Home
http://www.faz.net/-gr0-757vs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Romane der Woche Beamter im Ruhestand ist kein Traumberuf

Joris-Karl Huysmans macht Kafka Konkurrenz, Christian Schüle schreibt seinen ersten Roman über die letzten Tage und Matthias Zschokke schickt einen „Gemütsalbino“ auf Reisen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

© Verlage

Joris-Karl Huysmans macht Kafka Konkurrenz, Christian Schüle schreibt seinen ersten Roman über die letzten Tage und Matthias Zschokke schickt einen „Gemütsalbino“ auf Reisen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

Mehr zum Thema

Als Harry Quilter im Jahr 1888 den französischen Schriftsteller Joris-Karl Huysmans um eine Erzählung für seine englische Literaturzeitschrift „Universal Review“ bat, lag die Publikation von „À rebours“ (auf Deutsch „Gegen den Strich“), des Romans, mit dem Huysmans auf einen Schlag berühmt geworden war, erst vier Jahre zurück. Man durfte den mittlerweile vierzigjährigen Verfasser wohl als einen Spätberufenen ansehen, in dessen Schreibtisch sich die Manuskripte stapeln mochten. Auf einen solchen Vorrat setzte jedenfalls Quilter, der in dem Irrtum befangen war, der dekadente Protagonist von „À rebours“ wäre ein Alter Ego von Huysmans, und somit könne es im Leben des Schriftstellers nur um Kunst gehen. Tatsächlich aber war Huysmans Beamter, Stellvertretender Büroleiter im Innenministerium, und seine Schreibzeit war knapp bemessen.

Dennoch fertigte er in kurzer Zeit für Quilter eine Erzählung an: über einen subalternen Beamten, der unfreiwillig in den frühen Ruhestand geschickt wird. Auch dieser Monsieur Bougran ist kein Alter Ego seines Verfassers, dafür ist er einerseits zu alt (fünfzig statt vierzig Jahre) und zu sehr auf seinen Beruf fixiert. Bougran weiß außer Dienst nichts mit sich anzufangen, und deshalb trifft ihn die Frühpensionierung wie ein Schlag.

Konkurrenz für Kafka

Dann schlägt er zurück. Um dem Fluch der Freiheit zu entgehen, baut er daheim sein altes Büro nach: „Als erstes lief Monsieur Bougran zum Tapetenhändler und kaufte einige Rollen einer scheußlichen Cicorée-mit-Milch-farbenen Tapete, mit er die Wände seines kleinsten Zimmers bekleben ließ; dann kaufte er einen Schreibtisch aus schwarzgestrichenem Tannenholz mit einem Aufsatz für Ablagen, einen kleinen Tisch, auf dem er eine schartige Waschschüssel und ein altes Glas mit einem Stück Eibischseife stellte, einen Rohrsessel und zwei Stühle, die er halbkreisförmig anordnete.“ Und so geht es weiter mit den Beschreibungen des bürokratischen Ambientes - in exakt jener akribischen Genauigkeit, für die man Huysmans nach dem Erscheinen von „À rebours“ gefeiert hatte. Doch diesmal galt diese Beschreibungsqualität nicht dem Luxus eines reichen verfeinerten Tunichtguts, sondern der Tristesse eines armen verrenteten Strebers. Der Auftraggeber Quilter schickte den Text zurück, denn er hatte sich von diesem frivolen Franzosen einen süffisanten Beitrag erhofft, nicht einen subtilen.

Das aber ist diese Erzählung, die nun unter dem Titel „Monsieur Bougran in Pension“ erstmals auf Deutsch erscheint. Auch in Frankreich wurde sie erst 1964 veröffentlich, fast sechs Jahrzehnte nach dem Tod des Autors. Huysmans, ein skrupulöser Schreiber, hatte nie mehr versucht, sie an anderer Stelle unterzubringen. Und so entging der französischen Literatur ein Prosastück, das geeignet ist, Kafka Konkurrenz zu machen.

Negation und Narrenspiel

Die Geschichte beginnt und endet als Farce, doch dazwischen liegt eine existenzielle Frage, die heute neue Relevanz bekommen hat: Was für ein Selbstwertgefühl hat ein Mensch, dessen Arbeit verschmäht wird? „Er, dessen Hingabe so weit ging, dass er Sonn- und Feiertage opferte, um die ihm anvertraute Arbeit nicht ins Stocken geraten zu lassen. Und das war nun der Dank für seinen Eifer!“ Der Idealist wird auf die materielle Basis allen Interesses an seiner Person reduziert, „der Minister wollte zweifellos einen Günstling unterbringen, denn Stellen mit tatsächlichem Rentenanspruch wurden rar“. Ihn wird nach dem Ausscheiden aus dem Amt keine Not drücken, doch Monsieur Bougran ist der Welt abhanden gekommen, in der er als Junggeselle ohne Angehörige nur am Schreibtisch seinen Platz gefunden hat.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Autor und Orientalist Friedenspreis für Navid Kermani

Der Orientalist Navid Kermani erhält den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Eine gute Entscheidung: Der Deutsch-Iraner zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Öffentlichkeit, wenn es um den Dialog der Kulturen und Religionen geht. Mehr

18.06.2015, 10:30 Uhr | Feuilleton
Kinotrailer Tod den Hippies – Es lebe der Punk!

Tod den Hippies – Es lebe der Punk!, 2015. Regie: Oskar Roehler. Darsteller: Tom Schilling, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Emilia Schüle. Verleih: X-Verleih. Kinostart: 26.03.2015 Mehr

10.03.2015, 14:13 Uhr | Feuilleton
Protokollchef in Hessen Der Mann hinter dem Queen-Besuch

Protokollchef Dieter Beine bereitet den Besuch von Königin Elisabeth II. in Frankfurt vor. Was alles andere als ein Routinejob ist: Eine Fülle von Details ist zu bedenken, wenn sie Stadt solch prominente Gäste empfängt. Mehr Von Peter Lückemeier, Frankfurt

23.06.2015, 16:17 Uhr | Rhein-Main
Polizist quittiert den Dienst Brutaler Einsatz bei Poolparty

Nach der Empörung über Polizeigewalt gegen unbewaffnete schwarze Jugendliche bei einer Poolparty im amerikanischen Bundesstaat Texas hat der kritisierte Beamte Eric C. seinen Dienst quittiert. Ein Youtube-Video zeigt chaotische Szenen und einen weißen Beamten, der ein schwarzes Mädchen im Bikini zu Boden drückt sowie gegen zwei Jugendliche die Waffe zieht. Mehr

10.06.2015, 14:35 Uhr | Gesellschaft
Höheres Strafgeld Schwarzfahren wird ab heute teurer

Wer sich in öffentlichen Verkehrsmitteln künftig ohne Ticket ertappen lässt, muss von sofort an mindestens 60 Euro zahlen. Für professionelle Schwarzfahrer ist das immer noch zu günstig. Mehr Von Gabriella Bassu

01.07.2015, 12:23 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.12.2012, 08:31 Uhr

Glosse

Tunnelblickrock

Von Dietmar Dath

Altmodischer Gitarrendresche, Beckenschläge und Drumroll: Mit „Selbstauslöser“ putzt sich der S-Bahn-Fahrer die Ohren frei. Dann steigt ein Pärchen ein, und plötzlich wird das Abteil zur Musikvideo-Kulisse. Mehr 1