Home
http://www.faz.net/-gr1-757vs
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Romane der Woche Beamter im Ruhestand ist kein Traumberuf

 ·  Joris-Karl Huysmans macht Kafka Konkurrenz, Christian Schüle schreibt seinen ersten Roman über die letzten Tage und Matthias Zschokke schickt einen „Gemütsalbino“ auf Reisen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Joris-Karl Huysmans macht Kafka Konkurrenz, Christian Schüle schreibt seinen ersten Roman über die letzten Tage und Matthias Zschokke schickt einen „Gemütsalbino“ auf Reisen. Dies und mehr in den F.A.Z.-Romanen der Woche.

Als Harry Quilter im Jahr 1888 den französischen Schriftsteller Joris-Karl Huysmans um eine Erzählung für seine englische Literaturzeitschrift „Universal Review“ bat, lag die Publikation von „À rebours“ (auf Deutsch „Gegen den Strich“), des Romans, mit dem Huysmans auf einen Schlag berühmt geworden war, erst vier Jahre zurück. Man durfte den mittlerweile vierzigjährigen Verfasser wohl als einen Spätberufenen ansehen, in dessen Schreibtisch sich die Manuskripte stapeln mochten. Auf einen solchen Vorrat setzte jedenfalls Quilter, der in dem Irrtum befangen war, der dekadente Protagonist von „À rebours“ wäre ein Alter Ego von Huysmans, und somit könne es im Leben des Schriftstellers nur um Kunst gehen. Tatsächlich aber war Huysmans Beamter, Stellvertretender Büroleiter im Innenministerium, und seine Schreibzeit war knapp bemessen.

Dennoch fertigte er in kurzer Zeit für Quilter eine Erzählung an: über einen subalternen Beamten, der unfreiwillig in den frühen Ruhestand geschickt wird. Auch dieser Monsieur Bougran ist kein Alter Ego seines Verfassers, dafür ist er einerseits zu alt (fünfzig statt vierzig Jahre) und zu sehr auf seinen Beruf fixiert. Bougran weiß außer Dienst nichts mit sich anzufangen, und deshalb trifft ihn die Frühpensionierung wie ein Schlag.

Konkurrenz für Kafka

Dann schlägt er zurück. Um dem Fluch der Freiheit zu entgehen, baut er daheim sein altes Büro nach: „Als erstes lief Monsieur Bougran zum Tapetenhändler und kaufte einige Rollen einer scheußlichen Cicorée-mit-Milch-farbenen Tapete, mit er die Wände seines kleinsten Zimmers bekleben ließ; dann kaufte er einen Schreibtisch aus schwarzgestrichenem Tannenholz mit einem Aufsatz für Ablagen, einen kleinen Tisch, auf dem er eine schartige Waschschüssel und ein altes Glas mit einem Stück Eibischseife stellte, einen Rohrsessel und zwei Stühle, die er halbkreisförmig anordnete.“ Und so geht es weiter mit den Beschreibungen des bürokratischen Ambientes - in exakt jener akribischen Genauigkeit, für die man Huysmans nach dem Erscheinen von „À rebours“ gefeiert hatte. Doch diesmal galt diese Beschreibungsqualität nicht dem Luxus eines reichen verfeinerten Tunichtguts, sondern der Tristesse eines armen verrenteten Strebers. Der Auftraggeber Quilter schickte den Text zurück, denn er hatte sich von diesem frivolen Franzosen einen süffisanten Beitrag erhofft, nicht einen subtilen.

Das aber ist diese Erzählung, die nun unter dem Titel „Monsieur Bougran in Pension“ erstmals auf Deutsch erscheint. Auch in Frankreich wurde sie erst 1964 veröffentlich, fast sechs Jahrzehnte nach dem Tod des Autors. Huysmans, ein skrupulöser Schreiber, hatte nie mehr versucht, sie an anderer Stelle unterzubringen. Und so entging der französischen Literatur ein Prosastück, das geeignet ist, Kafka Konkurrenz zu machen.

Negation und Narrenspiel

Die Geschichte beginnt und endet als Farce, doch dazwischen liegt eine existenzielle Frage, die heute neue Relevanz bekommen hat: Was für ein Selbstwertgefühl hat ein Mensch, dessen Arbeit verschmäht wird? „Er, dessen Hingabe so weit ging, dass er Sonn- und Feiertage opferte, um die ihm anvertraute Arbeit nicht ins Stocken geraten zu lassen. Und das war nun der Dank für seinen Eifer!“ Der Idealist wird auf die materielle Basis allen Interesses an seiner Person reduziert, „der Minister wollte zweifellos einen Günstling unterbringen, denn Stellen mit tatsächlichem Rentenanspruch wurden rar“. Ihn wird nach dem Ausscheiden aus dem Amt keine Not drücken, doch Monsieur Bougran ist der Welt abhanden gekommen, in der er als Junggeselle ohne Angehörige nur am Schreibtisch seinen Platz gefunden hat.

Eine tragische Figur ist das, die erst nach dem Geistesblitz des in der Wohnung nachinszenierten Büros mit Recht ausrufen darf: „Ich bin wieder zu Hause!“ Huysmans schafft seinen Beamten als Gegenentwurf zum Melvilleschen Bartleby, dem zweiten großen Schreiber der Novellenliteratur des neunzehnten Jahrhunderts. Bougran möchte lieber doch und immer weiter, und so baut er nicht nur seine Amtsstube nach, sondern beginnt auch einen Briefwechsel mit sich selbst, in dem er all die vertrackten Formulierungskünste der zwanzigjährigen Berufserfahrung zum Einsatz bringt, denn als sein eigenes Gegenüber ist er ja auch mit allen Wassern gewaschen. Immer hatte es im Büro gegolten, die Einsprüche der Bürger abzuweisen. Am Schluss erliegt der Beamte im Ruhestand einem Schlaganfall, nachdem er unter Einsatz seines ganzen Intellekts einen besonders komplizierten imaginären Fall erledigt zu haben glaubt. Ihm entging, das sein bürokratisches Negationsprinzip die Grundlage für die Weltuntüchtigkeit war, die ihn zu diesem Narrenspiel gezwungen hat.

Hineinversetzt ins Kleinkarierte

Doch das wäre nicht genug, um die Erzählung zum Meisterstück zu machen. Ergänzt wird der Bougransche Haushalt durch die Auwärterin Eulalie und den ehemaligen Büroboten Huriot, den der Hausherr von der Straße weg engagiert hat, als er bemerkte, dass man allein keine ganze Bürokratie simulieren kann. In Eulalie hat Huysmans eine Figur geschaffen, die in ihrer moralischen Egozentrik Prousts Françoise aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vorwegnimmt, mit Huriot einen skrupellosen Nutznießer, den sich Canetti nicht schöner hätte ausdenken können. Und das auf gerade einmal zwanzig Seiten.

Gernot Krämer hat für das Französisch von Huysmans eine wunderbar präzise Entsprechung gefunden, indem er die umständlichen Aktenvermerke ins entsprechende Kanzleideutsch bringt und den Rest der Erzählung in einen leicht gestelzten Ton überträgt, der dem reaktionären Charakter Bougrans Rechnung trägt, dessen Beamtenkarriere im Zweiten Kaiserreich begonnen hat und in der Dritten Republik endet. „Die Zeit der demokratischen Greuel war angebrochen, und die Anrede Exzellenz, welche die Minister untereinander einst gebraucht hätten, war verschwunden. Man schrieb von Ministerium zu Ministerium, ohne große Umstände zu machen, wie Händler und Kleinbürger.“ Huysmans versetzt uns ins kleinkarierte Denken dieses Bourgeois, dem Form und Format alles bedeuten. Darin ist er dem Aristokraten Jean Floressas Des Esseintes aus „À rebours“ erschreckend ähnlich.

Doch dieses bürokratisch-ästhetizistische Spiegelbild der großen Erfolgsfigur von Huysmans entdeckte Quilter nicht, als er die Geschichte ablehnte. Sie war in der Aufmerksamkeit, die sie einem unmenschlichen allzumenschlichen Typus widmete, ihrer Zeit voraus. Leichte formale Mängel wie die explizite Erläuterung einer symbolistischen Schilderung von mühsam in ihre Form gezwungenen Ziersträuchern in einer Baumschule oder das Klischeebild eines mitleidlosen Vorgesetzten verblassen gegen die Modernität einer Psychologisierung des nur scheinbar Absurden, die ihre einzige Parallele im neunzehnten Jahrhundert in Gogol hat. Dass wir sie nun im einundzwanzigsten Jahrhundert auf Deutsch lesen können, noch dazu in einem der zauberhaften Quarthefte der Friedenauer Presse, ist ein großes Glück.

Andreas Platthaus

Joris-Karl Huysmans: „Monsieur Bougran in Pension“. Erzählungen. Aus dem Französischen übersetzt von Gernot Krämer. Mit einem Nachwort von Daniel Grojnowski. Friedenauer Presse, Berlin 2012, 32. S., brosch., 9,50 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

99 Luftballons

Von Fridtjof Küchemann

Google will jetzt auch die Lufthoheit und lässt kommunizierende Ballons durch die Stratosphäre segeln. Wie niedlich, könnte man meinen, würde man den kalifornische Datensammler nicht besser kennen. Mehr 1