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Veröffentlicht: 20.01.2012, 17:26 Uhr

F.A.Z.-Romane der Woche Die Purzelbäume des Zufalls

Von Liu Xiaobo könne auch Europäer lernen und Alexander Kluge sprüht vor Witz und Warmherzigkeit. Auf eine dunkle Zeit in der Geschichte der Insel Jersey konzentrierte sich indes Katharina Geiser. Neue Romane und Kurzgeschichten in Rezensionen der F.A.Z.

© Suhrkamp Verlag

Neue Welt-Weisheiten von Alexander Kluge, das Debüt von Richard Powers und manches mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

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Die ehrwürdige Gattung des Lebenslaufs ist in der neoliberalistischen Kultur nicht mehr gefragt. Einer Umfrage zufolge bevorzugen Personalchefs zur schnellen Information eine elektronische Auflistung, die mit der aktuellen Tätigkeit beginnt. Das Kapital interessiert sich für zu erwartenden Gewinn, nicht für die Schrift des Vergangenen. Noch wichtiger sind daher die Zukunftsvorstellungen der Bewerber.

Für Alexander Kluge aber ist der Lebenslauf mehr denn je das Gefäß aller Erfahrung der Welt. Der Mensch ist kein System, Verstehen formt sich nicht in Tabellen und Zahlen, sondern wie eh und je in Geschichten. Die moderne Welt mag unerzählerisch geworden sein, dennoch kommt alles, was der Fall ist, in Geschichten vor. „Für Menschen sind Lebensläufe die Behausung, wenn draußen Krise herrscht. Alle Lebensläufe gemeinsam bilden eine unsichtbare Schrift. Nie leben sie allein. Sie existieren in Gruppen, Generationen. Staaten, Netzen. Sie lieben Umwege und Auswege.“

In diesem Band ist alles abgedeckt

Vor fünfzig Jahren hat Alexander Kluge mit „Lebensläufe“ sein Debüt als Erzähler gegeben. Der Kritiker dieser Zeitung Friedrich Sieburg bezeichnete das Buch als „erschreckend großartig“. Trotz des erstaunlichen Erfolgs kündigte Kluge an, keine weiteren Lebensläufe verfassen zu wollen, obwohl „man das noch dutzendweise weiterführen könnte“. So ist das mit Lebensläufen, sie sind realistisch und fiktional zugleich, die Erinnerung ist „rebellischer Vogel“; wenn man ihn zu fest hält, erstickt er, zu locker, fliegt er davon. Absichten aber sind Spottdrosseln, die ihren Halter von oben her auslachen.

Für das fünfte große Geschichtenbuch nach den beiden Bänden der „Chronik der Gefühle“, Basisgeschichten, Lebensläufe (2000), „Die Lücke, die der Teufel lässt“ (2003) und „Tür an Tür mit einem anderen Leben“ (2006) hat der Erzähler noch einmal ganz tief in seine Schatzkiste gegriffen und dabei - nach der Devise: es wird nichts weggeschmissen - auch allerlei vergilbte Blättchen zutage gefördert, die der geneigte Leser schon kennt. Das macht aber nichts, Wiederholung sorgt für sozialen Zusammenhang. Alles, was dazu gehört, ist in dem Band abgedeckt: Klatsch und üble Nachrede, Gerüchte und Verschwörungstheorien, Lebensweisheiten und auch ein bisschen Angeberei, was einer alles so weiß über die Größen der Gesellschaft. Ein paar auserlesene Geschmacklosigkeiten etwa zum Liebesleiden Theodor W. Adornos fehlen auch nicht. Manchmal kommt der Erzähler dem Leser vor wie die Quasselstrippe von nebenan, die zu jedem Thema ein Anekdötchen aus der Familiengeschichte parat hat.

Gleichgewicht ist das Ziel

Bezaubernd aber ist die unverbrüchliche Solidarität, die Kluge mit dem eigensinnigen Kind in sich und anderen hegt und die eloquente Empörung darüber, mit welcher Härte er im kürzesten Märchen der Brüder Grimm bestraft wird, obwohl er doch in Deutschland gar keine ausgeprägte Eigenschaft ist. Es ein Lebensthema Kluges, wie sich die lebendige Arbeitskraft über Trennungen herstellt. Schon die Volksmärchen erzählen davon, dass ohne gelungene Trennungen niemand ein tüchtiger Erwachsener wird. Für jedes menschliche Arbeitsvermögen gibt es eine Episode in den Märchen der Völker. Trennungsenergien resultieren einerseits aus dem Mangel und der Verlusterfahrung, womit die meisten Märchen ja beginnen, und andererseits aus der Fähigkeit, darauf angemessen zu antworten. Ohne Trennungen entstehen unrealistische Wesen mit „dem kalten Blick der Vielgeliebten“, ähnlich dem „verwöhnten Helden Siegfried“ oder „Menschmaschinen“. Herzenskälte ist für Kluge die unerträglichste menschliche Eigenschaft, die für einen großen Teil der Schrecklichkeiten des zwanzigsten Jahrhunderts verantwortlich ist.

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