Klavier zu spielen, ist diese Neigung weiter gewachsen. Ein Beispiel? Klar, dass sich jeder Buchautor viele Leser wünscht. Aber nur die allerwenigsten kämen auf die Idee, dies direkt beim Leser einzufordern. Anders Brendel, er ruft uns gleich im vierten Satz des Vorwortes seines neues Musikbuches zu: Lies mich! Und lies gefälligst auch noch alles andere, was ich vorher schon geschrieben habe!
Sogar die Bezugsquellen werden bequemerweise vom Autor selbst mitgeteilt: „Wer meine Essays (“Über Musik“, Piper) und meine ,Gespräche mit Martin Meyer’ (“Ausgerechnet ich“, Hanser) nicht kennt, ist eingeladen, die Lektüre dort fortzusetzen.“ Und auch die restlichen fünf Absätze der kurzen Präambel sind an Unverblümtheit nicht ohne. Da bittet Brendel den Leser zunächst um Verständnis dafür, dass er im Folgenden so altmodische Vokabeln wie „Genie“ und „Großmeister“ benutzen werde; schließlich gehe es hier um „große Musik“. Im nächsten Satz entschuldigt sich Brendel bei der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts dafür, dass sie in diesem Büchlein nicht weiter vorkomme. Zack, das sitzt! Alle lebenden Komponisten dürfen sich jetzt wegen fortgesetzter Kleinmeisterei in die Ecke stellen und schämen. Folgt eine Verbeugung vor dem weiblichen Musikus an sich. Er habe sich entschieden, beim Schreiben das leidige Suffix „-innen“ wegzulassen, aber: „Bitte fühlen Sie sich freundlichst eingeschlossen.“
Von „Querflügeln“ und „Jammerklavieren“
Dann geht es los mit Brendels neuem Lesebüchlein für Klavierliebende von A bis Z. Man kann es entweder von vorn nach hinten in einem Rutsch verschlingen, wie man eine gute Novelle verschlingt oder einen erbaulichen Künstlerroman oder, noch besser gesagt, wie das Porträt des gescheiten, belesenen, wortgewandten, geliebten und skurrilen Pianisten A.B. im Spiegel seiner ganz persönlichen Ansichten. Oder, auch das ist möglich: Man liest es von hinten nach vorn. So oder so entfalten die klare, direkte Sprache Brendels, sein trockener Humor, seine gedanklichen Abschweifungen, Aus- und Höhenflüge ihren ganz spezifischen Charme.
Bloß als Glossar und Nachschlagewerk zum Wahrheiten-Nachblättern ist das Buch - es handelt sich, die Reprints nicht mitgezählt, immerhin um die bereits achte Buchveröffentlichung Brendels - nur eingeschränkt empfehlenswert. Dazu ist es, auf der niederen Ebene nüchterner Sachlichkeit, zu unzuverlässig. Zu zufällig. Zu kryptisch. Oder zu zerstreut.
Und manchmal ist das, was man da findet, einfach nur unglaublich albern. Gewiss, jedes Glossar, das die Buchstaben des Alphabets abklappert, hat seine schwachen Stellen der Existenz von Buchstaben wie „Q“ oder „J“ zu danken. Aber Brendels Eintrag zum „Querflügel“ ist reinstes Sektierertum und der zum „Jammerklavier“ (“Abart des Hammerklaviers. Von Goethe aus Weimar verbannt. Lerne leiden ohne zu klagen“) würde noch nicht mal als Musikologenstammtischwitz zünden.
Achtundsechzig Mal auf fünf Kontinenten
Eine phantastische Fundgrube voll kleiner und großer Wahrheiten liefert dagegen der Buchstabe „K“ wie „Klavier“. Hier, etwa in der Mitte des Alphabets, sind wir beim Herz und Kern dieses Brendelschen Buchs angekommen: einer rückhaltlosen Liebeserklärung an das Instrument aus Holz, Filz und Stahl, dem er sein Leben gewidmet hat. Nicht um die Geschichte des Klavierbaus geht es, nicht um die der Klaviermusik. So etwas kann man ja überall anderswo nachlesen. Doch nur bei Brendel findet man Sätze wie: „Das Klavier ist ein Ort der Verwandlung. Es eröffnet, wenn der Pianist es will, eine Suggestion der menschlichen Stimme im Gesang, des Timbres anderer Instrumente, des Orchesters, des Regenbogens, der Sphären. Diese Wandlungsfähigkeit, diese Alchimie ist unser Reichtum.“
Außerdem geht es noch um „K“ wie „Klang“, „Klavierkonzert“, „Kleine Notenwerte“, „Kontrolle“ und „Komponist“. Unter letzterem Stichwort gibt Brendel jungen Pianisten den Rat, sie sollten ein Weilchen Kompositionsunterricht nehmen, weil man nur so lerne, die Kompositionen anderer „anders wahrzunehmen und höher zu achten“. Es rückt die einschränkende Bemerkung im Vorwort in neues Licht. Stimmt, zu den „Großmeistern“, denen er ein eigenes Kapitel widmet, rechnen bei Brendel nur Bach, Beethoven, Brahms, Chopin, Mozart, Scarlatti, Schubert und Schumann. Jüngere wie Schönberg oder Debussy bleiben außen vor. Aber er habe, bekennt er, Schönbergs Klavierkonzert immerhin auf fünf Kontinenten gespielt, und zwar achtundsechzig Mal.
Eleonore Büning
Alfred Brendel: „A bis Z eines Pianisten“. Ein Lesebuch für Klavierliebende. Mit Zeichnungen von Gottfried Wiegand. Carl Hanser Verlag, München 2012. 140 S., geb., 12,90 Euro.