17.02.2012 · Neue Romane von Jennifer Egan, Marion Brasch, Jens Sparschuh, Aharon Appelfeld und Alexander Kluge.
Amerikas neuer Superstar Jennifer Egan hebt die Grenzen der Zeit auf, Marion Brasch erzählt eine fabelhafte Familiengeschichte und Jens Sparschuh sucht zwanghaft nach Ordnung: dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.
Dieses Buch zu lesen ist ein seltsames Wunder; es zu rezensieren aber ein Albtraum. Fangen wir also damit an, was die Sache schwierig macht. Jennifer Egans Roman „Der größere Teil der Welt“ lässt sich praktisch nicht zusammenfassen. Bestehend aus zwei Teilen, „A“ und „B“, die man sich vielleicht am besten als die beiden Seiten einer Vinylschallplatte vorstellt, und mit dreizehn Kapiteltracks, von denen wiederum zwei mehrere Untertitel haben und jeder eine andere Erzählstimme aufbietet, berichtet er ohne Rücksicht auf Chronologie von den frühen Siebzigern bis in die nahe Zukunft von einem guten Dutzend Personen. Diese stehen zwar alle in irgendeiner Verbindung miteinander, ahnen davon aber oft nichts - ähnlich wie beim Small-World-Projekt „Six Degrees of Separation“, das zu Beginn des Internetzeitalters beweisen wollte, dass jeder Mensch nur maximal sechs Kontakt-Ecken von jedem anderen auf der Welt entfernt ist. Eines der Kunststücke Jennifer Egans besteht darin, diesen Aha-Effekt, aus dem Facebook eine der größten Geschäftsideen unserer Zeit gemacht hat, mit den ureigenen Mitteln der Literatur zu erzeugen.
Der Roman spielt im exzentrischen Milieu der amerikanischen Musikindustrie, die ihre besten Jahre hinter sich lässt. Er erzählt von Musikern, Produzenten, Assistenten, Groupies und PR-Leuten, von verstörten, unsicheren Teenagern und deren späteren Ausgaben als spleenige, kaputte und nach wie vor unsichere Erwachsene. Er handelt von der Sehnsucht danach, einen eigenen Platz im Leben einzunehmen, und von der Schwierigkeit, sich dann mit ihm abzufinden. Er fragt nach den Möglichkeiten, sich in einer vollständig technologisierten Welt noch sinnlich zurechtzufinden. Es geht um die Zerbrechlichkeit von Gefühlen, Beziehungen, Lebensläufen. Vor allem aber um die Fragmentierung durch die Zeit, jene „Goon Squad“ oder auch Schlägerbande, die keinen ungeschoren davonkommen lässt.
„A Visit from the Goon Squad“ heißt Jennifer Egans Roman im amerikanischen Original, und es bringt wenig, darauf herumzureiten, wie brav und verwechselbar sich daneben der deutsche Titel „Der größere Teil der Welt“ ausnimmt. Die Journalistin und Schriftstellerin Jennifer Egan, die in diesem Jahr fünfzig wird, hat bereits drei ausgezeichnete Romane und einen Band mit Erzählungen veröffentlicht, die alle auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Trotzdem ist dieses Werk, für das sie im vergangenen Jahr unter anderem den Pulitzer-Preis erhielt (womit sie über Jonathan Franzens „Freiheit“ triumphierte), ihr Durchbruch - und das nicht nur, weil das Werk in Amerika zum Bestseller wurde, verfilmt werden soll und Übersetzungen in fast dreißig Ländern erscheinen. Vielmehr hat die Abenteuerin Egan zwar schon früher mit neuen Formen und Themen experimentiert, doch noch nie wirkte dieser Drang nach einer Schreibweise, deren Vielseitigkeit den Komplexitäten der Realität entsprechen könnte, so wenig artifiziell, so wenig gewollt wie hier. Denn die disparaten Einzelteile dieses Konzeptromans aus dreizehn Stories fügen sich zu einer verblüffend eleganten Gesamtkomposition: „Der größere Teil der Welt“ ist eine schrille Kakophonie von der erhebenden Schönheit eines Oratoriums.
Ihre Inspirationsquellen für den Roman seien Prousts „Recherche“ und „The Sopranos“, die Fernsehserie um einen angeschlagenen Mafiaboss in New Jersey, hat Jennifer Egan einmal erzählt. Während ihr Buch, das wie aus einer anderen Galaxie auf die Postmoderne schaut, bereits als literarische Avantgarde von der epochalen Wirkung eines „Tristam Shandy“ gewürdigt wird, haben für die einzelnen Kapitel eher Pioniere wie Vladimir Nabokov und David Bowie, Led Zeppelin und David Foster Wallace Pate gestanden.
Die Ankerfiguren sind Bennie Salazar und Sasha. Als wir ihn kennenlernen, hat Bennie sich vom früheren Punkrocker zum Musikproduzenten gemausert, dessen Erfolg und Ruhm indes bereits verblassen. In der vagen Hoffnung, damit seiner Potenz aufzuhelfen, sprenkelt er Blattgoldflocken über seinen Kaffee und versucht unbeholfen, zu seinem Sohn vorzudringen, von dessen Mutter er getrennt lebt. Sasha, seine Assistentin, tritt uns zunächst als jugendliche Kleptomanin entgegen, die versucht, ihre Klausucht in den Griff zu bekommen (was ihr nie ganz gelingen wird), dann als Bennies rechte Hand; später erleben wir sie in Neapel als Flüchtling vor ihrem amerikanischen Teenager-Leben und gegen Ende als Mutter und Ehefrau.
Um die von Egan entworfenen Verbindungslinien aufzuzeigen, könnte man aber auch mit Lou anfangen, dem koksenden, Teenager-aufreißenden Musikproduzenten, der sich in den siebziger Jahren eines untalentierten Bassisten namens Bennie annimmt, der später selbst Produzent wird und Sasha einstellt, die mit einem jungen Mann namens Alex schläft und ihn beklaut, der viele Jahre später, als Bennie seine zweite Frau und seinen zweiten Lauf als Produzent hat, von diesem engagiert wird, um bei der Organisation des Comeback-Konzerts seines ehemaligen Schulkameraden und Bandkollegen Scotty Hausmann zu helfen, der zwanzig Jahre zuvor ziemlich verzweifelt in Bennies Büro aufgetaucht war und ihm einen Fisch schenken wollte, den soeben er im East River geangelt hatte, in dessen eisigen Wassern einst Sashas bester Freund umgekommen ist, als er mit jenem Jungen schwimmen ging, den Sasha später heiraten würde. Bennies erste Frau jobbt für eine PR-Agentin namens Dolly, die durch einen missratenen Stunt in Ungnade fällt und gezwungen ist, unterirdische Aufträge anzunehmen wie den, die Ausstrahlung eines lateinamerikanischen Generals mit Gaddafi-ähnlichen Imageproblemen aufzupolieren. Dazu heuert sie eine halb vergessene B-Schauspielerin an, die wiederum in besseren Tagen bei einem Mittagessen von einem Journalisten, dem Bruder von Bennies Frau, fast vergewaltigt worden ist. (Dass ausgerechnet eine solche drastische Szene lustig sein kann, lässt sich hier nebenbei auch erleben.) Dolly hat eine Tochter namens Lulu, die später mit Alex arbeiten und einen Ingenieur heiraten wird, dessen Großvater, ein afrikanischer Krieger, uns zuvor bei einer Safari von Lou, seiner Band, seiner Geliebten und seinem Sohn in Kenia begegnet ist. Dessen Jagddolch, die Memorabilia eines unendlich fernen Lebens, stellen Lulu und Joe in ihrem Loft in Tribeca fünfunddreißig Jahre später in einem Plexiglaswürfel zur Schau.
Die jeweiligen Stories sind mal aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers, mal in der ersten, mal in der dritten Person und einmal auch an ein direktes Leser-Du gerichtet geschrieben. Die Vergewaltigungsreportage imitiert den füßeküssenden Stil von Magazinartikeln über Prominente, gebrochen durch einige überlange Fußnoten. Geradezu legendär aber ist, wie Egan eine gut siebzigseitige Powerpoint-Präsentation zum Herzstück ihres Romans macht. „Die besten Pausen der Rockgeschichte“ heißt dieses vorletzte Kapitel und stammt von Sashas Tochter Alison. Seine anrührende Wirkung entfaltet es, weil man da gerade zu verstehen beginnt, dass sich erst in der Pause, der Stille, dem stummen Weiteratmen der Figuren, während sie unserem Blick und unserer Anteilnahme entzogen sind, die Brüche zeigen, die Sollbruchstellen zwischen Tun und Lassen, Gesagtem und Gemeintem. Lauter kleine Tode, abgerissene Verbindungen und lose Enden stecken in den Pausen - mithin all das, was Literatur sonst gern zu reparieren versucht. Jennifer Egan dagegen hält es eher wie Sasha, die die unweigerliche Fragmentierung der modernen Existenz durch unzählige Collagen aufhalten will, in denen sie Splitter aus dem Familienalltag fixiert: So stiehlt sie der Zeit einzelne Momente.
„Die Zeit will einen fertigmachen, oder? Willst du dich etwa so rumstoßen lassen?“ fragt Bennie Salazar seinen alten Kumpel Scotty gegen Ende des Romans. Da hat die Hoffnung auf Kontinuität sie längst alle getrogen. Was bleibt - und das nicht nur in der Musikindustrie, deren Entwicklung zur austauschbaren digitalen Mitmach-App Egan ohne Anklage schildert -, ist eine verschüttete Sehnsucht nach Unverfälschtheit und Kompromisslosigkeit, dem einen Augenblick, in dem Sein und Schein zusammenfallen, nach Epiphanien. Da, wo Jennifer Egans Roman solche Momente schafft, lässt er selbst all seine Theorien und Thesen weit hinter sich.
FELICITAS VON LOVENBERG