Home
http://www.faz.net/-gr1-73dh2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Romane der Woche Doktor Schiwago in Nagasaki

 ·  Neue Bücher unter anderem von David Mitchell, Jabbour Douaihy, Reinhard Kaiser-Mühlecker und Kevin Kuhn.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)
© siehe Verlage

Junge Autoren widmen sich dem Thema des Erwachsenwerdens, Gehard Falkner dichtet „Pergamon Poems“ und in „Roter Flieder“ wird viel geschwiegen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

Sie reden und radebrechen in ihren Landessprachen und mit Hilfe ihrer minderbegabten oder korrupten Dolmetscher. Dr. Maeno, Fräulein Kawasemi, Frau Aibagawa, Kammerherr Tomine, William Smellie, Dr. Marinus, Uragami, eine namentlich nicht genannte Zofe - alle schwirren um die Konkubine des Stadthalters Shiroyama, bemüht, die komplizierte Geburt seines Sohnes Naozumi zum Guten zu wenden.

Die Szene spielt irgendwo in Nagasaki im „elften Jahr der Kansei-Zeit“, zehn Jahre nach der Französischen Revolution; Napoleon hat sich seine kleinen Nachbarn zu Satellitenstaaten unterworfen; im niederländischen Außenposten Dejima weiß man noch nichts von den politischen Umwälzungen zu Hause. Man handelt, den sozialen Aufstieg vor Augen, mit Quecksilber und Kupfer, tauscht Seide und Zucker über ein winziges Nadelöhr mit dem so stolzen wie verschlossenen asiatischen Reich.

Epische Atemübung in kulturellem Brutkasten

Dejima, die im siebzehnten Jahrhundert aufgeschüttete Kunstinsel im Hafen von Nagasaki, war bis zur Öffnung Japans Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der einzige westliche Handelsposten im Land und wurde von der Niederländischen Ostindien-Kompanie betrieben. Die Fahne der Pächter wehte auf dem Wehrturm der für eine Handvoll Europäer hergerichteten und hermetisch abgeriegelten Enklave. In diesem kulturellen Brutkasten spielt David Mitchells neuer Roman - ein mehr als siebenhundert Seiten langes Buch, das als epische Atemübung angelegt ist und die für Mitchells Vorgängerromane so typische Episodenstruktur mit Geschichten einmal rund um den Globus und quer durch alle Epochen aufgibt.

Tom Tykwer hat gerade Mitchells Bestseller „Der Wolkenatlas“ verfilmt, doch dieser alle Genres beherrschende und doch nicht epigonische Erzähler ist schon über die nächste Hürde gesprungen: Mitchell kann auch den Historienroman, die Liebesscharteke, kurz: den fernöstlichen Doktor Schiwago. Auch wenn sich das personelle Chaos der ersten Kapitel nur langsam lichtet, entfaltet sich das Leben auf dem Handelsposten bald in seiner ganzen exotischen Pracht.

Im Zentrum steht ein junger Niederländer, der nach Dejima entsandt wurde, um der Korruption Einhalt zu gebieten. Jacob de Zoet ist ein moralisch gefestigter Mensch, der von den Früchten der Aufklärung schon gekostet hat. Er ist der Einzige seiner Zunft, der Japanisch lernt, der erst den geistigen, dann auch den romantischen Austausch mit einer japanischen Hebamme sucht - und aus kulturellen Gründen daran scheitert.

Das Leben auf Dejima ist eine artifizielle Angelegenheit. Nur Dolmetscher, Zofen und Prostituierte haben Zugang zu dieser abgeschotteten Welt. Umgekehrt dürfen ausgewählte Blond- und Rotschöpfe im Umland von Nagasaki botanisieren. Weit weg bestimmt ein Shogun die Geschicke des Landes. Dazwischen hat das höfische Leben in Japan nicht minder dubioses Personal zu bieten als im fernen Europa.

Dejima im Krieg

Und hinter der Landpforte erhebt sich die unbekannte, sagenumwobene Stadt: „Nagasaki, holzgrau und schlammbraun, wirkt, als wäre es zwischen den gespreizten Zehen der grünen Berge hervorgequollen. Die Gerüche nach Seetang, Reichtum und dem Rauch aus unzähligen Ofenrohren werden über das Wasser getragen. Die Berge sind fast bis hinauf zu den gezackten Gipfeln von terrassenförmig angelegten Reisfeldern bedeckt. Ein Wahnsinniger, denkt Jacob, könnte dem Glauben verfallen, er säße in einer gesprungenen Jadeschüssel.“ Der Leser glaubt es zu diesem Zeitpunkt schon lange.

Der Roman ist von solch verspielter Sinnlichkeit, dass man seinem Erzähler ohne Hemmungen in jede Latrine und unter jedes Pagodendach folgt. Als Jacob de Zoet im Angesicht der angebeteten Samurai-Tochter Orito von einem Affen angepinkelt wird, riecht es nach Roastbeef. De Zoets Chef müffelt nach Kölnisch Wasser und Schweineschmalz. Im Esszimmer des Faktors Vorstenbosch spielen die malaiischen Sklaven Cupido und Philander auf der Gambe und Querflöte. Eine Singdrossel in einer Eberesche erzählt „von Dingen, die zu Ende gehen“.

Dejima ist dem Tod geweiht. Die Niederländische Ostindien-Kompanie ist pleite, kein Schiff kommt mehr vom nächsten Handelssitz Java in die Bucht von Nagasaki gesegelt. Auf Dejima erfährt man erst mit dem Auftauchen eines englischen Schlachtschiffes, dass man sich inzwischen im Krieg befindet. „Wir haben den Auftrag, das neunzehnte Jahrhundert in dieses unwissende Land zu bringen“, sagt Kapitän Penhaligon zu seiner vor Ruhmesgewissheit bebenden Mannschaft, doch was ist das für ein merkwürdiger Auftrag zu Beginn eines noch merkwürdigeren Jahrhunderts?

Die eitrige Gicht des Kapitäns wird um 1800 noch mit Mausekötteln behandelt, doch die physikalischen Gesetze eines Isaac Newton stehen hoch im Kurs. Man ist gottesfürchtig, doch fragt man sich wegen der Erkenntnisse der Vivisektion, wo denn die Seele des Menschen hause. Als die Hebamme Orito entführt und im Namen einer grausamen Göttin gequält wird, nimmt die Geschichte vom frühen Kolonialjahrhundert noch einmal Fahrt in Richtung Abenteuerroman auf. De Zoets Muse muss befreit werden und findet dafür aussichtsreiche Kandidaten in der Zunft der Dolmetscher: „In der Stunde des Ochsen passieren wir das Torhaus auf halber Strecke, steigen in die Schlucht hinab und sind zur Stunde des Kaninchens wieder an diesem Punkt. Wir tragen die Frau in der Sänfte bis Kashima. Dort zerstreuen wir uns und verlassen das Lehen, bevor Reiter entsandt werden. Noch Fragen?“

Die Macht der Dolmetscher

Dieser Roman ist voll davon. Wie ein Shakespearesches Lustspiel verliert er sich in den höfischen Intrigen der Epoche. Er ist formal wie das Drehbuch eines Piratenfilms angelegt, im rasanten Präsens verfasst und spielt mit mehrfach ironisch gebrochenen Slapstickelementen. Hat man Ecos „Name der Rose“ vor Jahren als Inbegriff des postmodernen Romans geschildert, da er populäre Genres und das Schreiben thematisierte, so gilt dies für „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ nicht minder. Nur hat Mitchell seinen Eco gleich mitverdaut, was bei einer virtuosen Vergiftungsszene mit Samuraischwertern und Sakeritual deutlich wird.

Die mächtigsten Männer auf Dejima sind weder die reichen Händler noch die Politiker, sondern ihre Dolmetscher, die sich vielfach als Sinnfälscher, Spitzel oder einfach nur als unbegabt erweisen. Wenn Dolmetscher Goto „Empfindungsfähigkeit“ mit „die Fähigkeit, etwas zu erfinden“ übersetzt, dann weist dieser Satz direkt auf den Autor dieses Dialogs zurück.

Er ist der Interpret einer Wirklichkeit, zu der wir alle Zugang haben, ohne ihr das Gleiche abzulauschen. Und dennoch: „Ich übersetze“, versichert Dolmetscher Kobayashi einmal, als spräche er zu Mitchells Lesern, „sehr treu.“ 

Katharina Teutsch

David Mitchell: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Roman. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 714 S., geb., 19,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

150 Jahre Seit’ an Seit’

Von Nils Minkmar

Die spröde, Camus düsteren „Mythos des Sisyphos“ verehrende Partei ist irgendwie Kult geworden: Die SPD feiert sich. Und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ist dabei ganz in ihrem Element. Mehr 9 3