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F.A.Z.-Romane der Woche Botschaften aus Wolkenkuckucksheim

 ·  Neue Bücher von Olga Martynova, Ivo Andric, Chris Adrian und Günter Herburger.

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Olga Martynovas Gedichte tasten nach dem Sinn von Worten, Ivo Andric untersucht das Bosnien der Türkenzeit und Chris Adrian schreibt Shakespeares Sommernachtstraum fort. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

Weite Wege liegen zwischen Frankfurt und Klagenfurt, Böhmen und dem Meer, Russland und Rom. Doch Literatur verschiebt häufig die Distanzen und damit auch die Vorstellungen von Raum und Zeit. In „Ich werde sagen ,Hi!‘“, einem Kapitel aus ihrem 2013 erscheinenden Roman „Mörikes Schlüsselbein“, für das Olga Martynova vor wenigen Tagen mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, hat die Autorin verschiedene Zeitschichten und Motive mit humorvoller Leichtigkeit verwebt, ihr literarisches Vermögen überzeugend bewiesen. Jurymitglied Paul Jandl charakterisierte den Text über einen Jungen, der in den Sommerferien von der Liebe träumt und sich im Schreiben versucht, als „Geburt des Dichters aus dem Geist der Erotik“.

Die 1962 im sibirischen Dudinka geborene, in Petersburg aufgewachsene Autorin hat dagegen ihre Geburt zur Dichterin längst hinter sich. Schon als sie Anfang der neunziger Jahre mit ihrem Mann, dem Lyriker Oleg Jurjew, von Petersburg nach Frankfurt am Main zog, war für sie das Schreiben selbstverständlich. Deutsche Worte kannte sie damals aber lediglich zwei, nämlich die Parole „Hände hoch!“ aus Kriegsfilmen, wie in einer Publikation der Robert-Bosch-Stiftung nachzulesen ist, die 2011 erschien, dem Jahr, in dem sie auch den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreise für ihren auf Deutsch verfassten, avantgardistischen Roman „Sogar Papageien überleben uns“ erhielt.

Verbindungslinien zum Werk Ingeborg Bachmanns

Martynova hat schreibend einen Sprachwechsel vollzogen. Für ihre Gedichte bevorzugt sie aber nach wie vor das Russische. Zusammen mit der Lyrikerin Elke Erb übersetzt sie ihre Verse anschließend wieder ins Deutsche, so auch die in dem Band „Von Tschwirik und Tschwirka“, der aus drei Zyklen besteht. Warum ihre Muttersprache die Sprache der Lyrik geblieben ist, erfährt man in einem erläuternden Text zum dritten Zyklus „Verse von Rom“. Von einem Rom-Besuch bei der Lyrikerin und Freundin Jelena Schwarz (1948 bis 2010) brachte Martynova zwei Pinienzapfen mit. In Frankfurt öffneten sie sich, die Kerne fielen heraus. Ihr Geruch setzte Erinnerungen frei. Doch um daraus ein Gedicht zu machen, brauchte es noch einen in der russischen Lyrik weit üblicheren Reim. Um Reimmöglichkeiten gedanklich durchzuspielen, so Martynova, bedürfe es einer Schnelligkeit, die ihr im Deutschen nicht zu Gebote stehe und die für das Schreiben von Prosa nicht notwendig sei. Leser der deutschen Übersetzung des Gedichts „Verse von Rom (3)“ finden diesen russischen Reim zwar nicht wieder. Mit den „duftenden römischen Zapfen/von den freigebigen römischen Pinien“ bezaubert aber auch die deutsche Fassung und entspricht der, in Worten Erbs, „grazilen Regsamkeit“ der russischen Verse.

Es mag Zufall sein, dass die „Verse von Rom“, der Titel des mit Jelena Schwarz publizierten Gedichtbandes „Rom liegt irgendwo in Russland“ (2006) Verbindungslinien zu Ingeborg Bachmanns Werk herstellen, zu Bachmanns Rom, zu ihrem Gedicht „Böhmen liegt am Meer“. Doch mit Blick auf die luftige Präzision von Martynovas Metaphern wie die von den „Krusten der verwilderten Zeit“ in Rom, auf den Anspielungsreichtum ihrer Verse, ihre Beweglichkeit in verschiedenen Gattungen erweist sie sich als würdige Nachfahrin der Klagenfurter Ahnin, als unbedingt lesenswerte Autorin, in deren Lese-, Schreib- und Denkraum viele Gäste aus der Literaturgeschichte verkehren.

Mit einer lyrisch-versponnene Kehrseite

Besonders gern gesehen sind die Oberiuten, Mitglieder der Gruppe um Daniil Charms und Alexander Wwedenski, dem der zweite Teil in „Von Tschwirik und Tschwirka“, das Poem „Wwedenskij“, gewidmet ist. Diese literarischen Vertreter der russischen Moderne liebten und suchten das Absurde und den Unsinn. Neben ihnen trifft man viele andere Autoren. Mit Ossip Mandelstam teilt Martynova die Auffassung, dass der Künstler, wenn man von Wirklichkeit spricht, die unendlich überzeugendere Wirklichkeit der Kunst kennt. Novalis’ „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren/Sind Schlüssel aller Kreaturen“ ist nicht nur ein Motto für ihr Gedicht „Wer spricht was“. Das „Un“ aus dem Gedicht „Tschwirkas Träume“ könnte mit Morgensterns „Zwi“ verwandt sein oder durch Mandelstams Kinderverse huschen. Vom „älteren deutschen Geheimrat“ weiß die Autorin, dass „wer sich Italien, insbesondere Rom gut angeschaut hat, nie mehr ganz unglücklich sein kann“. Aus Emily Dickinsons Gedichten kennt sie Biene und Klee und deren Klage um die Vergänglichkeit, aus deren Briefen die bange Frage „Leben sie, meine Verse?“ - Aspekte, die sie in „Emily Dickinsons Briefe (Die Biene und der Imker)“ zusammenbringt, einem Gedicht, das man Dickinson nachrufen könnte, um sie von der Lebendigkeit ihrer Verse zu überzeugen.

Dass es in Martynovas lyrischem Werk nicht nur gelehrt zugeht, sondern ebenso wild, phantasievoll und experimentell, bezeugt auch das Vorwort zum titelgebenden Zyklus „Von Tschwirik und Tschwirka“. Die Arbeit am Roman „Sogar Papageien überleben uns“, der parallel entstand, beanspruchte alles Rationale und Logische. Doch auch das Unsinnige und das Unlogische - ja, das „Un“ - verlangten nach literarischem Ausdruck. Der Zyklus ist also die lyrisch-versponnene Kehrseite des raffiniert gebauten Romans, und Martynova begegnete beim Schreiben mit Tschwirik und Tschwirka zwei Poesiewesen, die sich nur stückweise - „mal eine Zehe, mal eine Locke“ - zeigten.

Bereits die Titel sind Dichtkunst

Als Geburtshelfer dieser Wesen agierten natürlich die den Nonsens liebenden Oberiuten, über die Marina, die Hauptfigur in „Sogar Papageien überleben uns“ forscht. Doch man kann auch in den Vögeln aus Aristophanes’ Wolkenkuckucksheim Vorfahren von „Tschwirik und Tschwirka“ vermuten, in Ariel, Shakespeares Luftwesen aus „The Tempest“, in Papageno und Papagena aus Mozarts „Zauberflöte“. Die Gedichte des Zyklus, zum Teil ein Wechselgesang zwischen Tschwirik und Tschwirka, flattern im Sinne ihrer Erfinderin über alles von der Sprache, der Logik, der Wirklichkeit Vorgegebene hinaus. Sie beäugen, belauschen und prüfen die Welt, malen mit Lauten, suchen nach dem Sinn der Worte, wovon das Gedicht „Tschwirka lernt Vokabeln und versucht zu begreifen, wozu sie gut sind“ spricht.

Sie präsentieren Vögel wie den Kagu, solche, „die sich die Achselhöhlen rasieren“, oder „die Eule, die Zweifel am Flug überkommen“. Indem „Tschwirik“ und „Tschwirka“ den Klang des deutschen Adjektivs „schwierig“ und dessen Steigerung nachbilden, werden mit dem Titel schon die Dreh- und Angelpunkte der rätselhaften Gedichte sichtbar: Komplexität, Humor und Klang. Am Ende blicken Martynovas Poesiewesen auf das Werk ihrer kapriolenschlagenden Imagination: „Tschwirik erdachte das Erdengeschick./Was wäre dazu zu sagen? Es scheint ihm gelungen. // Aber Tschwirka sagte zu ihm: „Ich werde hier welk. Komm, wir kehren zurück.“ // Und Tschwirik erbarmte sich ihrer.“ Die Erde ist kein dauerhafter Aufenthaltsort für diese Luftgeister. Doch ihre Verse sind nun in der Welt, die einiges mehr vertragen könnte von einer so geist- und lustvollen Sprachkunst, in der Unverbundenes verbunden, ästhetisch Ungekanntes entdeckt wird.

Beate Tröger

Olga Martynova: „Von Tschwirik und Tschwirka“. Gedichte. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Droschl Verlag, Graz, 2012, 96 S., geb., 16 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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