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Veröffentlicht: 25.03.2012, 15:09 Uhr

F.A.Z.-Romane der Woche Ewige Idee im Kampf gegen neues Wissen

Neue Bücher von T.C. Boyle, Jaroslav Rudis, Orhan Pamuk, Friederike Mayröcker und Heinz Rölleker.

© Hanser Verlag

T.C. Boyle schildert den Machtkampf zwischen Mensch und Natur, Jaroslav Rudis zeigt die wahre Schönheit Prags und Orhan Pamuk spricht über seine Poetologie: Dies und mehr in den Romanen der Woche.

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Lang leben die Ratten, stimmt’s?“ Als diese Worte fallen, sind die Begegnungen und Kämpfe und die daraus folgenden Siege und Niederlagen in T.C. Boyles Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“ bereits in einem fortgeschrittenen Stadium angelangt. Wilson Gutierrez, der diese Worte spricht, ist ein Mitarbeiter und Helfer des radikalen Tierschützers Dave LaJoy. Die beiden befinden sich auf Anacapa, einer der nördlichen Santa-Barbara-Inseln in Kalifornien, und sind Teil eines Krieges. Eines Krieges, der um Ratten und - weil er in Amerika spielt - auch mit Vitaminen geführt wird. Dave und Wilson verstreuen wie säende Siedler im rauhen Klima der Insel Vitamintabletten, die die Ratten gegen das Gift, mit dem sie vernichtet werden sollen, immun machen.

Die Ratten haben, seit sie sich als Überlebende eines Schiffbruchs im Santa-Barbara-Kanal Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf Anacapa gerettet hatten, die dort ansässige, ursprüngliche Tierwelt so dezimiert, dass manche seltene Mäuse, Vögel und Eidechsen dem Aussterben nahekamen. Unter der Leitung der für die nationale Naturschutzbehörde arbeitenden Biologin Alma Boyd Takesue sind die Zusammenhänge zwischen dem Rückgang der Vögel und Eidechsen mit der Anwesenheit der Ratten wissenschaftlich eindeutig dokumentiert worden. Deshalb haben sich Alma und die Behörde entschieden, die Ratten mit einer einmaligen, endgültigen Giftaktion auf der Insel auszurotten. Diese Aktion trieb die radikalen Tierschützer um LaJoy auf die Barrikaden und führte zu illegalen Aktionen wie dem Auswerfen von Vitamintabletten.

Der Versuch des Menschen, Gott zu spielen

Man könnte Boyles Roman auf den Kampf des Tierschützers gegen die Biologin verkürzen, aber das wäre ein großer Fehler und zu europäisch-dialektisch gedacht. Boyle hat, wie die besten amerikanischen Schriftsteller immer schon, seine Schwierigkeiten mit der Dialektik. Seine Romane und Stories brechen das Geschehen in der Welt nie auf einen Kampf wie zwischen Herr und Knecht herunter, und sie erzählen auch nie von einer synthetischen Vereinigung. Dazu ist die Welt viel zu heterogen und dazu sind seine Figuren - seien es Menschen oder Klapperschlangen - viel zu eigen, als dass man sie unter einem Gattungs- oder Artnamen totalisieren könnte.

Der Tierschützer LaJoy macht das einmal klar, als er die feingliederigen Finger einer Ratte beschreibt, die er verletzt am Straßenrand gefunden hat. Wer diese Glieder und die hellwachen Augen des Tiers gesehen habe, könne es nicht mehr für gut halten, solche Tiere mit blutverdünnendem Gift innerlich qualvoll verbluten zu lassen. Gegen diese Erfahrung sei jedes wissenschaftliche Kalkül, das Gleichgewichte in Ökosystemen berechnet, um dann das vermeintlich Störende auszurotten, reine Hybris, der Versuch eines Menschen, Gott zu spielen.

Bilder von surrealistischer Schönheit

Mit der Wissenschaft, die Gott spielt, ist eines der vielen Kraftfelder, die in Boyles Roman zur Entfaltung kommen, benannt. Polarisierte Kommunikationen sind seine Spezialität. Im aktuellen Werk fächert er diese Kommunikationen in unterschiedlichste Richtungen auf und hat keine Angst, sich in den Details zu verlieren. In dem Sinn, in dem Herman Melvilles „Moby Dick“ der erste Roman ist, der eine wissenschaftlich exakte Cetologie, eine Wissenschaft der Meeressäuger, entwirft, ist „Wenn das Schlachten vorbei ist“ der erste Roman, der eine Biogeographie der Inseln erzählt.

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