Iver Neumann erklärt die diplomatische Existenz, Uwe C. Steiner erzählt die Geschichte des Tinnitus und der 300. Geburtstag Jean-Jacques Rousseaus schlägt sich auch in Büchern nieder. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.
Der norwegische Diplomat, Journalist und Ethnologe Iver B. Neumann gehört zu jener Spezies berufstätiger Schriftsteller, die neben ihrem professionell-karrieretechnischen zugleich ein sozialwissenschaftliches Interesse für ihr Tätigkeitsgebiet an den Tag legen. Dass die Lebenswelt von Diplomaten fast nie zum Gegenstand teilnehmender Beobachtung geworden ist, verwundert. Denn sie ist neben Krieg und Handel das wichtigste Medium einer Kommunikation zwischen Staaten, Kulturen und Gesellschaften, auch heute noch und trotz des Bedeutungsverlusts, den Diplomatie in der globalisierten und digital vernetzten Weltgesellschaft hinnehmen muss.
Vielleicht erklärt sich die Vernachlässigung diplomatischer Arbeits- und Lebensverhältnisse durch die Ethnologie - eine Disziplin, vor deren Wissensdrang sich sonst weder innerstädtische Peepshows noch kaukasische Hirtendörfer sicher fühlen dürfen - aus dem eigentümlich lichtschluckenden Charakter der Wissensproduktion, die aus Außenministerien, Botschaften und Konsulaten nach außen dringt. Denn das Ideal der sichtbaren diplomatischen Texte ist nicht Originalität, Verständlichkeit, Brillanz oder Neuigkeitswert, sondern der interdepartmentale Konsens. Ein Diplomat, dessen Schriften vor seiner Pensionierung öffentliches Aufsehen erregen, hat keinen guten Job gemacht.
Zwei Dichotomien in der Lebenswelt
Der Ethnologe Neumann hat seinen Gegenstand von der Pike auf professionell kennengelernt, zuerst als Übersetzer und Dolmetscher an der norwegischen Botschaft in Moskau, dann in Vorläuferorganisationen des europäischen diplomatischen Dienstes und als Planungsbeamter und Berater für Europa-Fragen im norwegischen Außenministerium, während er zugleich damit beauftragt war, archivalische Vorarbeiten für eine Geschichte der norwegischen Außenpolitik zu verfolgen. Diese historische Monographie haben Neumann und sein Mitautor Harvard Leira 2005 vorgelegt. „At Home with the Diplomats“, sein Sittenbild des diplomatischen Berufs, ist noch nicht ins Deutsche übersetzt. Es stützt sich auf die während dieser anderthalb Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen und Beobachtungen.
Die diplomatische Lebenswelt, lernen wir, ist beherrscht von zwei Dichotomien, einer räumlichen und einer arbeitstechnischen. Die Arbeit des Diplomaten, seine spezifische Form der Wissensproduktion, besteht einerseits in ritualisierten, aus der Lebenswelt der klassischen Aristokratie überkommenen, oft alkohol- und luxusgastronomiegestützten Gesprächen mit der Elite seines Gastlandes. Andererseits besteht sie in der Produktion von Texten, in denen der Diplomat erstens inoffiziell über diese Gespräche an die heimischen Außenämter berichtet und zweitens die Öffentlichkeit durch den Mund des Ministers offiziell über die Außenpolitik seines Landes informiert.
Das Spezifische diplomatischer Wissensproduktion und der eigentliche Grund für die kostspielige Existenz dieses Berufsstands besteht darin, dass nur durch ihn und sein eigentümlich historisch anmutendes Biotop (das Leben in Salon, Residenz, Empfang und Luxusrestaurant) der Diplomat Zugang erhält zu seinem Forschungsgegenstand. Neumann bestimmt ihn scharfsinnig als die Gedankenwelt, die Gefühle, habituellen Zuschnitte und aktuellen Stimmungen der Entscheider im Gastland. Niemand sonst, weder Journalisten noch Wissenschaftler, weder Goethe-Instituts-Direktoren noch Entwicklungshelfer, weder Rucksacktouristen noch Spione, können Außenpolitikern zu Hause kompetent darüber berichten, wie die Eliten in den Vereinigten Staaten von Amerika, Gabun oder Aserbeidschan zu einem gegebenen Zeitpunkt denken und fühlen.
Dass dieses Wissen für politische Entscheidungen ausschlaggebend ist, liegt auf der Hand. Wie explosiv und folgenreich es sein kann, wurde dem Publikum durch die Indiskretionen von „Wikileaks“ jüngst eindrucksvoll vor Augen geführt. Durch kein anderes Arrangement als in der postaristokratischen Lebenswelt der Diplomatie sind diese exklusiven Informationen zu gewinnen. Der Witz besteht darin, dass diese interessanten diplomatischen Texte gerade nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, sondern allein für Auge und Ohr des außenministeriellen Machthabers.
Für den individuellen Diplomaten dauert die ausländisch-adlige Herrlichkeit, in deren Genuss er jenes glamourös-klandestine Wissen erwirbt, allerdings meist nur drei Jahre. Dann wartet auf die meisten Diplomaten ein von vornherein beruflich einkalkulierter Sturz zurück zur Erde. Hier befindet sich die Sollbruchstelle der diplomatischen Existenz. In der periodischen Versetzung ins ministerielle Mutterhaus tritt deren geschichtlicher Doppelcharakter hervor. Die heimische Bürokratie des Außenamts nämlich leitet sich historisch nicht, wie die diplomatische Auslandsresidenz vom Palais des aristokratischen Gesandten her, sondern von der bürgerlichen Schreibstube des höfisch-einheimischen Königsberaters, Kanzleibeamten und Kameralisten. Das ist, wie Neumann in historischen Exkursen nachweist, der zweite Berufsstand der frühen Neuzeit, der zu einem Element und Ursprung der diplomatischen Lebenswelt geworden ist. Hier ist das Leben weniger glanzvoll, und die Auslandszulage fällt weg. Die elektronische Stechuhr regiert den Tagesablauf, nicht die Speisenfolge des Galadiners.
In einem Kapitel, das zu den klassischen Texten der Ethnologie zu gehören verdient und durch die methodisch geforderte Scheinnaivität des teilnehmenden Beobachters außerdem von hoher Komik ist, beschreibt Neumann, was passiert, wenn man in eine der ministeriellen Reden, die in Außenämtern unentwegt erstellt werden müssen, etwas Originelles oder gar Unerwartetes hineinschreiben möchte. Machen wir es kurz: Es geht nicht. Und das Bemühen um stilistischen Glanz, brillante Argumentation, überraschende Einsichten, das in jedem anderen Zusammenhang löblich wäre, wird von der Ministerialbürokratie - deren institutionelle Einheit zu einem großen Teil durch das Erstellen von Reden hergestellt wird, in denen nichts Neues, Originelles oder Interessantes steht - mit jener Mischung aus Unverständnis, Genervtheit (fast ist es eine Art Ekel) und schließlich Sanktionierung quittiert, die anzeigt, dass die „Gouvernementalität“ (Foucault) einer Institution, ihr ungeschriebenes Grundgesetz, verletzt worden ist. Ministerielles Redenschreiben ist keine Übung traditioneller Rhetorik, es ist „zuallererst eine Frage der ministeriellen Identitätserzeugung“.
Die beiden Modi der diplomatischen Existenzform verwirklichen zwei unterschiedliche Erzählweisen von Lebenssinn: das Heldenepos gelungenen diplomatischen Überwinder-, Gestalter- und Schlichtertums und die Heiligenlegende von alltäglicher Bewährung in rechtschaffener Anonymität. Charles Taylor hat die ständige Verhandlung zwischen Heroentum und Bescheidenheit in seinem Buch über die „Quellen des Selbst“ als das Perpetuum mobile im Herzen der neuzeitlichen Identitätsbildung identifiziert. Indem der Lebenswandel der Diplomaten darin besteht, zwischen Ausland und Inland, zwischen der heroisch-glamourösen und der bürokratisch-alltäglichen Lebenserzählung einen tätig-lebenspraktischen Kompromiss auszuhandeln, wächst ihrem Berufsstand exemplarische Funktion und paradigmatische Würde zu.
Zwischen Heimatland und Welt
Irgendwie, das ist die Pointe von Neumanns Buch, sind wir inzwischen eigentlich alle Diplomaten. „Vielleicht ist spätestens mit der Ausbreitung des Designerkapitalismus eine Art Diplomatisierung Teil des Berufslebens überhaupt geworden. Wenn das so ist, dann genau deshalb, weil der Gegenstand der Diplomatie so unbestimmt ist. Ein kosmopolitischer Habitus, den wir traditionell mit dem Diplomaten verbinden - allseitig zugänglich, ständig bereit, immer verhandlungsfähig, konziliant gegenüber jedermann -, breitet sich in postindustriellen Gesellschaften über immer neue Sphären des gesellschaftlichen Lebens aus.“
So steht der Diplomat nicht nur zwischen seinem Heimatland und der Welt, sondern auch zwischen den Zeiten: mit einem Bein in einem künstlich rekonstruierten Analogon der alteuropäischen Adelswelt, mit dem anderen im neuzeitlichen Büro. Dass er aus dessen ehernem Gehäuse periodisch in die große Welt aufbricht, bezahlt er mit der periodischen Erniedrigung zu einem Angestellten wie du und ich. Aufregendes diplomatisches Geheimwissen und langweiliger außenpolitischer common sense sind die widersprüchlichen Pole seiner spezifischen Wissensproduktion. Der Diplomat ist eine Leitfigur der vollends globalisierten Welt.
Am Schluss scheint der Autor, erfüllt von der Beispielhaftigkeit seines Berufs, bereits als politischer Theologe zu sprechen: „Wir leben in einer entfremdeten Welt. Insofern Diplomaten mit dieser Entfremdung erfolgreich umgehen, ist ihr Berufsstand ein erfolgreiches Beispiel dafür, wie man die Bedingungen der menschlichen Existenz verbessern kann.“ Auch wenn man die feierliche, beinahe christologische Wendung nicht nachvollziehen will, kann man sich durch Neumanns Untersuchung sehr komisch und verblüffend belehren lassen über einen seltsamen und weitgehend unbekannten Beruf.
Stephan Wackwitz