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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Das Netz ist angreifbar

  • Aktualisiert am

Bild: Verlag

Mark Bowden beschreibt den Kampf gegen einen Computerwurm, Thierry Paquot erklärt den Mittagsschlaf zum Widerstandsakt und Christoph Goos erläutert den Begriff der Würde im ersten Artikel des Grundgesetzes. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Mark Bowden beschreibt den Kampf gegen einen Computerwurm, Thierry Paquot erklärt den Mittagsschlaf zum Widerstandsakt und Christoph Goos erläutert den Begriff der Würde im ersten Artikel des Grundgesetzes. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Fast jeder braucht heute ab und an Hilfe am Computer: Man bittet Freunde, Kollegen, Dienstleister, manchmal die eigenen Kinder um Ratschläge zur Benutzung oder um die Behebung eines aufgetretenen Problems. Computerexperten, die in solchen Fällen aushelfen, werden dann nicht selten um Auskunft zu technischen Fragen gebeten. Man möchte schließlich den Fehler in Zukunft vermeiden oder sich schlicht schlaumachen. Mark Bowden beschreibt in seinem Buch die häufig zu beobachtende Reaktion auf eine detaillierte Antwort: den „Blick“. Der um Auskunft Ersuchte schaut in eine verständnislose Miene, die mit jedem weiteren Satz zu einem großen Fragezeichen wird.

          Auch Bowden hat bei der Recherche zu seinem Buch seinen Gesprächspartnern zuweilen diesen „Blick“ geschenkt. Denn komplexe technische Zusammenhänge kennzeichnen die Computertechnologie, machen ihre Mechanismen und Funktionsweisen, oft auch schon die verwendeten Begriffe der Eingeweihten zu einem Buch mit sieben Siegeln.

          Jeder Wurm übernimmt eine Aufgabe

          Bowden tritt mit „Worm“ an, einige Geheimnisse zu lüften. Er beschreibt das Szenario einer einzigartigen Bedrohung durch hochentwickelte Software und das Entstehen der Pläne für die Gegenwehr. Der Leser erfährt, auf welche Weise das Internet von freiwilligen Aktivisten und professionellen Spezialisten - den „guten“ Hackern - kontrolliert und geschützt wird. Und Bowden offenbart die Angreifbarkeit des Netzes, dessen Offenheit zugleich seine Stärke und Schwäche ist, konzipiert noch in einer anderen Ära. Und er entfaltet die Geschichte einer Schadsoftware, die - anders als beim Medienliebling Stuxnet - noch nicht erzählt wurde.

          Im November 2008 fiel einem Forscher in Stanford ein neuer Computerwurm auf, der sich bereits anschickte, sich explosionsartig zu verbreiten und ein riesiges Botnetz aufzubauen. Ein solches Botnetz arbeitet als ein verteiltes System, in dem weltweit viele tausend infizierte Rechner ferngesteuert kleine Aufgaben übernehmen. Durch die Masse der daran beteiligten Rechner kann ein großes Botnetz ohne weiteres ganze Computernetzwerke in die Knie zwingen.

          Ein Berichterstatter für fremde Welten

          Der sogenannte Botmaster steuert all diese Computer, ohne dabei selbst nennenswerte Ressourcen zu benötigen. Die Geschichte Bowdens erzählt den Kampf um das Einzäunen des entstehenden Botnetzes, von der Gegenwehr des Schöpfers, vom Hase-und-Igel-Spiel, das sich entfaltet. Das auf den Botmaster ausgesetzte Kopfgeld von 250 000 Dollar und die etwa 4,5 Millionen infizierten Maschinen, die noch heute - mehr als drei Jahre später - digital verwurmt sind, zeigen die Dimension der Bedrohung. Das Ziel, den steuernden Kopf des Botnetzes abzuschneiden, erweist sich als Kampf gegen eine Hydra, der jeden Tag genau 250 neue Köpfe wachsen.

          Die neuartigen Methoden des Computerwurms, der den Namen „Conficker“ erhielt, und seine besondere epidemische Natur führten zur Gründung einer internationalen Abwehr-Arbeitsgruppe - offiziell „Conficker Working Group“, inoffiziell „Kabale“ genannt -, deren Vorgehen Bowden in seinem Buch zu einem technologischen Krimi verarbeitet. Der sonst im Krimi gesuchte Übeltäter mitsamt seinen Motiven ist hier der Botmaster mit seinem Kommando-Computer.

          Mark Bowden ist seit vielen Jahren Journalist und Autor, heute Korrespondent für „The Atlantic“. Er ist ein Berichterstatter, der gern in Welten recherchiert, die er noch nicht kennt. International bekannt wurde er als Autor von „Black Hawk Down“, dessen Verfilmung von Ridley Scott Kinoerfolge feierte. Er macht sich wie ein gründlicher Pathologe an die Sektion des Computer-Schadprogramms, erklärt die dahinterliegenden Prinzipien der „Interconnected Networks“, die wir Internet nennen.

          Ein intellektueller Kampf

          Bereits 1981 wurde der erste Computerwurm geschrieben und freigelassen. In der Entstehungsgeschichte des Netzes liegen die Eigenheiten begründet, die Programmierer von Schadsoftware heute ausnutzen und die Bowden in die Beschreibung der Conficker-Analyse einflicht. Vor allem aber zeigt er seltene Einblicke in die Arbeit der Menschen, die mit der Sisyphos-Arbeit der Abwehr solcher wirkmächtigen Schadprogramme befasst sind. Sie kennen den „Blick“, den sie immer wieder ernten, wenn sie auf die Gefahren von Schadprogrammen hinweisen. Schon die Vorstellung, ein Botnetz könne so riesig werden, dass es das Internet an sich bedroht, scheint vielen unvorstellbar. Auch dem politischen Establishment in Washington, das um Zusammenarbeit ersucht wird und dessen Ahnungslosigkeit, Versagen und Hybris Bowden ziemlich schonungslos offenlegt.

          Bowden beschreibt, wie die Analysten versuchen, sich in den Kopf des Schöpfers der „Conficker“-Software hineinzuversetzen, seine Schritte nachzuvollziehen und seine Ziele zu prognostizieren, noch während der Angriff läuft. Es ist ein intellektueller Kampf, dessen Sieger bis zum Ende nicht feststeht.

          CONSTANZE KURZ

          Mark Bowden: „Worm“. Dererste digitale Weltkrieg. Aus dem Amerikanischen von Thomas Pfeiffer. Berlin Verlag, Berlin 2012. 320 S.,geb., 19,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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