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F.A.Z.-Romane der Woche : Die grauen Zonen von Liebe und Verrat

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Bild: Verlag

Antonio Muñoz Molinas Roman spielt in den ersten Wochen des spanischen Bürgerkriegs, Thomas Glavinic schreibt über zwei Atheisten und Jochen Schimmang entwirft ein düsteres Zerrbild deutscher Geschichte in der Zukunft. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

          Er hat schon viele Romane geschrieben, kurze und lange, darunter einen fabelhaften Gesellschaftsroman im Gewand eines Thrillers (“Die Augen eines Mörders“), einen Kindheitsroman über den Tag der Mondlandung (“Mondwind“), einen Bildungsroman als politische Satire (“Der Putsch, der nie stattfand“), einen missglückten Roman über den Holocaust (“Sepharad“) und einige mehr. Doch was immer man dem spanischen Schriftsteller Antonio Muñoz Molina, Jahrgang 1956, nachsagen mag, er hat nie aufgehört, nach neuen Erzählformen zu suchen. Sein neuer Roman heißt „Die Nacht der Erinnerungen“ und ist tausend Seiten dick. Sein Hauptwerk? Auf jeden Fall. Zu lang? Eigentlich nicht. Hier und da knüpft der Autor seine Satzgirlanden etwas opulenter als nötig und will uns mächtig beeindrucken; gelegentlich wird sein üppiger Stil zu schlagsahnig und droht durch Schwelgerei zu verbuttern. Doch das ist unerheblich bei diesem totalen Roman voller Klugheit, Anteilnahme, eindringlicher Schilderungen und scharfsinniger Psychologie.

          Madrid, 1936. Ignacio Abel, Architekt und überzeugter Sozialist, ist mit dem Bau der Universitätsstadt beauftragt, dem Bildungsprojekt des neuen Staates. Er ist ein Mann des Fortschritts, der seinen Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen der Ehe mit einer Frau aus reichem nationalkatholischem Haus verdankt. Arriviert, zwei Kinder; regelmäßig drohen Familienessen mit Schwager und Schwiegereltern. Die Ehe ist in komfortabler Langeweile erstarrt, da verliebt Ignacio sich in die amerikanische Studentin Judith Biely und lässt zu, dass die stürmische Affäre sein Leben aus dem Gleis wirft. Auch die Ordnung des Landes beginnt sich aufzulösen: Spaniens Militärs putschen, am 18. Juli 1936 bricht der Bürgerkrieg aus. Getrennt von seiner Familie, die im Landhaus auf der anderen Seite der Front geblieben ist, stürzt Ignacio Abel ins Nichts. Madrid wird zur belagerten Stadt, in der das Volk sich bewaffnet, Kirchen in Brand setzt und politisch Verdächtige summarisch exekutiert. Und während der Privatmann Ignacio Abel wie besessen seiner verlorenen Liebe nachjagt, erkennt der Bürger Ignacio Abel, dass sein ganzes Land in Flammen steht.

          Berühmte Intellektuelle und Politiker schlendern über die Seite

          „Die Nacht der Erinnerungen“ ist historisch zuverlässig verankert. Wir erfahren, wie trübe die Gaslaternen im Madrid von 1936 die Gassen erleuchteten, wie die Tagelöhner am Stadtrand hausten, wir sehen die kahlgeschorenen Kinder der Armen, hören Pferdefuhrwerke durch die Straßen klappern und atmen den Geruch der Ledermacher an den Ufern des Manzanares. Berühmte Intellektuelle und Politiker schlendern über die Seiten, darunter García Lorca, ein Mordopfer der ersten Kriegswochen, oder der geckenhafte Rafael Alberti mit langem blonden Dichterhaar.

          Die Wiedererschaffung der Welt von gestern bedient keine nostalgischen Bedürfnisse, sondern ist die bewusste Beschwörung eines unfertigen Milieus, verschwundener Gegenstände und sinnlos zerstörter Lebensläufe. Dies war einmal Madrid, die Hauptstadt der Zweiten Spanischen Republik, bevor der dreijährige Zermürbungskrieg begann. Über viele Seiten hinweg hat Antonio Muñoz Molina eine Elegie auf das moderne Spanien geschrieben, das in den dreißiger Jahren hätte entstehen können. Mit der Schuldfrage, warum es nicht dazu kam, macht Muñoz Molina es sich nicht leicht.

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