Home
http://www.faz.net/-gr0-7495t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Romane der Woche Teilzeitunternehmer mit Eigensinn

Neue Bücher von Karen Duve, Mourad Kusserow, Ralph Dohrmann und Philippe Djian.

© Verlage

Philippe Djian verführt seine Leser mit einem grell knisternden Inzestroman und Karen Duve lässt eiskalte Prinzessinnen auflaufen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

Mehr zum Thema

Die unaufhörliche Mahnung zur Erinnerung an das Leid, das die totalitären Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts dem Menschen zufügten, birgt zumal im Zusammenhang mit der Kritik der neuzeitlichen Naturbeherrschung eine schwer auflösbare Paradoxie. Sie fordert unterschwellig oder offen dazu auf, sich bloß nicht einzubilden, man könne als Privatperson so vor sich hin leben.

Der Einzelne wird auch im demokratischen System ständig genötigt, sich für das angebliche Wohl der ganzen Menschheit verantwortlich zu fühlen und einzusetzen, und sei es auch nur bei der Mülltrennung. Wer sich zu sehr als ein Individuum aufführt, gerät nicht nur in deutscher Tradition leicht unter Verdacht, und gern wird der Individualismus, als ob es ihn noch gäbe, für die sozialen Defizite in der Moderne verantwortlich gemacht. Loblieder der Freiheit aber klingen selbst in Politikerreden ziemlich zaghaft.

Literatur als Freizeitbeschäftigung?

Die Kulturindustrie betreibt die Standardisierung des Bewusstseins in der Modellierung des mobilen Erfolgsmenschen, gleichzeitig produziert sie eine Flut von Ratgeberliteratur, in der die seligmachende Abweichung in der selbstbezogenen Langsamkeit propagiert wird. So wird die Illusion des über sich selbst verfügenden Subjekts als eskapistischer Ramsch zur Ware.

Indessen hat die Bildungspolitik die Idee des in der Bildung zur Selbstbestimmung gelangenden Individuums auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Das Ideal des europäischen Hochschulraums ist ein Subjekt, das sich in der Daueraktivität, in der pausenlosen Zirkulation von Wissen und der Aneignung von kommunikativen Kompetenzen unternehmerisch zu sich selbst verhält, um sich universal brauchbar zu erweisen.

Literatur fällt dabei unter Freizeitgestaltung und darf nicht unnötig aufhalten. Zumal der Bildungsroman erscheint uneinholbar in die Ferne einer untergegangenen Epoche entrückt. In seinem erstaunlichen Debüt zeigt der 1963 geborene, in Bremen aufgewachsene Ralph Dohrmann, dass das noch nicht ausgemacht ist, obwohl seinem neunhundert Seiten starken Epos das Etikett des Unzeitgemäßen wohl nicht erspart bleiben wird.

Vom Lied der Freiheit

Die Bezüge zur Tradition verbirgt Dohrmann nicht, umso prägnanter treten die Abweichungen hervor. Sein Held heißt Willem, anders als Goethes Wilhelm Meister aber muss er ohne die geheim lenkende Weisheit einer planvollen Vorsehung durchs Leben gehen. Allenfalls bleibt davon übrig, dass er gelegentlich glaubt, eine „geisterhafte Fernwirkung“ zu verspüren, im Guten wie im Schlechten. Er neigt zur Passivität eines Oblomow, entscheidet sich aber dazu, nur halbtags auf dem Sofa vor sich hin zu philosophieren.

Olga gelingt es nicht, Oblomow vom Gefühl der Überflüssigkeit zu erlösen, für Willem dagegen ist die Ehe mit Barbara ein Refugium vor den Zumutungen der Gesellschaft. Dass er zeugungsunfähig ist, erhöht sein Behagen, denn wer Kinder hat, steht immer in Gefahr, von den Institutionen als Geisel genommen zu werden. Schließlich darf in einer Hansestadtsaga der Bezug auf die „Buddenbrooks“ nicht fehlen. Willem geht zwar der hanseatische Unternehmergeist ab, mit dem Motiv der Dekadenz wird aber nur gespielt, trotz Arterhaltungsverweigerung neigt Willem zum Vitalismus.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Liberalismus Verführung von rechts

Liberale streiten wie die Kesselflicker: Wie reaktionär darf man sein, ohne die Freiheit zu verraten? Jedenfalls sind es Debatten, um sich ordentlich zu verletzen. Mehr Von Rainer Hank

19.07.2015, 18:24 Uhr | Wirtschaft
WissensARTen: Lebensformen Das Gemeinsame, gibt es das?

Sie haben sich nicht gesucht, aber Gemeinsames gefunden: Die Nähe von Kunst und Wissenschaft, das war für die Astrophysikerin Barbara Stracke und die Künstlerin Jenny Michel nach ihrem Gedankenaustausch in der Archenhold-Sternwarte im Treptower Park die wichtigste gemeinsame Entdeckung. Mehr

26.05.2015, 19:50 Uhr | Wissen
Die Krux mit dem Staat Liberalismus als Nostalgie?

Hass auf den Staat oder Sozialstaatseuphorie: Den Parteien laufen nicht nur die Mitglieder davon, es gehen ihnen auch die Ideen aus. Womöglich hat das eine mit dem anderen zu tun. Mehr Von Jürgen Kaube

19.07.2015, 08:53 Uhr | Feuilleton
WissensARTen: Lebensformen Fremde Welten

Was ist Leben, was ist der Grund dafür und sind wir alleine im All?” Die Astrobiologin Barbara Stracke nähert sich diesen Fragen, indem sie extrasolare Planeten erforscht. Dabei versucht sie herauszufinden, welche Bedingungen notwendig sind, damit auf diesen Planeten Leben möglich sein kann. Mehr

26.05.2015, 19:50 Uhr | Wissen
John Green im Gespräch Das Internet lenkt ab vom Schmerz

Der Roman Das Schicksal ist ein mieser Verräter hat John Green berühmt gemacht. Jetzt kommt auch Margos Spuren ins Kino. Warum stellen Jugendliche die klügsten Fragen? Was verbindet Internet und Roman? Ein Gespräch. Mehr Von Lisa Goldmann

29.07.2015, 12:04 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 09.11.2012, 14:50 Uhr

Glosse

Auferstanden als Siegerlager

Von Kerstin Holm

Das einzige in ein Museum umgewandelte Straflager in Russland ist unlängst geschlossen, wiederauferstanden und hat seine Botschaft völlig umgekrempelt. Die neue Ausstellung unweit der Stadt Perm wirft Fragen auf. Mehr 11