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F.A.Z.-Sachbücher der Woche Botschaft voller Herrlichkeit

 ·  Neue Bücher von Papst Benedikt XVI., Richard von Schirach, Maria-Sybilla Lotter, Alain Silver & James Ursini sowie Sean Howe.

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Papst Benedikt XVI. beschließt seine Jesus-Trilogie, Maria-Sybilla Lotter sondiert Konzepte von Verantwortung und Richard von Schirach beschäftigt sich noch einmal mit Physikern im Nationalsozialismus. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

Sachbuch der Woche: „Jesus von Nazareth“

Die vier Evangelien des Neuen Testaments berichten von Leben und Werk Jesu in zum Teil recht unterschiedlicher Weise. Während jedes der Evangelien Jesu Lebensweg samt Verurteilung und Tod am Kreuz ausführlich und ganz ähnlich schildert, lässt die Erzählung von seinen Anfängen keine einheitliche Überlieferung erkennen. Von Geburt und Kindheit Jesu handeln nur Lukas und Matthäus, während Markus und Johannes - wie auch die übrigen Schriften der Bibel - davon keine Kunde haben oder solcher Kunde keine Bedeutung beimessen.

Aus Krippenspielen, gottesdienstlicher Lesung und künstlerischer Darstellung haben sich einige der Szenen unserem kulturellen Gedächtnis tief eingeprägt: Die Verkündigung des Engels an Maria, die Geburt Jesu in einem Stall in Bethlehem, die Hirten auf dem Feld und die Disputation des zwölfjährigen Wunderknaben mit jüdischen Gelehrten im Tempel von Jerusalem - all das berichtet Lukas. Davon abweichend erzählt Matthäus von einer im Traum ergangenen Engelsbotschaft nicht an Maria, sondern an Josef.

Auch weitere matthäische Szenen finden sich nicht bei Lukas: Sterndeuter oder Magier - nach der nichtbiblischen Legende: Kaspar, Melchior und Balthasar - sprechen bei König Herodes vor, der von einem neugeborenen König der Juden nichts weiß; die Magier besuchen das neugeborene Kind in Bethlehem, erstatten davon aber dem König nicht den verlangten Bericht. Nun lässt Herodes alle jungen Knaben Bethlehems töten. Der Jesusknabe entkommt, da sich seine Eltern dem Massaker durch Flucht nach Ägypten entziehen.

Schwerpunkt ist die theologische Botschaft

Als Joseph Ratzinger in den Jahren 2007 und 2011 ein zweibändiges Werk mit Meditationen über Jesu Lebensweg „von der Taufe im Jordan bis zur Auferstehung“ vorlegte, ergab sich die Frage, ob der Autor auch noch etwas über die Vorgeschichte Jesu bei Matthäus und Lukas schreiben werde. Das hat er nun in einem schmalen Bändchen getan. Obwohl es als dritter Teil erscheint, bildet es nach dem Willen des Verfassers den Prolog zu den vorausgegangenen Büchern.

Kaum überraschend wählt Ratzinger die theologische Botschaft der biblischen Erzählungen zum Schwerpunkt seiner Darstellung. Hier ist der Autor in seinem Element, und hier kann er aus einer reichen exegetischen Literatur schöpfen, die in fast jedem Wort und jedem Zug der biblischen Erzählung sinnreiche Anspielungen entdeckt. Der matthäische Stammbaum weist dreimal vierzehn Generationen auf; die Zahl 14 aber entspricht der Summe der drei Buchstaben, mit denen das Wort „David“ im Hebräischen geschrieben wird: d - w - d = 4 - 6 - 4. So ist der Name David dem Stammbaum Jesus gleichsam eingeschrieben - und Jesus ist als Sohn Davids Träger jener alten prophetischen Verheißung, die Davids Thron ewigen Bestand zusichert.

Mit sichtlichem Vergnügen

Der Gruß an Maria, den Lukas dem Engel in den Mund legt, lautet „chaire“, was „freue dich“ bedeutet. Auch hier lässt sich ein alttestamentliches Echo ausmachen, ein Wort des Propheten Zefanja: „Freue dich, Tochter Zion. Jauchze, Israel! Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte!“ Mit sichtlichem Vergnügen spürt der Autor solchen Beziehungen innerhalb der Bibel nach. Jede Einzelheit ist „theologisch bedacht und gedeutet“, um das Geheimnis Jesu verständlich zu machen.

Die christliche Überlieferung hat am Teppich sinnreicher Anspielungen weitergewoben. Entgegen einer populären Meinung sind Ochs und Esel nicht an der Krippe Jesu gewesen. Die entsprechende Überlieferung ist weder bei Matthäus noch bei Lukas zu finden; sie entspringt nachbiblischer schriftgelehrter Meditation. Indes ermangelt ihr nicht ein tiefer Sinn: Die Tiere stehen für die an sich einsichtslose Menschheit, die vor dem Krippenkind zur Erkenntnis kommt. Die Hirten, welche nach Lukas die Botschaft von der Geburt Jesu erhalten, konnten nur dem gesprochenen Wort - genauer: der Akklamation - der Engel lauschen, nicht einem Gesang. Erst die Kirche singt in ihrer Liturgie das „Ehre sei Gott in der Höhe“ - der Papst schreibt, seiner Vorliebe für das Wort Herrlichkeit nachgebend: „Herrlichkeit Gott in der Höhe“.

Die Geschichtlichkeit der Jungfrauengeburt

Und wie steht es mit der historischen Grundlage der biblischen Erzählungen von Empfängnis, Geburt und Kindheit Jesu? Während Ratzinger den symbolisch-theologischen Charakter der Stammbäume Jesu betont und für sie keinen historischen Quellenwert reklamiert, findet er wenig Gefallen an den Aussagen historisch-kritisch argumentierender Exegeten. Diese verlegen die Geburt Jesu vom Bethlehem der biblischen Erzählung nach Nazareth. Eine solche Sicht scheint dem Autor schlecht begründet; er möchte an Bethlehem als dem historischen Geburtsort Jesu festhalten. Der bethlehemitischen Ortsüberlieferung, auf die auch die spätantike und heutige Geburtskirche zurückgehe, eigne „ein beträchtliches Maß an Glaubwürdigkeit“. Dasselbe gelte auch für den Besuch der Magier oder Sterndeuter aus dem Osten, die dem Jesusknaben in Bethlehem huldigten.

Doch so wenig ihm an Stammbaum, Geburtsort und Magierbesuch Jesu liegt, so viel liegt dem Autor an der Geburt Jesu von einer Jungfrau. Darf man die göttliche Zeugung der Pharaonen zum Vergleich heranziehen, wie es vielfach geschieht? Oder die Verbindung von Zeus und Alkmene, aus der Herakles entstammen soll? Solche Parallelen überzeugen Benedikt XVI. nicht. Er will bei der Geschichtlichkeit der Jungfrauengeburt bleiben. Die entsprechende Erzählung stamme aus der Überlieferung der Familie Jesu. Lange als Geheimnis innerhalb dieser Familie bewahrt, sei sie erst nach Marias Tod bekanntgeworden und in die öffentliche Überlieferung der werdenden Kirche eingegangen. Nur unter Voraussetzung dieser Annahme - so möchte man den Gedankengang des Autors wiedergeben - kann das katholische Dogma von der Geburt Jesu von einer Jungfrau aufrechterhalten werden.

Wider die Mehrheit heutiger Exegeten

Mit seinem Beharren auf einem hohen Maß an historischer Zuverlässigkeit der matthäischen und der lukanischen Erzählung stellt sich der Autor auf die Seite einer Minderheit heutiger Kommentatoren und Theologen. Der Mehrzahl heutiger Exegeten gelten Lukas 1-2 und Matthäus 1-2 als fromme Legenden, die sich in der zweiten oder dritten christlichen Generation um die Anfänge Jesu zu ranken begannen. Den Erzählungen gehe jedes historische Fundament ab. Bedeutende katholische Neutestamentler wie Raymond Brown und Josef Vögtle haben sich in der Sache zwar vorsichtig ausgedrückt, doch schien ihnen der rein literarische und legendäre Charakter der biblischen Erzählung unbestreitbar.

Zumindest in den sechziger Jahren hat eine solche Sicht auch den Autor selbst nicht beunruhigt: „Die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum“ - so Joseph Ratzinger in seiner „Einführung in das Christentum“ (1968).

Weil dieser Satz in dem hier vorgestellten Buch fehlt und - wie man vermutet - auch nicht stehen soll, liest sich das neue Buch des Papstes wie eine Revision seiner „Einführung“. So werden nicht alle Leser eine ungeschmälerte Freude an der inhaltsreichen und elegant formulierten Schrift haben.

Bernhard Lang

Joseph Ratzinger - Benedikt XVI.: „Jesus von Nazareth“. Prolog. Die Kindheitsgeschichten. Verlag Herder, Freiburg 2012. 172 S., geb., 20,- Euro.

Quelle: F.A.Z.
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