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Mittwoch, 19. Juni 2013
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F.A.Z.-Romane der Woche Runenkunde mit Lücken

 ·  Neue Bücher von Adam Ross, Katrin Seddig, Pali Meller und Nedim Gürsel. Und die detailreiche Erklärungen einer unerklärlichen Welt in: „Das große Hobbit Buch“ von J. R. R. Tolkien.

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Adam Ross entwirft Szenerien von Gewalt und Tod, Katrin Ebbig erzählt von Liebe und Krise in Zeiten der Ehe. Außerdem: J. R. R. Tolkiens „Hobbit“ in glänzend kommentierter Ausgabe. Dies und mehr in den F.A.Z.- Romanen der Woche.

Wie macht er das nur, dieser Hobbit? Eben noch stand er mit seinen Gefährten vor der verzauberten Felsentür, hinter der sie den unermesslichen Schatz des Drachen Smaug vermuten. Gemeinsam mit den dreizehn Zwergen, die den vermeintlichen Meisterdieb für ihre Abenteuerfahrt angeheuert hatten, stemmte sich Bilbo Beutlin gegen die Wand - „vergeblich“, so heißt es am Ende des elften Kapitels von J. R. R. Tolkiens „Der Hobbit“.

Und jetzt, im zwölften Kapitel, ist die Tür auf einmal sperrangelweit offen. Die Zwerge diskutieren, wer als erster den gefährlichen Gang zum Drachenschatz wagen soll, dem Leser aber klingt das „vergeblich“ noch in den Ohren. Nun ist der „Hobbit“, dessen Handlung der Oxforder Mediävist Tolkien für seine Kinder ersann und 1937 erstmals publizierte, natürlich ein komplexes Buch, die dort geschilderte Welt voller Trolle, Orks und Elben unterschiedlicher Herkunft folgt eigenen, keineswegs offengelegten Gesetzen, und so sucht man an unklaren Stellen die Schuld zuallererst bei sich selbst - ob man nicht doch einen Hinweis überlesen hat?

Ein Welterfinder von Format

Bei Klett-Cotta, dem deutschen Hausverlag des 1973 verstorbenen Tolkien, ist nun ein Band erschienen, der angetreten ist, alle offenen Fragen dieses Textes zu klären. „Das große Hobbit Buch“, herausgegeben von dem Tolkien-Experten Douglas A. Anderson, enthält „den kompletten Text mit Kommentaren und Bildern“, verspricht der Untertitel. Das hat es im Deutschen tatsächlich noch nicht gegeben, und wer den Band unvorbereitet in die Hand nimmt, wird sein blaues Wunder erleben. Anderson erhellt in seinem Anmerkungsteil nicht nur das Verhältnis des „Hobbit“ zum später ausgeführten „Herrn der Ringe“, der die Geschichte des von Bilbo Beutlin entdeckten, Unsichtbarkeit schenkenden Zauberrings weitererzählt, er zieht auch Tolkiens übrige, einige tausend Seiten starke Privatmythologie um den fiktiven Kontinent Mittelerde heran, um den Text des „Hobbit“ auf Übereinstimmungen und Widersprüche mit diesem Riesenwerk hin abzugleichen.

Er weist Anregungen nach, die Tolkien aus der Lektüre zeitgenössischer Werke bezog, und korrigiert darin fortwährend das populäre Bild eines Autors, der sich überwiegend mit mittelalterlicher Literatur beschäftigt hätte. Weil Anderson das nicht nur behauptet, sondern die Vergleichstexte auch ausführlich zitiert, bleibt es dem Leser überlassen, wo er Anderson folgt und wo er dessen Vermutungen als reichlich spekulativ einstuft.

Auch Tolkiens Arbeitsprozess am „Hobbit“ wird einigermaßen transparent, indem Anderson etwa die vielen Bilder auswertet, die Tolkien, ein begabter Zeichner, selbst dazu geschaffen hat - offen bleibt freilich, ob der Autor seine Welt damit anderen oder eher sich selbst veranschaulichen wollte, schließlich ging es ihm ersichtlich um einen Kosmos, der Gültigkeit weit über diesen Text hinaus beansprucht. Behauptungen über das Aussehen der Elben im „Hobbit“ mussten zum „Herrn der Ringe“ passen, von linguistischen, historischen oder auch ökologischen Aspekten, die für alle Texte über Mittelerde gelten sollten, einmal abgesehen. Denn als Welterfinder von Format wusste Tolkien unendlich viel mehr über seine Schöpfung, als er im „Hobbit“ oder im „Herrn der Ringe“ erzählt.

Das Rätsel der offenen Felsentür

Wenn also in Tolkiens großem Bild „Conversation with Smaug“, erschienen 1937, der Drache auf dem von ihm geraubten Schatz gezeigt wird, dann sieht man auf der Spitze des Goldbergs nicht nur den Diamant namens „Arkenstein“ blitzen, von dem im „Hobbit“ ausführlich die Rede ist, sondern vorn links auch einen Pokal, der mit Runen beschrieben ist. Es handelt sich dabei, erläutert Anderson, um „Tolkiens elbische Schrift, die Tengwar (oder das Alphabet Feanors)“, und natürlich liefert der Herausgeber dann auch die Übersetzung: „Gold des Thrain/Verflucht sei der Dieb“. Und im großen Tafelteil in der Mitte dieser Ausgabe wird das Bild überdies in herausragender Qualität gezeigt.

Braucht man das alles? Dass der „Hobbit“ seit je ohne die geringste Anmerkung funktioniert, zeigt seine lange Rezeptionsgeschichte. Dass man den - hier nach allen Regeln der Buchkunst gestalteten - Apparat aber mit Gewinn und dem größten Vergnügen rezipieren kann, zeigt diese Ausgabe.

Allerdings lässt auch Anderson seine Leser mit dem Rätsel der urplötzlich offenstehenden Felsentür allein. Abhilfe schafft nur der Blick in eine beliebige andere Ausgabe des „Hobbit“. Dort nämlich finden sich zwischen dem Wort „vergeblich“ des elften und dem Beginn des zwölften Kapitels fünf weitere Absätze. In ihnen wird beschrieben, wie Bilbo Beutlin vom Zwergenanführer Thorin Eichenschild einen Schlüssel einfordert, den dieser von seinem Vater erhalten hatte. Im letzten Moment wird der Schlüssel ins Schloss eingeführt. „Eine Tür, fünf Fuß hoch und drei Fuß breit, zeichnete sich ab und schwenkte langsam und lautlos nach innen.“ Dass diese Absätze in der so sorgfältig kommentierten Ausgabe einfach fehlen, ist rätselhaft. Und äußerst ärgerlich.

Tilman Spreckelsen

J. R. R. Tolkien: „Das große Hobbit Buch“. Hrsg. von Douglas A. Anderson. Hobbit Presse/Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2012. 418 S., Abb., geb., 29,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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