Philippe Djian verführt seine Leser mit einem grell knisternden Inzestroman und Karen Duve lässt eiskalte Prinzessinnen auflaufen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.
Die unaufhörliche Mahnung zur Erinnerung an das Leid, das die totalitären Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts dem Menschen zufügten, birgt zumal im Zusammenhang mit der Kritik der neuzeitlichen Naturbeherrschung eine schwer auflösbare Paradoxie. Sie fordert unterschwellig oder offen dazu auf, sich bloß nicht einzubilden, man könne als Privatperson so vor sich hin leben.
Der Einzelne wird auch im demokratischen System ständig genötigt, sich für das angebliche Wohl der ganzen Menschheit verantwortlich zu fühlen und einzusetzen, und sei es auch nur bei der Mülltrennung. Wer sich zu sehr als ein Individuum aufführt, gerät nicht nur in deutscher Tradition leicht unter Verdacht, und gern wird der Individualismus, als ob es ihn noch gäbe, für die sozialen Defizite in der Moderne verantwortlich gemacht. Loblieder der Freiheit aber klingen selbst in Politikerreden ziemlich zaghaft.
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Literatur als Freizeitbeschäftigung?
Die Kulturindustrie betreibt die Standardisierung des Bewusstseins in der Modellierung des mobilen Erfolgsmenschen, gleichzeitig produziert sie eine Flut von Ratgeberliteratur, in der die seligmachende Abweichung in der selbstbezogenen Langsamkeit propagiert wird. So wird die Illusion des über sich selbst verfügenden Subjekts als eskapistischer Ramsch zur Ware.
Indessen hat die Bildungspolitik die Idee des in der Bildung zur Selbstbestimmung gelangenden Individuums auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Das Ideal des europäischen Hochschulraums ist ein Subjekt, das sich in der Daueraktivität, in der pausenlosen Zirkulation von Wissen und der Aneignung von kommunikativen Kompetenzen unternehmerisch zu sich selbst verhält, um sich universal brauchbar zu erweisen.
Literatur fällt dabei unter Freizeitgestaltung und darf nicht unnötig aufhalten. Zumal der Bildungsroman erscheint uneinholbar in die Ferne einer untergegangenen Epoche entrückt. In seinem erstaunlichen Debüt zeigt der 1963 geborene, in Bremen aufgewachsene Ralph Dohrmann, dass das noch nicht ausgemacht ist, obwohl seinem neunhundert Seiten starken Epos das Etikett des Unzeitgemäßen wohl nicht erspart bleiben wird.
Vom Lied der Freiheit
Die Bezüge zur Tradition verbirgt Dohrmann nicht, umso prägnanter treten die Abweichungen hervor. Sein Held heißt Willem, anders als Goethes Wilhelm Meister aber muss er ohne die geheim lenkende Weisheit einer planvollen Vorsehung durchs Leben gehen. Allenfalls bleibt davon übrig, dass er gelegentlich glaubt, eine „geisterhafte Fernwirkung“ zu verspüren, im Guten wie im Schlechten. Er neigt zur Passivität eines Oblomow, entscheidet sich aber dazu, nur halbtags auf dem Sofa vor sich hin zu philosophieren.
Olga gelingt es nicht, Oblomow vom Gefühl der Überflüssigkeit zu erlösen, für Willem dagegen ist die Ehe mit Barbara ein Refugium vor den Zumutungen der Gesellschaft. Dass er zeugungsunfähig ist, erhöht sein Behagen, denn wer Kinder hat, steht immer in Gefahr, von den Institutionen als Geisel genommen zu werden. Schließlich darf in einer Hansestadtsaga der Bezug auf die „Buddenbrooks“ nicht fehlen. Willem geht zwar der hanseatische Unternehmergeist ab, mit dem Motiv der Dekadenz wird aber nur gespielt, trotz Arterhaltungsverweigerung neigt Willem zum Vitalismus.
So ist die Charakterisierung des Protagonisten einerseits zitathaft vom „Mann ohne Eigenschaften“ bis zurück zur List des Odysseus, der das Lied der Freiheit vernimmt, ohne ihm zu verfallen, der sich verleugnet, um sich zu erhalten, und der sich bei James Joyce in einen vertrödelten Lebenskünstler verwandelt. Andererseits gelingt es Dohrmann, in der Figur glaubhaft die bundesrepublikanische Geschichte der letzten achtzig Jahre zu spiegeln, ohne dass der Held zum bloßen Prototyp geriete. Das Individuelle und das Allgemeine werden vielmehr in ein reizvolles, oft witziges Wechsel- und Widerspiel gesetzt. Der Leser merkt schnell, dass Willem eine kulturkritische Allegorie ist, versagt ihm dennoch nicht die Anteilnahme als literarische Person.
Suche nach einer Gegenwelt
Willem Kronhardt soll eines Tages die Stickerei der alteingesessenen Familie übernehmen, die vom Kaiserreich bis in die Nazizeit schon gute Geschäfte gemacht hat und nun auch im Wirtschaftswunder floriert. Sein Vater ist bei einer Hafenrundfahrt auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen, so wird das Kind von der dünkelhaften und in ihrer Sprache und Pädagogik mangelhaft entnazifizierten Mutter und dem Stiefvater streng erzogen und überwacht. Das Rattern der Stickmaschinen aber wird dem Jugendlichen bald zum Ausdruck eines fremdbestimmten Lebens.
So wird er hellhörig für die Weisheit von Außenseitern wie dem kauzigen Hausarzt der Familie, der unter der Naziherrschaft zum Zyniker geworden ist und sein Erbarmen in misanthropischen Sprüchen verbirgt, oder dem alten Wachmann Zirbel, für den nach wie vor gilt, dass sie einen immer noch nicht sein lassen wollen, wer man ist. Auch in der Begegnung mit Menschen aus anderen Schichten und Kulturen entzieht er sich dem hanseatischen Elitebewusstsein und seiner Bestimmung zum Chef. Vor allem aber sucht er in der Beobachtung der Natur eine Gegenwelt zur Zweckrationalität des Gesellschaftlichen. In der eingehenden Untersuchung weiblicher Körper findet er tatsächlich einen höchst befriedigenden Gegensinn.
Aufklärung menschlicher Niedertracht
Dennoch studiert Willem Betriebswirtschaft und tritt in die Firma ein. Der autoritären Mutter widersetzt er sich eher subversiv, zum Revolutionär taugt er nicht, für Ideologie, ob linke oder rechte, hat er keinen Sinn. In der patenten Tuchhändlerin Barbara findet er gleich doppelt sein Glück. Mit ihr genießt er, da ein Stammhalter nicht möglich und gewünscht ist, eine von Zwecken freie Intimität, zugleich ist mit ihrem von Zwecken durchaus nicht freien Engagement die Firma gesichert. Auch Barbara ist traditionskritisch, freilich eher im neoliberalistischen Sinn der Wachstumsdynamik, und möchte daher, dass sich Willem gegen das Regime der Alten mehr „einbringt“. Sie liebt aber genug, um Kompromisse zu akzeptieren, und so kann der standhafte Willem als Teilzeit-Oblomow mehr denn je seinen Interessen und der Kontemplation nachgehen.
Als seine Mutter stirbt und dem Leser bei aller Bewunderung von Dohrmanns epischem Atem langsam ein wenig die Puste ausgeht, setzt der Roman in einer Wendung nach der Art Shakespeares noch einmal neu an. Wie Hamlet entschließt sich Willem, den Tod seines Vaters aufzuklären. Das ist aber keine Frage von Sein oder Nichtsein, es geht eher amüsant zu. Dafür sorgen Ramow & Ramow, zwei Detektive, die einem Slapstick entsprungen scheinen.
Die Ermittlungen dauern allerdings ziemlich lange, findet Willem und der Leser auch. Es handele sich eben um Grundlagenforschung, verteidigen sich die in ihrer Kompetenz bezweifelten Detektive, namentlich um die Aufklärung menschlicher Niedertracht in einer erneuten Inspektion der jüngeren deutschen Geschichte von der Nazizeit über die DDR zurück in den Bremer Hafen, in dem der finale Lokaltermin stattfindet, ehe Willem von seiner Barbara wieder in die Arme geschlossen wird.
Richtiges Leben im falschen
Die Grundannahme des Romans formuliert Doktor Blask, wenn er, während der kleine Willem im Krankenbett liegt, reflektiert, „dass gerade Kinderköpfe offen sind für eine andere Wirklichkeit - eine Welt vielleicht, in der die Zeit rückwärtsläuft oder die Naturgesetze sich auflösen“. Das ist im Grunde die frühromantische Vision einer grenzenlosen Bildsamkeit des Menschen. Willem hört „mit großen Augen“ zu, und diese großen Augen wird er bald auf die Natur richten.
Auch die Naturbeschreibungen des Romans sind in der Tradition der Romantik zugleich Blicke in die Außenwelt, die Freiheit von gesellschaftlicher Einengung und die eigene Befindlichkeit, die sich gleichwohl der naturwissenschaftlichen Beobachtung annähert. „Bald sahen die Jungs eine Libelle; die mathematische Anmut ihrer Geraden, und sie spürten diesen Augenblick in sich, diesen Blick, wenn man frei ist.“ Die scheinbare Schönheit und Mannigfaltigkeit der Natur erscheint als Beweis, dass der Sinn des Lebens das Lebendige selbst ist.
Frei aber wird Willem nur in der Beobachterperspektive, zu einer radikalen Änderung seines Handelns, zur „Metabolie“ dringt er nicht durch. Dass es in der Menschenwelt kein richtiges Leben im falschen gibt, wird im Roman theoretisch nicht widerlegt, obwohl doch die Natur anderes zu verheißen scheint. Aus der Begegnung mit anderen Kulturen weiß Willem, dass man auch einfacher leben kann, ganz scheint er aber auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation nicht verzichten zu wollen. Im reflektierten Annehmen seiner eigenen Inkonsequenz aber dringt Willem wenigstens zu einem gemischten Selbstsein in Offenheit für das andere durch. So darf man sich Willem seinem Autor zufolge schließlich „als einen glücklichen Menschen vorstellen“.
Zwang zur Kürze
Willems Beobachterperspektive verschränkt sich mit der des Erzählers und äußert sich in einer stilisierten Mündlichkeit, durchsetzt mit philosophischen und metaphorisch gebrauchten naturwissenschaftlichen Kategorien. Das ist selbst die Sprache eines Beobachters, der nach Präzision strebt, sich aber nicht von einem durchgängigen Stilprinzip disziplinieren lassen will. So schweift die Erzählung nicht selten ab in allerlei sinnliches Durcheinander, Klamauk, Gefühlsplunder oder postkartenhafte Naturklischees.
Gleichwohl betont der Roman seinen Kunstcharakter und setzt sich deutlich vom landläufigen Neorealismus der Darstellung bundesrepublikanischer Geschichte ab. Auch die Länge des Romans, der Elemente des kulturkritischen Essays in sich vereint, erscheint programmatisch. Dem Zwang zur Kürze und zur Schnelligkeit, der in den „Spielregeln für Sieger“ obenan steht, will sich weder Willem noch der Erzähler beugen. Kompliment an das Lektorat, das offenbar auf das übliche Zurechtstutzen eines ambitionierten Debüts verzichtet hat.
Ratgeber für die Moderne
Ralph Dohrmanns überraschender und kühner Erstling ist über manch eine Strecke mühsam zu lesen, aber dann immer wieder unterhaltsam und erhellend. Er öffnet auf so kunstvolle wie unverkrampfte Weise die Augen für die Widersprüche der Individuation in der modernen Gesellschaft.
Dohrmann bedient sich höchst kreativ der Tradition des Bildungsromans und führt ihn zugleich witzig auf eine verlorengeglaubte Funktion der Literatur zurück. „Kronhardt“ ist auch ein Stück intelligenter Ratgeberliteratur für Individuen, die sich in der modernen Gesellschaft unbehaglich und gestresst fühlen, namentlich ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich für das angebliche oder tatsächliche Gemeinwohl unter Vorbehalt und am besten in Teilzeitbeschäftigung zu engagieren.
Friedmar Apel