Zorniger Witz und komische Wut in Jean-Pierre Abrahams Roman „Der weiße Archipel“; Vita Sackville-Wests bewegendes Porträt ihrer Generation erscheint erstmals auf Deutsch und Walter Bucheber verarbeitet Krankheit und Kunst in seinen Tagebüchern. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.
Jean-Paul heißt eigentlich Jean-Pierre und damit genauso wie Jean-Pierre Abraham, der das Buch von Jean-Paul erzählt. Er kehrt nach langer Abwesenheit an einem Sommertag vor zwanzig Jahren auf die Glénan-Inseln zurück. Der Archipel in der Biskaya ragt gut zwanzig Kilometer südlich der Küste des Finistère aus dem Atlantik: Nach Quimper fahren Boote Richtung Nordwesten, nach Concarneau steuern sie Kurs Nordost.
Die Inseln sind winzig und zerklüftet. Kaum etwas wächst dort. Die Vögel, zumeist mächtige Seemöwen, scheinen die Eilande als ihr Territorium zu betrachten. Sie stellen den Menschen nach, rauben ihnen vom Tisch, was stehenblieb, und fliegen aus heiterem Himmel Attacken. Was Jean-Paul hierhin zurückzieht, weiß er selbst nicht. Die Liebe zur See ist es nicht: Seit er ältere Wasserleichen gesehen habe, hasse er das Meer, schreibt Jean-Pierre Abraham.
Jean-Paul beobachtet Schüler und Touristen
Im hoch über der Dünung aufragenden Fort Cigogne richtet er sich ein und verbarrikadiert sich vor Seevögeln, Springtiden und dem Klatsch der Leute auf dem Festland. Im Fort bewohnt er eine eigene Kasematte, ein so klammes Gewölbe, dass selbst ein glutheißer Juli die feuchte Kälte nicht vertreibt. Jean-Paul liegt im Gras und beginnt nachzudenken. Doch er kommt damit nicht sehr weit und lässt es deshalb bleiben. Seine Erinnerungen scheinen verschüttet, und ihm fehlt der Antrieb, sie freizulegen. Stattdessen zieht ihn das karge Leben auf dem sommerlichen Archipel in den Bann. Er fragt sich, ob vor zweihundert Jahren das Gras genauso farblos war. Weißer Archipel heißen die Glénans nach dem dichten Qualm aus den ehemaligen Tangöfen, der jahrhundertelang alles einhüllte. Inzwischen gibt es ein Windkraftwerk. „Die Vergangenheit ist hier ebenso ungewiss wie die Zukunft“, denkt er.
Jean-Paul beobachtet Schüler und Touristen, die nach Cigogne kommen und phantomgleich zurück aufs Festland verschwinden. Bärbeißiges Inselpersonal hält zumeist kryptische Ansprachen. Erst wenn man ihren Bieratem riecht und ihnen in die Augen blickt, spürt man Stans und Etiennes Herzenswärme. Etienne beschäftigt die verstreichende Zeit, er sagt sich jeden Morgen: „Vergiss nicht: Du bist zwar wieder ein Stück blöder als gestern, dafür aber lange nicht so dämlich wie morgen.“ Als dann im ehemaligen Pulverlager der Sommerschankraum eröffnet wird, gibt es kein Halten mehr. Der Bardame Juliette wird ein großes Herz nachgesagt, und so bricht die Insel in hektische Betriebsamkeit aus. Jean-Paul ist verblüfft, als er mit einem Mal zu zeichnen beginnt, den ganzen Archipel, im Uhrzeigersinn. „Wenn ich sehr alt bin“, sagt er sich, „werde ich schweigen und zeichnen.“ Zunächst beschließt er, sich ein Boot zu besorgen und die Inseln zu erkunden.
Der 1936 in Nantes geborene Jean-Pierre Abraham lebte selbst längere Zeit auf dem Glénan-Archipel. Als er 2003 an Krebs starb, wurde seine Asche bei der Insel Penfret in die Biskaya gestreut. In den sechziger Jahren war Abraham Leuchtturmwärter auf dem bretonischen Eiland Ar-Men gewesen, sein zeitlos wuchtiger Bericht „Armen“ (1967), deutsch „Der Leuchtturm“, machte Abraham bekannt, ohne dass er sich deshalb der Literatur verschrieb. Mit seiner Familie lebte er als Inselwächter auf Penfret, bis die Kinder schulpflichtig wurden. Erst 1986 veröffentlichte er „Le Guet“, weitere zehn Jahre vergingen, bis in den kleinen in Cognac ansässigen Editions Le Temps qu’il fait „Fort-Cigogne“ erschien.
Zwischen „Der Leuchtturm“ und „Der weiße Archipel“ liegen also dreißig Jahre. Abrahams Alter Ego ist milder, ironischer geworden, Sturm und Drang auf dem Leuchtturm sind renitenter Saumseligkeit gewichen. Liest man jedoch beide von Ingeborg Waldinger übersetzten Bücher nacheinander, so wirken Lakonik und Humor ebenso aus einem Guss wie der hartgefügte Blick auf die Dinge und das Mitgefühl für jedes Ringen um Beachtung. Waldingers Übersetzung findet ein lebendiges Äquivalent nicht nur für zornigen Witz und komische Wut, plausibel macht sie auch die Kraft der Gesten und den Sinn für das Gespenstische, die Abraham bis in sein Spätwerk immer wieder beschäftigten, so in „Der Mann von der Scarweather“, einer Erzählung, die Waldinger kürzlich in der Zeitschrift „Sinn und Form“ vorstellte.
Es schwillt mit jeder Stunde an
Den Höhepunkt von „Der weiße Archipel“ bildet eine nächtliche Szene, die in ihrer eindringlichen Darstellung selbstgesuchter Konfrontation an Hemingway erinnert. In einer Sturmnacht von allen guten Geistern verlassen, beschließt Jean-Paul, mit einem winzigen Boot ein Fangnetz umzusetzen, und rudert los, ohne sich abzumelden. Wenig später hat er einen Barsch und einen riesigen Seeaal im Schlepp und verliert auf dem nächtlichen Meer die Orientierung. Der Leser erfährt nicht, wer die Frau ist, die unvermittelt am Ufer eine Lampe entzündet und nur in Nachthemd und Öljacke zum Wasser hinuntergeht, um Jean-Paul heimzulotsen.
Als sich der Entkräftete an den Strand schleppt, nimmt sie seine eisigen Hände und legt sie auf ihre Brust. Ob die Retterin Juliette ist oder eines der weiblichen Gespenster, die aus Jean-Pauls Erinnerungen auftauchen, ist ohne Belang. Die Geste entfaltet ihre ganze archaische Wucht, sie wird spürbare Wirklichkeit. Schon in „Der Leuchtturm“ schrieb Jean-Pierre Abraham, er wolle keine Geschichte erfinden, sondern „zunächst das Unnütze zum Bersten bringen, das mit jeder Stunde anschwillt“.
Mirko Bonné