Christina von Braun erzählt vom Preis des Geldes, ein amerikanischer Ökonom geht auf die Occupy-Bewegung zu und zwei Bücher beschäftigen sich mit München 1972. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.
Anfang Juni bildeten sich vor den griechischen Bankautomaten lange Schlangen besorgter Bürger: Nach einer unentschiedenen Parlamentswahl sollte es Neuwahlen geben. Ihr Ausgang würde über das Schicksal des Landes entscheiden - Euro oder Drachme, Stabilität um den Preis der Souveränität oder Selbstbestimmung um den Preis sämtlicher Sicherheiten. Aus Angst, dass das zweite Szenario Wirklichkeit werden könnte, holten die Leute ihr Geld von der Bank und versteckten es unter Matratzen, hinter Kleiderschränken und in Blumentöpfen.
Die Ausgangssituation wie auch die Reaktionen der griechischen Bankkunden bestätigen die zentrale These, die Christina von Braun in ihrer eben erschienenen Kulturgeschichte des Geldes vertritt. Geld ist eine abstrakte Größe, sein „Realwert“ somit eine Illusion. Die Existenzgrundlage der modernen Geldwirtschaft ist schlicht der Glaube ans Geld. Entgegen einer weitverbreiteten Ansicht speist sich dieser Glaube aber nicht aus sich selbst, sondern ist für seine Überzeugungskraft auf eine letzte Deckung angewiesen: das menschliche Leben. Einerseits bietet die auf Geld basierende Wirtschaftsordnung unserer Gesellschaft so enorme Chancen, ihren Wohlstand zu vermehren, und ist erst die Voraussetzung für die vielfältigen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten, die ihren Bürgern mittlerweile offenstehen. Andererseits zahlen wir dafür jedoch den Preis ewiger Unsicherheit. Sobald das Geld in eine Krise gerät, fühlen wir die Folgen ganz konkret: durch Arbeitslosigkeit, Armut, die Zerschlagung von Lebensträumen. Weil die Funktion des Geldes auf Illusion und Irrationalität beruht, sind Krisen jedoch nur schwer vorhersehbar - die Beglaubigung des Geldes durch das menschliche Leben funktioniert nur retrospektiv. Die Vorstellung, dass es zu einer Situation kommen könnte, in der keiner mehr ans Geld glaubt, löst deswegen enorme Ängste aus. Genau daraus speist sich seine Fähigkeit, das menschliche Leben gleichermaßen möglich zu machen und in seinen Dienst zu stellen.
Männliche Agenten des Geldes
Zu diesem Schluss kommt von Braun auf der Grundlage einer Tour de Force durch die Kulturgeschichte des Geldes, die eine Vielzahl herkömmlicher Beglaubigungsformen des Geldes als Illusion entlarvt. Während die Deckung des Geldes durch materielle Werte wie Gold oder andere Edelmetalle nur so lange funktionierte, wie diese mit theologischem Symbolwert aufgeladen waren, bot die Deckung durch staatliche Autoritäten statt Verlässlichkeit vielfältige Gelegenheiten zu Betrug und Schummelei. Stattdessen identifiziert von Braun das symbolische Opfer als die einzig überzeugende Deckung des Geldes, wodurch frappierende Ähnlichkeiten zwischen der christlichen Heilsbotschaft und dem Versprechen des Geldes deutlich werden. „Die Finanzwirtschaft“, so von Braun, „steht keinem ,Fachgebiet’ so nahe wie der Theologie.“
Diesen Schluss verdeutlicht die Autorin anhand der Ursprungsgeschichte des Geldes, wobei sie Narrative aus Psychoanalyse, Philosophie und Soziologie mit Einsichten aus Wirtschafts-, Kultur- und Geschichtswissenschaft zu einem erhellenden intellektuellen Panorama verbindet. Sie erläutert einleuchtend, wie das symbolische Opfer der männlichen Fruchtbarkeit in der Antike die abstrakte Fruchtbarkeit des Geldes, also seine Vermehrung, ermöglichte, wodurch Männer zu „Agenten“ des Geldes und das Geld männlich besetzt wurde. Dieses symbolische Opfer findet sich in der modernen Finanzwelt ganz konkret wieder: Finanzschwache Amerikaner bezahlten in der Subprime-Krise für den allgemeinen Verlust des Vertrauens ins Geld mit dem Verlust von Hab und Gut und Zukunftsperspektiven. Fondsmanager, Investmentbanker und andere moderne Agenten des Geldes hingegen opfern ihre Zeit und ihre Entscheidungsfreiheit für den Dienst am Geld und werden dafür mit seinem Besitz entschädigt. Es ist fraglich, ob dieser Umstand tatsächlich die exorbitanten Gehälter und den geringen Frauenanteil in der Finanzbranche erklärt, wie von Braun meint. Interessant ist der Ansatz jedoch allemal.
Produkte des Kapitalismus
Einleuchtender muten die Parallelen an, welche die Autorin zwischen Theologie und Ökonomie zieht. Wenn die Grundlage der Geldwirtschaft der Glaube ist, so wird wie im Christentum der Zweifel zum größten Frevel. Nicht umsonst begründen Politiker und Ökonomen ihre Entscheidungen und Handlungsempfehlungen zunehmend mit der Angst vor einer negativen Reaktion der Märkte. Die Märkte repräsentieren die alltägliche Macht des Geldes, Zweifel an der Gültigkeit ihrer „Entscheidungen“ führen möglicherweise in die nächste Katastrophe.
Anders als etwa der Berliner Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, der dem Geld vor zwei Jahren in seiner Polemik „Das Gespenst des Kapitals“ diese Nähe zur Theologie zum Vorwurf machte, findet von Braun den Umstand an sich nicht problematisch, soweit wir uns die damit einhergehenden Dynamiken bewusstmachen, eröffnet das Geld doch gerade dank seines abstrakten Charakters neue Perspektiven und Möglichkeiten zur zivilisatorischen Entfaltung. So betrachtet von Braun die modernen Intellektuellen ebenso als ein Produkt des Kapitalismus wie den Feminismus und andere emanzipatorische Bewegungen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts.
Die charakterliche Ambivalenz des Geldes
Der Kapitalismus denkt nicht; er ist für die Erzeugung seines „Geistes“ auf seine Kritiker angewiesen. Die finden ihr Auskommen wiederum nur darin, dass das System, das sie kritisieren, weiterhin besteht, um nicht in den Status ihrer Vorgänger zurückzufallen, deren Leben an der Großzügigkeit der Machthabenden hing. Der Feminismus wiederum ist mit Schumpeter eine „ihrem ganzen Wesen nach kapitalistische Erscheinung“ - ein Resultat der Individualisierungstendenzen, die mit der industriellen Revolution aufkamen und traditionelle Gemeinschaftsstrukturen durch eine von Individuen dominierte Gesellschaft ersetzten.
In beiden Fällen zahlen die betroffenen Gruppen allerdings wiederum den „Preis“ des Geldes, denn die alte Abhängigkeit wird durch eine neue ersetzt: Intellektuelle wie Feministinnen unterliegen nun anstatt überkommenen Rollenbildern der Logik der Märkte. Von Brauns radikalere Kolleginnen dürften wohl argumentieren, dass dies zumindest im Fall des Feminismus nur weitere Abhängigkeiten geschaffen hat, während die alten ungehindert fortbestehen.
Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie diese charakterliche Ambivalenz des Geldes durch das gesamte Buch hindurch verfolgt. So erteilt sie im Schlusswort den Utopisten, die das Geld und damit seine Krisen abschaffen wollen, eine eindeutige Absage. Man kann Irrationalität nicht besiegen, aber man kann damit umgehen lernen.
Lena Schipper