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Sachbücher des Jahres

F.A.Z.-Romane der Woche Beamter im Ruhestand ist kein Traumberuf

Joris-Karl Huysmans macht Kafka Konkurrenz, Christian Schüle schreibt seinen ersten Roman über die letzten Tage und Matthias Zschokke schickt einen „Gemütsalbino“ auf Reisen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

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Joris-Karl Huysmans macht Kafka Konkurrenz, Christian Schüle schreibt seinen ersten Roman über die letzten Tage und Matthias Zschokke schickt einen „Gemütsalbino“ auf Reisen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

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Als Harry Quilter im Jahr 1888 den französischen Schriftsteller Joris-Karl Huysmans um eine Erzählung für seine englische Literaturzeitschrift „Universal Review“ bat, lag die Publikation von „À rebours“ (auf Deutsch „Gegen den Strich“), des Romans, mit dem Huysmans auf einen Schlag berühmt geworden war, erst vier Jahre zurück. Man durfte den mittlerweile vierzigjährigen Verfasser wohl als einen Spätberufenen ansehen, in dessen Schreibtisch sich die Manuskripte stapeln mochten. Auf einen solchen Vorrat setzte jedenfalls Quilter, der in dem Irrtum befangen war, der dekadente Protagonist von „À rebours“ wäre ein Alter Ego von Huysmans, und somit könne es im Leben des Schriftstellers nur um Kunst gehen. Tatsächlich aber war Huysmans Beamter, Stellvertretender Büroleiter im Innenministerium, und seine Schreibzeit war knapp bemessen.

Dennoch fertigte er in kurzer Zeit für Quilter eine Erzählung an: über einen subalternen Beamten, der unfreiwillig in den frühen Ruhestand geschickt wird. Auch dieser Monsieur Bougran ist kein Alter Ego seines Verfassers, dafür ist er einerseits zu alt (fünfzig statt vierzig Jahre) und zu sehr auf seinen Beruf fixiert. Bougran weiß außer Dienst nichts mit sich anzufangen, und deshalb trifft ihn die Frühpensionierung wie ein Schlag.

Konkurrenz für Kafka

Dann schlägt er zurück. Um dem Fluch der Freiheit zu entgehen, baut er daheim sein altes Büro nach: „Als erstes lief Monsieur Bougran zum Tapetenhändler und kaufte einige Rollen einer scheußlichen Cicorée-mit-Milch-farbenen Tapete, mit er die Wände seines kleinsten Zimmers bekleben ließ; dann kaufte er einen Schreibtisch aus schwarzgestrichenem Tannenholz mit einem Aufsatz für Ablagen, einen kleinen Tisch, auf dem er eine schartige Waschschüssel und ein altes Glas mit einem Stück Eibischseife stellte, einen Rohrsessel und zwei Stühle, die er halbkreisförmig anordnete.“ Und so geht es weiter mit den Beschreibungen des bürokratischen Ambientes - in exakt jener akribischen Genauigkeit, für die man Huysmans nach dem Erscheinen von „À rebours“ gefeiert hatte. Doch diesmal galt diese Beschreibungsqualität nicht dem Luxus eines reichen verfeinerten Tunichtguts, sondern der Tristesse eines armen verrenteten Strebers. Der Auftraggeber Quilter schickte den Text zurück, denn er hatte sich von diesem frivolen Franzosen einen süffisanten Beitrag erhofft, nicht einen subtilen.

Das aber ist diese Erzählung, die nun unter dem Titel „Monsieur Bougran in Pension“ erstmals auf Deutsch erscheint. Auch in Frankreich wurde sie erst 1964 veröffentlich, fast sechs Jahrzehnte nach dem Tod des Autors. Huysmans, ein skrupulöser Schreiber, hatte nie mehr versucht, sie an anderer Stelle unterzubringen. Und so entging der französischen Literatur ein Prosastück, das geeignet ist, Kafka Konkurrenz zu machen.

Negation und Narrenspiel

Die Geschichte beginnt und endet als Farce, doch dazwischen liegt eine existenzielle Frage, die heute neue Relevanz bekommen hat: Was für ein Selbstwertgefühl hat ein Mensch, dessen Arbeit verschmäht wird? „Er, dessen Hingabe so weit ging, dass er Sonn- und Feiertage opferte, um die ihm anvertraute Arbeit nicht ins Stocken geraten zu lassen. Und das war nun der Dank für seinen Eifer!“ Der Idealist wird auf die materielle Basis allen Interesses an seiner Person reduziert, „der Minister wollte zweifellos einen Günstling unterbringen, denn Stellen mit tatsächlichem Rentenanspruch wurden rar“. Ihn wird nach dem Ausscheiden aus dem Amt keine Not drücken, doch Monsieur Bougran ist der Welt abhanden gekommen, in der er als Junggeselle ohne Angehörige nur am Schreibtisch seinen Platz gefunden hat.

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