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F.A.Z.-Romane der Woche : Wem gehört die Erinnerung?

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Bild: F.A.Z.

Gaito Gasdanow löst Begeisterung aus, Jean Echenoz verbeugt sich vor Nikola Tesla, und Helle Helle empfindet einen Überdruss am Leben im Wohlfahrtsstaat. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Gaito Gasdanow löst Begeisterung aus, Jean Echenoz verbeugt sich vor Nikola Tesla und Helle Helle empfindet einen Überdruss am Leben im Wohlfahrtsstaat. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Wie soll man das nennen: Selbstbewusstsein? Dreistigkeit? Eine Sicherheit in Dingen, die einem sonst nur allzu rasch fragwürdig werden? Der namenlose Erzähler dieses Romans jedenfalls, ein einunddreißigjähriger Russe, der sich im Paris der zwanziger Jahre als Journalist durchschlägt, beginnt seinen Bericht mit einem Satz von großer Bestimmtheit, nur um ihn auf den folgenden, knapp zweihundert Seiten des Romans von allen Seiten zu spiegeln, zu wiegen und schließlich buchstäblich zu zerlegen, bis von dem gravitätischen Anfang nichts mehr übrig ist.

          „Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe“, so lautet dieser Satz. Jene Urszene, an die sich die bis ins Detail klar umrissene Erinnerung knüpft, spielt sich im russischen Bürgerkrieg ab, an dem der damals Sechzehnjährige teilnimmt. Auf einem Waldweg stellt ihn ein Verfolger, erschießt sein Pferd und nähert sich dem scheinbar Wehrlosen. Als der Verfolger sein Gewehr hebt, gibt der Erzähler mit dem Revolver zwei Schüsse auf den Widersacher ab. Der andere fällt zu Boden. Als der Erzähler sich über den Sterbenden beugt, öffnet der noch einmal kurz die Augen. Der Erzähler flieht auf dem Pferd des Verfolgers und trägt von nun an die Erinnerung an diesen Tag mit sich. Bis ihm viele Jahre später das Buch eines englischen Autors namens Alexander Wolf in die Hände fällt, das unter drei Novellen auch eine enthält, die jenen Schusswechsel im Bürgerkrieg schildert. Allerdings aus umgekehrter Perspektive: Es ist der detailgetreue Bericht des damaligen Opfers.

          Ein virtuoser Stilist

          Die Suche nach Alexander Wolf gestaltet sich schwierig, der Erzähler betreibt sie auch nur halbherzig, und spätestens als er einen Exilrussen trifft, der im Bürgerkrieg mit Alexander Wolf befreundet war und behauptet, ihn nach dem Schusswechsel halbtot aufgelesen und gesund gepflegt zu haben, lässt er die Suche sein. Was bleibt nun von „dem einzigen Mord, den ich je begangen habe“? Was von der quälenden Erinnerung, der Schuld?

          Gaito Gasdanow

          Gaito Gasdanow, der Autor von „Das Phantom des Alexander Wolf“, ist bei uns ein nahezu Unbekannter. In Russland erlebt das Werk des 1903 in St. Petersburg geborenen, 1971 in München gestorbenen Schriftstellers seit gut zwei Jahrzehnten eine Renaissance, und wenn jetzt bei Hanser „Das Phantom des Alexander Wolf“ als erstes längeres Werk von Gasdanow überhaupt in deutscher Übersetzung erscheint, könnte das eine ähnliche Entwicklung auch hier einleiten. Denn der beherrschende Eindruck bei und nach der Gasdanow-Lektüre ist das Staunen: Wie kommt es, dass dieser stupende Autor, dieser – jedenfalls in Rosemarie Tietzes Übersetzung – virtuose Stilist, dieser meisterlich komponierende Schriftsteller uns bisher vorenthalten geblieben ist?

          Gasdanow, der wie sein Erzähler im russischen Bürgerkrieg kämpfte und im November 1920 nach Konstantinopel geflüchtet ist, holte dort und später in Bulgarien seinen Schulabschluss nach und ging 1923 nach Paris, wo er – einer von etwa 50000 russischen Flüchtlingen – Dampflokomotiven reinigte, Autos baute, kurz im Verlag Hachette arbeitete und vierzehn Jahre lang Taxi fuhr. Unter der deutschen Besatzung war er Mitglied der Résistance, nach dem Krieg beschäftigte ihn der Sender „Radio Liberty“, unter anderem in München. Er verfasste mit wechselndem Erfolg etwa fünfzig Erzählungen und neun Romane – „Das Phantom des Alexander Wolf“ erschien 1948.

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