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F.A.Z.-Sachbücher der Woche Das Unmögliche ist immer möglich

 ·  Neue Bücher von Ragnar Kvam, Jan-Heiner Tück, Taner Akçam und Stefan Kroll.

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© F.A.Z.

Thor Heyerdahl kam mit Totenschädeln nach Berlin, China hat eine ganz eigene Interpretation des Völkerrechts, und ein Sammelband widmet sich dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Man muss schon an den edlen Wilden glauben, bevor man sich auf die Suche nach dem Rückweg ins Paradies macht. Und recht naiv sein, um sich auf Abmachungen mit Hitlers Rassenideologen einzulassen. Und äußerst ambitioniert, um sich als Nichtschwimmer drei Monate lang auf einem Floß im Pazifik treiben zu lassen - einer umzutopfenden Kokusnuss zuliebe. Aber sei’s drum, Thor Heyerdahl hat es kurz vor und nach dem Weltkrieg mit zeitreisehaften Expeditionen zu „Forscherruhm“ gebracht, und auch wenn die Meinungen darüber auseinandergehen, ob der schöne Norweger dem egozentrischen Abenteurer näher war als dem brillianten Wissenschaftler - Zauberworte wie „Fatuhiva“ und „Kon-Tiki“ führte eine ganze Generation auf den Lippen. Als werde mit ihnen alles wieder gut.

Umso aufregender ist es, dass die 2005 erschienene Heyerdahl-Biographie von Ragnar Kvam nun auch in deutscher Sprache vorliegt. Zwar wurde sie gekürzt, so dass uns der ältere, mit Papyrusbooten über den Atlantik oder im Schilfboot Richtung Rotes Meer schippernde „Action-Anthropologe“ und einige amouröse Details fehlen, die für Gesprächsstoff sorgten.

Vom Paradies desillusioniert

Doch das Buch hat seinen Charme, es ist flott geschrieben, es spült die Leser mit jedem neuen Kapitel in eine andere exotische Kulisse: nach Norwegen, in die Südsee, nach British Columbia, Colorado, New York und Peru. Und vor allem erstarrt Kvam vor dem Nationaldenkmal Heyerdahl, vor einem Mann also, der immer darauf gehofft haben muss, dass man seinen Namen in einem Atemzug mit Roald Amundsen und Fridtjof Nansen nennen wird - beim Tod der beiden Polarforscher, 1928 und 1930, war er ein Jugendlicher - nicht vollends in Ehrfurcht.

Der Abenteurer, dessen „Kon-Tiki“-Expedition Norwegen 1947 einen Teil des in der Okkupationszeit verlorenen Selbstwertgefühls zurückgab, mag den bis heute anhaltenden Heldenrummel ebenso verdient haben wie der jahrzehntelang um fachliche Anerkennung seiner Thesen ringende Wissenschaftler.

Doch der von den Zuständen im Paradies desillusionierte, mit seinem ersten Experiment gescheiterte Student, der die auf „Fatuhiva“ stibitzten Totenschädel im Februar 1938 zu Hans F. Günther nach Berlin brachte, „zu einer charakterfesten Rasse“, die man nicht mit „Franzosen, Spaniern und Polynesiern“ vergleichen könne, wirft durchaus Fragen auf, denen man sich nach der Lektüre der zugehörigen Seiten bei Kvam noch einmal widmen sollte - völlig unabhängig davon, dass Heyerdahl später in norwegischer Uniform die befreite Finnmark erkundete. Und trotz der vielsagenden, gleich nach der Buchveröffentlichung in Norwegen um eine Entschärfung der eigenen Hinweise bemühten Beteuerung Kvams, man dürfe das alles nicht überbewerten.

Jung, naiv und pleite?

Denn Heyerdahl wusste, wer „Rasse-Günther“ war. Er traf ihn offenbar schon einmal bei einem Museumsbesuch, kurz nach dem „Reichsparteitag der Freiheit“ 1935, auf dem die „Nürnberger Rassegesetze“ verkündet wurden. Und in einem Brief an die Mutter beschrieb er ihn 1938 als „einen der führenden Männer des neuen Reiches, er kann uns helfen, er hat uns gebeten, ihm Schädel zu beschaffen, die seine Spezialität sind“. Reicht es da aus, auf Heyerdahls Hoffnung zu verweisen, dank des prominenten Kontaktes weitere Mitbringsel versilbern zu können, auf sein Desinteresse an Politik und die entfernte Bekanntschaft seiner Freundin mit Günthers Gattin, einer Norwegerin? Er war jung, naiv und brauchte das Geld?

Kvam fragt sich das selbst. Doch als Antwort säuselt er bloß, Heyerdahls „mangelnde kritische Haltung gegenüber Günther und seinem Treiben könnte sich auch dadurch erklären, dass er im Februar 1938 tatsächlich schätzte, was er an deutscher Mentalität erleben durfte“.

Hier hätte er wirklich mehr über das rassistische Denken der Zeit sagen müssen, über die Verbindungen zwischen der deutschen und der skandinavischen Rassenforschung. Und mehr über den Stand der deutsch-norwegischen Dinge. Denn selbst wenn den jungen Zoologie-Studenten 1935 nur das Völkerkundemuseum und die väterliche Verbundenheit mit Deutschland nach Berlin getrieben haben sollten (Heyerdahl senior, der ihn begleitete, hatte das Brauerei-Handwerk in Worms gelernt und in Potsdam seine erste Frau geheiratet), erinnern das Mitbringsel für Günther und der opportunistische Besuch 1938 doch an die Unbekümmertheit, dank deren sich viele Skandinavier mit Hitlerdeutschland zu arrangieren vermochten - trotz der Konzentrationslager für Oppositionelle, der Morde vom Juni 1934, der rassistischen Hetze und systematischen Entrechtung.

Kratzer im Heldenlack

Immerhin: Die Episode wird nicht verschwiegen. Und auch der Familienvater, dessen fixer Idee von der Völkerwanderung zur See sich alles unterzuordnen hat, der Ehemann, der seine Frau mit einer Jüngeren austauscht, als sie ihm nicht mehr so schwärmerisch und folgsam den Rücken deckt wie während der als Hochzeitsreise vermarkteten Zivilisationsflucht 1937, gerät Kvam bei allem Verständnis für die Gezeitenwechsel des Daseins nicht zum Sympathieträger. Liv war ihrem Mann zu selbstbewusst geworden. Und zu Selbstinszenierungen auf Kommando war sie nach dem Krieg auch nicht mehr bereit.

Die stille Botschaft des Bandes bleibt trotz dieser Kratzer im Heldenlack erkennbar, das versteht sich: Das Unmögliche ist immer möglich, rufen Abenteurergeschichten wie diese - was immer die Herren Gelehrten am Schreibtisch auch für wahr und richtig halten sollten. Insofern dürften sowohl die Biographie wie der pathetische „Kon-Tiki“-Spielfilm, der demnächst in deutschen Kinos von einer Handvoll mutiger Flößer erzählen wird, die sich für 101 Tage in ein Haifischbecken warfen, eine etwas unheimliche Sehnsucht der Zeit bedienen. Gesucht wird: ein Eskapist, ein Charismatiker mit Visionen, medienkompatibel, zu allem entschlossen. Und dann: einfach mal treiben lassen.

Matthias Hannemann

Ragnar Kvam: „Heyerdahl“. Auf dem Floß zum Forscherruhm. Aus dem Norwegischen von Karl-Ludwig Wetzig. Mare Verlag, Hamburg 2012. 480 S., Abb., geb., 24,- Euro.
 

Quelle: F.A.Z.
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