Home
http://www.faz.net/-gr1-72cf3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Romane der Woche Wem gehört die Erinnerung?

 ·  Neue Bücher von Gaito Gasdanow, Jean Echenoz, Jessica Durlacher, Elizabeth Stoddard und Helle Helle.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© F.A.Z.

Gaito Gasdanow löst Begeisterung aus, Jean Echenoz verbeugt sich vor Nikola Tesla und Helle Helle empfindet einen Überdruss am Leben im Wohlfahrtsstaat. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

Wie soll man das nennen: Selbstbewusstsein? Dreistigkeit? Eine Sicherheit in Dingen, die einem sonst nur allzu rasch fragwürdig werden? Der namenlose Erzähler dieses Romans jedenfalls, ein einunddreißigjähriger Russe, der sich im Paris der zwanziger Jahre als Journalist durchschlägt, beginnt seinen Bericht mit einem Satz von großer Bestimmtheit, nur um ihn auf den folgenden, knapp zweihundert Seiten des Romans von allen Seiten zu spiegeln, zu wiegen und schließlich buchstäblich zu zerlegen, bis von dem gravitätischen Anfang nichts mehr übrig ist.

„Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe“, so lautet dieser Satz. Jene Urszene, an die sich die bis ins Detail klar umrissene Erinnerung knüpft, spielt sich im russischen Bürgerkrieg ab, an dem der damals Sechzehnjährige teilnimmt. Auf einem Waldweg stellt ihn ein Verfolger, erschießt sein Pferd und nähert sich dem scheinbar Wehrlosen. Als der Verfolger sein Gewehr hebt, gibt der Erzähler mit dem Revolver zwei Schüsse auf den Widersacher ab. Der andere fällt zu Boden. Als der Erzähler sich über den Sterbenden beugt, öffnet der noch einmal kurz die Augen. Der Erzähler flieht auf dem Pferd des Verfolgers und trägt von nun an die Erinnerung an diesen Tag mit sich. Bis ihm viele Jahre später das Buch eines englischen Autors namens Alexander Wolf in die Hände fällt, das unter drei Novellen auch eine enthält, die jenen Schusswechsel im Bürgerkrieg schildert. Allerdings aus umgekehrter Perspektive: Es ist der detailgetreue Bericht des damaligen Opfers.

Ein virtuoser Stilist

Die Suche nach Alexander Wolf gestaltet sich schwierig, der Erzähler betreibt sie auch nur halbherzig, und spätestens als er einen Exilrussen trifft, der im Bürgerkrieg mit Alexander Wolf befreundet war und behauptet, ihn nach dem Schusswechsel halbtot aufgelesen und gesund gepflegt zu haben, lässt er die Suche sein. Was bleibt nun von „dem einzigen Mord, den ich je begangen habe“? Was von der quälenden Erinnerung, der Schuld?

Gaito Gasdanow, der Autor von „Das Phantom des Alexander Wolf“, ist bei uns ein nahezu Unbekannter. In Russland erlebt das Werk des 1903 in St. Petersburg geborenen, 1971 in München gestorbenen Schriftstellers seit gut zwei Jahrzehnten eine Renaissance, und wenn jetzt bei Hanser „Das Phantom des Alexander Wolf“ als erstes längeres Werk von Gasdanow überhaupt in deutscher Übersetzung erscheint, könnte das eine ähnliche Entwicklung auch hier einleiten. Denn der beherrschende Eindruck bei und nach der Gasdanow-Lektüre ist das Staunen: Wie kommt es, dass dieser stupende Autor, dieser – jedenfalls in Rosemarie Tietzes Übersetzung – virtuose Stilist, dieser meisterlich komponierende Schriftsteller uns bisher vorenthalten geblieben ist?

Gasdanow, der wie sein Erzähler im russischen Bürgerkrieg kämpfte und im November 1920 nach Konstantinopel geflüchtet ist, holte dort und später in Bulgarien seinen Schulabschluss nach und ging 1923 nach Paris, wo er – einer von etwa 50000 russischen Flüchtlingen – Dampflokomotiven reinigte, Autos baute, kurz im Verlag Hachette arbeitete und vierzehn Jahre lang Taxi fuhr. Unter der deutschen Besatzung war er Mitglied der Résistance, nach dem Krieg beschäftigte ihn der Sender „Radio Liberty“, unter anderem in München. Er verfasste mit wechselndem Erfolg etwa fünfzig Erzählungen und neun Romane – „Das Phantom des Alexander Wolf“ erschien 1948.

Nichts ist ohne Bedeutung

Es ist ein Roman der Erinnerungen, denn was die einzelnen Protagonisten, die in Paris aufeinandertreffen, am meisten beschäftigt, ist die Deutung und Umdeutung des Geschehenen. Als der Erzähler einsieht, dass sein vermeintliches Opfer noch lebt, erschüttert das sein Selbstbild ebenso wie die Liebe zu der aparten Russin Jelena, während umgekehrt Alexander Wolf durch die Erfahrung der Todesnähe, so scheint es, alle Skrupel verliert. Er fasziniert alle, die ihm begegnen, geht ungerührt aus menschlichen Tragödien hervor, die er verschuldet hatte, und als der Erzähler einmal auf Wolfs Verleger trifft und ihm die Geschichte des lange zurückliegenden Schusswechsels erzählt, lässt sein Gegenüber durchblicken, dass eine Menge Leute froh wären, wenn der junge Mann damals besser gezielt hätte. Auch in diesem Licht schillert der erste Satz – der Mord, den der Erzähler als Schuld auf sich geladen zu haben glaubt, mag eher das moralische Empfinden in Alexander Wolf betreffen.

Jedes Erinnerungsfragment hängt mit den übrigen zusammen, nichts ist abgeschlossen, nichts ohne Bedeutung. Das Duell, das auf den ersten Seiten des Romans ein erstes Mal geschildert wird, irrlichtert weiter, bis es auf den letzten Seiten eine Fortsetzung und schließlich einen Abschluss erfährt. Der Zwiespalt, den der Erzähler in sich fühlt und der nur grob mit dem zwischen Physis und Psyche wiedergegeben werden kann, findet sich ähnlich in anderen Figuren und Konstellationen, hübsch angedeutet etwa in einem Boxkampf zwischen einem französischen, von seinen Instinkten geleiteten Boxer und dessen überlegten amerikanischen Gegner.

So elegant wie selten

Wo aber alles aus den Fugen gerät, was das eigene Leben strukturiert, wo sich Anfang und Ende eines Lebens in der rück- und vorausschauenden Betrachtung aufeinander zubewegen wie Lokomotiven auf benachbarten Gleisen, da wechseln auch die anfangs als unverrückbar scheinenden Grundbedingungen einer Existenz im Exil: Wenn die „Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe“ abdanken muss und mit ihr das Gefühl der Schuld, das die letzten fünfzehn Jahre, also das halbe Leben des Erzählers, geprägt hatte, dann entsteht da eine Leere. Und wenn die Erinnerung des Erzählers an Liebesaffären zutiefst verwoben ist mit dem Charakter der Vorläufigkeit, des Unverbindlichen, des jederzeit Aufhebbaren „ohne jede Erklärung und ohne die geringste Möglichkeit eines Neubeginns“, dann ändert sich nun auch dies

In einer schönen Szene nach dem ersten Treffen mit Jelena schildert der Erzähler, wie sich ihm der jetzt zu schreibende Zeitungsartikel mit der Erinnerung an Jelena vermischt, bis in einzelne Formulierungen hinein, die er entwirft, um sie in der nächsten Stunde niederschreiben zu können. Und als sich die Liebenden näherkommen, weiß der Erzähler auf einmal, „wobei jeder Irrtum völlig ausgeschlossen war“, dass ihn die Erinnerung an diesen Moment in seiner Todesstunde heimsuchen werde, ganz egal, was ihm bis dahin noch widerfahre.

Dass und wie sich jeder seine Erinnerungen formt, ist das Thema dieses Romans. Damit ist Gasdanow nicht allein, schon gar nicht unter seinen Zeitgenossen. Aber man hat selten so elegant, so tief und trotz allem so tröstlich davon gelesen wie bei ihm.

Von Tilman Spreckelsen

Gaito Gasdanow: „Das Phantom des Alexander Wolf“. Roman. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Hanser Verlag, München 2012. 192 S., geb., 17,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel